US-Wahlkampf : Olympia der Demokratie

Von Rüdiger Schaper

So geht das. Obama hängt Hillary ab, Hillary schockt Obama, und die Umfragen waren so viel wert wie US-Immobilienkredite. Und das ist erst der Auftakt der Kandidatenkür. Iowa, New Hampshire – kann man vergessen, wenn es nachher um die Delegiertenstimmen geht. Aber die Aussicht auf ein Amerika, auf eine Welt ohne George W. und Cheney im Weißen Haus lässt gewaltige Euphorie, ja messianische Gefühle aufschäumen. Als käme es schon gar nicht mehr auf das rechnerische Ergebnis an! Obamas gebetsmühlenartiger Ruf nach der Wende, in den fast alle Kandidaten, ob Demokraten oder Republikaner, einstimmen, erinnert an den „Wind of Change“, die Perestrojka damals in der zerbröselnden Sowjetunion. Die USA, ein comeback country?

So geht das. So schnell. Amerika, nach all den außenpolitischen Katastrophen nun noch von einer drohenden Rezession geschüttelt, wird plötzlich wieder eine emotionale Bank. Amerika mit seinem sündhaft teuren, absurd aufwendigen Wahlsystem – der Milliardär und New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg lotet, wie es heißt, seine Chancen noch aus – will wieder Vorbild sein. Amerika, der weltweit größte, zuletzt nicht sonderlich erfolgreiche Demokratieexporteur, durchläuft selbst ein gesellschaftliches Experiment, das bereits in der Frühphase mitreißt. Schon allein wegen der Alternativen, die in den meisten Ländern dieser Welt undenkbar wären.

Kann ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten werden? Obama gegen Osama? Kann eine Frau das Oval Office erobern? Nach dem Bush-Clan die Clinton-Dynastie? Wie schwarz ist Obama, wie weiblich Hillary – keine angenehmen, aber unumgängliche Fragen. Sie werden gestellt, sie werden die Wahl entscheiden. Die Altfeministin Gloria Steinem beklagt in der „New York Times“ die Paradoxie, dass Obamas Herkunft und Kandidatur als etwas die Menschen Verbindendes empfunden werden, während Hillary Clintons Machtanspruch – immer noch – das Wahlvolk spalte. „Woman is the nigger of the world“, sangen einst Yoko Ono und John Lennon.

Des Ausgangs ungeachtet kann man aber schon sehen: Dieser US-Wahlkampf läuft wie multikultureller Anschauungsunterricht. Darin liegt eine große Faszination. Demokratisch und multikulturell, das lässt sich nicht mehr trennen. Auch bei den Republikanern zeigt sich, wenn schon kein überzeugender „Frontrunner“ bislang, so doch eine gewisse gesellschaftliche Breite und Toleranz; vielleicht auch nur aus Verzweiflung. Romney ist Mormone, Huckabee ein Südstaatenprediger, Giuliani (jedenfalls für die religiöse Rechte) ein unmoralischer Lebemann aus Manhattan, und McCain noch einmal ganz old school, wenn auch beim Parteiestablishment nicht sehr beliebt.

So geht das. Verdammt kompliziert. Wie so ein „Caucus-Rennen“ funktioniert, beschreibt Lewis Carroll in „Alice im Wunderland“. Es hat sich viel nicht geändert seit diesem Klassiker der phantastischen Literatur aus dem 19. Jahrhundert. Da laufen komische bunte Vögel nach eigenen Regeln im Kreis herum, bis das Dodo-Schnabeltier den therapeutischen Wettbewerb mit den Worten beendet: Alle haben gewonnen!

China, die neue Macht, unternimmt gigantische Anstrengungen, um sich bei den Olympischen Spielen 2008 als Reich der unbegrenzten Möglichkeiten zu präsentieren. Die alternde Supermacht Amerika veranstaltet, von Januar bis November, keine geringere Show – ein Olympia der Demokratie. Und im Irak warten die Soldaten auf ihre Heimkehr.

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