Zeitung Heute : USA streiten über Gedenken zu 9/11

Matthias B. Krause

New York - Am liebsten hätten sie es, wenn er einfach den Mund hielte. Der geplante Auftritt des ehemaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani bei den Feierlichkeiten zum heutigen sechsten Jahrestag der Anschläge vom 11. September löst bei vielen in New York ungute Gefühle aus. Schließlich ist Giuliani längst nicht mehr nur der Ex-Bürgermeister, der der Stadt in einer schwierigen Zeit Halt gab. Er ist vielmehr der Geschäftsmann, der aus seinem am 11. September 2001 gewonnenen Ruf als führungsstarker Sicherheitsexperte Millionen machte. Und vor allen Dingen ist er der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der sich wie kein anderer als die einzig wahre Antwort auf die Terroristen ausgibt.

Giuliani solle wie Hillary Clinton einfach schweigend dabeistehen, wenn die Namen der fast 3000 Getöteten vorgelesen werden, forderte die „New York Times“. Die Feuerwehrleute würden sich wünschen, dass er gar nicht auftaucht. Sie werfen ihm vor, durch Missmanagement und Geiz den Tod vieler ihrer Kollegen verschuldet zu haben. Weil ihre veralteten Funkgeräte nicht funktionierten, hörten sie den Befehl zur Evakuierung der Zwillingstürme nie. Bürgermeister Michael Bloomberg hat seinen Vorgänger eingeladen, eine Passage aus einem Text zu lesen – nicht mehr und nicht weniger. Giuliani selbst sagt, er werde sich am 11. September am Ground Zero blicken lassen, solange er lebe. Gleichzeitig versprach er hoch und heilig, den Anlass „nicht zu politisieren“. Aber dazu ist es zu spät. Längst wird darüber gestritten, wie viel Erinnerung genug sei. Weil fleißig an der Wiederauferstehung des World Trade Centers gewerkelt wird, findet die Zeremonie erstmals in einem Park statt. Der erste Schritt, um das Gedenken herunterzufahren, fürchten Angehörige der Opfer. Ein weiterer Schritt hin zur Normalität und zur angemessenen Würdigung eines historischen Ereignisses, entgegnen ihre Kritiker. Matthias B. Krause

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