USA : Supermacht der Gefühle

Vorwahlabend in New Hampshire, erste Prognosen, große Augen: Hillary Clinton führt! Alle Demoskopen haben sich geirrt. Das Protokoll einer spannenden Nacht.

Clinton
Momente der Freude: Hillary Clinton (l.) nimmt die Glückwünsche ihres Mannes Bill und ihrer Tochter Chelsea entgegen. Dem Sieg bei...Foto: AFP

Melinda und Tanisha sind zum Feiern in die Nashua South High School gekommen. Die weiße Studentin aus New York und ihre schwarze Freundin aus Chicago sind die typischen jungen Freiwilligen, die Barack Obama mit ihrer Begeisterung und Energie vor fünf Tagen zum Sieg in Iowa getragen haben. In New Hampshire wollen sie es wiederholen. Auch hier deckt Schnee die Landschaft zu, aber seit ein paar Tagen lässt mildere Luft die Tagestemperaturen über den Gefrierpunkt steigen. Ihre Hausbesuche in Iowa hatten sie noch bei minus 15 Grad Kälte gemacht. Als begeisterte, tanzende und Fähnchen schwingende Kulisse bei Obamas Auftritten hat diese bunte Jugendarmee seinen ersten Erfolg gegen die favorisierte Hillary Clinton im Mittleren Westen ermöglicht.

Und natürlich erwarten Melinda und Tanisha, dass an diesem Dienstagabend der nächste Sieg ansteht. „O-ba-ma O-8, be the part of something great!“, skandieren die 1400 in der Sporthalle der High School. Das Gefühl, Teil einer großen Bewegung zu sein, der die Zukunft gehört, ist der einzige Dank für ihre Einsatzbereitschaft.

Es ist kurz nach 19 Uhr in dem kleinen Neuenglandstaat New Hampshire. Die Wahllokale haben gerade geschlossen. Wenn die Demoskopen Recht behalten, kann es nur noch zwei Stunden dauern bis zu Obamas zweiter Triumphrede. Fast alle Umfragen haben einen Sieg für ihn vorhergesagt, die meisten mit neun bis 13 Prozent Vorsprung. 500 000 der 1,2 Millionen Einwohner haben abgestimmt, 280 000 bei den Demokraten, 220 000 bei den Republikanern. Das ist neuer Rekord. Und doch eine überschaubare Zahl. Sobald ein klarer Trend feststeht, gratulieren erst die Unterlegenen über das Fernsehen den Siegern. Dann folgt als Krönung der Auftritt des jeweiligen Triumphators.

Doch plötzlich schauen sich alle ungläubig an. Laut dem Fernsehbild mit den ersten Prognosen um 20 Uhr 15 an der weißen Stirnwand führt Clinton nach Auszählung von zwölf Prozent der Stimmen mit 39 zu 37 Prozent. Fünf Minuten später ist ihr Vorsprung auf 40 zu 36 gewachsen. Die Gesichter ringsum werden blass.

Der TV-Moderator ist selbst verunsichert und mutmaßt: Vielleicht sind die jungen Wähler diesmal nicht gekommen. Wie als Antwort intoniert die Halle trotzig Obamas Botschaft: „Fired up, ready to go!“, als könnte man jetzt noch die fehlenden Wähler in die Wahllokale peitschen. Ein zweiter Sieg würde Obama endgültig zum Favoriten machen.

Aber die Bürger von New Hampshire sind für Überraschungen gut. 1992 hat hier Bill Clinton nach einer bitteren Auftaktniederlage in Iowa einen rettenden zweiten Platz erreicht. Er brachte ihm den Namen „Comeback Kid“ ein. 2000 hat bei den Republikanern John McCain hier George W. Bush geschlagen und fast aus der Spur geworfen. 2008 wird nichts aus dem vorhergesagten Erdrutschsieg für Barack Obama. Drei Stunden lang werden die Fernsehmoderatoren betonen, das Rennen sei zu eng, um den Ausgang vorherzusagen. Schon das ist eine Überraschung, gemessen an den eindeutigen Umfragen, die Hillary hinten sahen.

Bei ihrer Feier in der Sportarena der Southern New Hampshire University in Manchester brechen Emotionen auf. Dort hatten sich die Fans auf eine Niederlage eingestellt. Je länger Clintons Vorsprung hält, desto häufiger fallen sich ihre Anhänger in die Arme, hüpfen in die Höhe, schwenken die „Hillary for President“-Tafeln und schütteln ungläubig-selig den Kopf. Aber noch müssen sie sich etwas gedulden.

Bei den Republikanern dagegen ist das Ergebnis früher klar. Um 20 Uhr 15 wird der moderate John McCain zum Sieger über den Mormonen Mitt Romney erklärt, da ist gerade ein Drittel der Stimmen ausgezählt. Am Ende führt McCain mit 37 zu 32 Prozent. In den Tagen zuvor hatte er sich den für New Hampshire typischen „Townhall Meetings“ gestellt. Die Bürger dieser frühen britischen Kolonien denken basisdemokratisch. Sie wollen keine langen Reden hören, sondern Fragen stellen und klare Antworten bekommen. McCain gab nach seiner ersten Antwort stets das Mikrofon an den Fragesteller zurück, damit der nachhaken kann.

„The Mac is back“, rufen seine Anhänger im Chor, als John McCain um kurz nach 21 Uhr zu Fanfarenklängen vor die Kameras tritt. „Danke, New Hampshire, dass ihr mir zugehört habt“, sagt McCain in einer nüchternen Ansprache. „Ich werde euch immer die Wahrheit sagen, so gut ich sie kenne. Nicht das, was ihr hören wollt, sondern das, was ihr wissen müsst.“ Damit spielt der 71 Jahre alte Vietnam-Veteran auf seine unpopuläre Unterstützung für die Truppenverstärkung im Irak an. Im Sommer 2007 war er noch fast pleite gewesen, weil kaum jemand ihm folgen wollte. Jetzt, da die Zahl der Anschläge zurückgeht, gilt er als der Militärfachmann mit Weitblick, der nicht Stimmungen, sondern seinen Überzeugungen folgt. Solche Gradlinigkeit schätzen die Menschen in New Hampshire.

McCains Sieg macht auch den Obama- Anhängern Mut. Beide haben auf die Parteilosen gesetzt, die 45 Prozent der Wähler in New Hampshire ausmachen. Clinton kann eher auf die eingefleischten Demokraten rechnen. Tagsüber konnte man es in den Wahllokalen beobachten: Viele Menschen aller Altersgruppen ließen sich als Erstwähler registrieren. In Manchesters Wahlkreis 5, einem Arbeiterbezirk, entschuldigt sich Jeff Michelsen für die lange Schlange. Er ist der „Moderator“, wie der Leiter des Wahllokals hier genannt wird – und „ein Wikinger“, setzt der stämmige Nachfahre norwegischer Einwanderer hinzu. „Es ist großartig für die Demokratie, wenn Menschen, die noch nie gewählt haben, endlich kommen. Da wollen wir sie doch nicht durch Wartezeiten entmutigen.“

Und dann lässt er seinen Gefühlen freien Lauf, obwohl er eigentlich zu Neutralität verpflichtet ist. „Unser Land ist seit Jahren auf einem falschen Weg. Meine Freunde in Europa fragen mich, ob wir Amerikaner verrückt geworden sind? Nur die Bürger können den Kurs korrigieren. Heute geschieht es. Endlich.“ Die anwesenden Wahlbeobachter Obamas gehen sicher davon aus, dass die Neuwähler überwiegend für ihn stimmen. Auch die Demoskopen denken so.

Ein Irrtum, wie sich am Abend zeigt. Um 21 Uhr 15 führt Clinton auf der Anzeigetafel 40 zu 36 Prozent. Zwei Minuten später heißt es 39 zu 36 – was die Sporthalle nochmal zu hoffnungsvollen Obama-Sprechchören treibt. Kommt jetzt die Wende? Erst 37 Prozent sind ausgezählt.

Um 22 Uhr 15 tritt John Edwards, der mit nur 17 Prozent weit abgeschlagene Dritte vor die Kameras. „In Iowa habe ich Barack Obama gratuliert“: ein kleiner Seitenhieb auf seine Erzfeindin Clinton, die dort hinter ihm auf Platz drei kam. „Hier gratuliere ich Hillary und Barack. Vor uns liegen noch 48 Staaten. Mehr als 99 Prozent der Wähler sind noch nicht gehört worden. Ich bleibe im Rennen, bis der amerikanische Traum wieder lebt!“

Noch immer zögern Fernsehen und Nachrichtenagenturen, Clinton zur Siegerin zu erklären. Sie hat die größeren Städte gewonnen, voran Manchester und Nashua, das ist nun klar. Aber die Ergebnisse aus mehreren kleinen College-Städten fehlen noch. Wenn Obama dort so viele Stimmen von Studenten erhält wie in Iowa, kann er sie noch überholen. Doch ihr Vorsprung hält. Um 22 Uhr 35 legt sich die Agentur AP auf ihren Sieg fest. Kurz vor 23 Uhr folgen NBC und CNN. Das Endergebnis lautet 39 zu 36 Prozent. Nur 7695 Stimmen trennen Hillary und Barack.

Im Nachhinein können die Demoskopen erklären, was passiert ist – und welche Faktoren sie in ihren Prognosen falsch gewichtet haben. Vor allem haben sie den Einfluss von Obamas Sieg in Iowa überschätzt. 50 Prozent der Wähler in New Hampshire geben an, sie hätten sich vor Iowa entschieden. Von denen, die sich erst am letzten Tag festlegten, stimmten mehr für Clinton als für Obama. Das ist auch ein Effekt ihres Feuchte-Augen- Moments am Montag in einem Café in Portsmouth. Dort war sie auf die Frage einer Frau, wie sie das alles eigentlich verkrafte, kurz aus der Fassung geraten. Ihre Stimme zitterte. „Dies ist eine persönliche Sache für mich, nicht nur eine politische.“ Hillary, die angeblich eiskalte Machtfrau, zeigte Gefühle.

Und nun triumphiert sie. Ihr Mann Bill umarmt sie, Tochter Chelsea lächelt glücklich, als Hillary ihre Siegesrede beginnt. „Danke, New Hampshire. Ich habe auf euch gehört, und ihr habt mir meine Stimme zurück gegeben.“ Überhaupt, die Frauen: In Iowa verteilten sie sich gleichmäßig auf Obama und Clinton. In New Hampshire waren 57 Prozent der Wähler weiblich, mit 47 zu 34 stimmten sie für Hillary. Die Männer dagegen in ähnlicher Mehrheit für Obama. In Iowa hatte Clinton nur bei den Alten über 65 eine Mehrheit, hier in der Gruppe ab 40. Jugendliche kamen in höherer Zahl als 2004 und stimmten für Obama, aber nicht so überwältigend wie in Iowa.

Hillary ist nach New Hampshire das „Comeback Girl“, so wie ihr Mann 1992 zum „Comeback Kid“ wurde. Sie kann doch siegen. Barack Obama zeigt mit seiner Rede, dass er Rückschläge wegstecken und seine Anhänger selbst im Misserfolg inspirieren kann. Mit federnden Schritten nehmen er und seine Ehefrau die Stufen aufs Podium. Sie legt ihm von hinten die Arme um den Hals. „Yes, we can …“ wird zu seinem Schlagwort des Abends. Selten hat man einen Verlierer so siegesgewiss gesehen. Das Rennen hat erst begonnen, nach seinem Erfolg in Iowa und ihrem in New Hampshire. Es ist eine Energie zu spüren in den beiden Sporthallen, bei ihr in Manchester und bei ihm in Nashua. Es ist die Energie von Amerikas Demokratie.

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