VAMPIRDRAMA„Only Lovers Left Alive“ : Am Ende der Nacht

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Foto: Pandora
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Vampire haben Konjunktur, nicht erst seit Stephenie Meyers „Twilight“-Tetralogie mit dem smarten vampirischen Verführer Edward Cullen die Mädchenherzen schmelzen ließ. Fünf Jahre nach Catherine Hardwickes erstem „Twilight“-Film, 90 Jahre nach „Nosferatu“ und ein Jahr nach Neil Jordans „Byzantium“ (bei uns nach Weihnachten auf DVD) kommt jetzt auch Jim Jarmusch mit einer Variante des Genres, die auf ganz eigene Art zwischen ironischem Spiel und romantischem Ernst oszilliert.

Der Plan für diesen Film ist sieben lange Jahre gereift. Und auch Jarmuschs Helden haben wie viele ihrer unsterblichen vampirischen Kollegen eine weit innigere Beziehung zum Vergangenen als zum schnöden Hier und Jetzt. Sie sind distinguierte Kenner und Liebhaber vor allem der randständigen Seiten der Kulturgeschichte. Ja, Adam (Tom Hiddleston, rechts) ist selber Musiker, der hohlwangige Mann mit den dunklen Zottelfransen spielt diverse Saiteninstrumente und behauptet, Komponist eines Schubert-Adagios zu sein. Jetzt versteckt er sich vor den Menschen, die er Zombies nennt, in einer düsteren Villa in Detroit zwischen antiker Musiktechnik und einer Sammlung historischer E-Gitarren. Die ähnlich bleiche und alterslose Eve (Tilda Swinton, links) dagegen, die in den verwinkelten Altstadtgassen des marokkanischen Tanger haust, kann die Substanz alter Bücher und Folianten mit einem Fingerwischen wie beim Touchpad in sich einscannen. Ein banales Smartphone hat sie für den Kontakt mit dem fernen Geliebten auch.

Überhaupt sind die beiden Vampire kultiviert und blecken die Eckzähne nur selten. Statt Menschen zu jagen, geht man ihnen aus dem Weg und kauft den kostbaren Saft in Dosen beim korrupten Arzt im Krankenhaus oder einem befreundeten Dealer: Der (John Hurt schön zottelig) heißt nicht zufällig Marlowe und hat mit Shakespeare ein ähnliches Hühnchen zu rupfen wie Adam mit Schubert. Wie so vielen anderen macht auch Adam und Eve die Fernbeziehung Probleme. Und der erschreckende Zustand der Welt draußen, an deren Zerstörung Adam so leidet, dass er bei seinem Adjutanten eine Hartholzkugel für seinen Revolver bestellt. Eve tröstet sich mit dem Aufsagen lateinischer Pflanzennamen. Doch als sie bei einem Telefongespräch Adams suizidale Stimmung bemerkt, bucht sie einen Nachtflug nach Detroit, um nach dem Rechten zu sehen. Bald kurven die beiden in einem stilgerechten Gefährt durch die nächtliche Stadt, vorbei an Industrieruinen, verlassenen Kinos und dem Geburtshaus des Musikers Jack White.

Musik ist in jedem Jarmusch-Film ein Thema und hier auf vielen Ebenen präsent. Einmal gehen die lichtscheuen Vampire gar zu einem Konzert nach draußen, weil Eves nervige kleine Schwester Ava (Mia Wasikowska) so drängelt. Ein Ausflug, der böse endet. Sonst passiert nicht viel, was bei Jarmusch aber auch niemand erwartet. Dafür fasziniert der dicht gestaltete Kosmos um die coolen, von Swinton und Hiddleston kongenial verkörperten Helden. Neben rauen Gitarren- und Lautenklängen begeistern auch ausgetüftelte Bildkompositionen, die mit ihren Hell-Dunkel-Effekten an Renaissancegemälde erinnern. Und es amüsieren all die Anspielungen auf die Wissenschafts- und Kulturgeschichte, mit denen sich Jarmusch mit viel Selbstironie als Vinyl-philer Kulturpessimist verortet.

Dies alles macht „Only Lovers Left Alive“ – jedenfalls für Altersgenossen und Seelenverwandte – zu einem anrührenden, klugen und bei allem Humor bitteren Abgesang auf die analoge Zeit. Zum Schluss wird es noch mal richtig dramatisch. Denn auch die Blutkonserven sind zunehmend verseucht. Auf der Suche nach sauberen Tropfen taumeln die ausgezehrten Gestalten durch die Gassen von Tanger wie ein Heroin-Pärchen auf kaltem Entzug. Atmosphärisch. Silvia Hallensleben

USA 2013, 123 Min., R: Jim Jarmusch, D: Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska

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