Zeitung Heute : Variable Platte

Der Tagesspiegel

Von Steffi Bey

Marzahn-Hellersdorf. Die so oft totgesagte „Platte“ lebt. Sie hat ihre Monotonie längst abgelegt und präsentiert sich von einer eigenen, unverwechselbaren Seite. Der überwiegende Teil der insgesamt 270000 Plattenbauwohnungen im Ostteil der Stadt wurde in den vergangenen Jahren saniert. Umfragen bestätigen, dass die Leute in Marzahn, Lichtenberg, Hohenschönhausen oder Hellersdorf gern in ihren modernen vier Wänden zu Hause sind. Trotzdem sind die Wohnungsunternehmen unzufrieden. Sie kämpfen teilweise mit Leerständen zwischen 10 und 14 Prozent. „Ein Umdenken ist erforderlich“, betonte deshalb der renommierte Architekt Wolf-Rüdiger Eisentraut am Dienstagabend in einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Platte“. Aus seiner Sicht werde durch ein „Bemalen der Gebäude noch längst keine bessere Lebensqualität“ erreicht, sagte er. Vielmehr müsse ein breites Angebot, abgestimmt auf individuelle Bedürfnisse gemacht werden. Das würde bedeuten, noch mehr unterschiedliche Grundrissvarianten in den einzelnen Wohnblöcken anzubieten. „Wo es machbar ist, könnte man jede zweite Wohnung ,schlachten’ und mit einer anderen zusammenlegen“, schlägt der 59-Jährige vor. Auch das Abtragen von Geschossen hält er für eine wesentliche Aufwertung der Quartiere:Zumal die Praxis zeigt, dass sich Wohnungen in den oberen Etagen in Gebäuden ohne Fahrstuhl schlecht vermieten lassen. „Anstatt in solchen Fällen einen Aufzug nachzurüsten, wäre einRückbau von zwei oder drei Etagen viel effektiver“, ist der Experte überzeugt. Außerdem schlägt Eisentraut vor, einzelne Wohnblöcke durchaus abzureißen. Allerdings nur dann, wenn sich dadurch beispielsweise eine bessere Verbindung zur Landschaft ergibt. In Senftenberg wird unter Leitung seines Büros noch in diesem Jahr ein solches Projekt starten.

Auch in Berlin soll demnächst das erste Plattenbauwohnhaus abgerissen werden. Die Wohnungsbaugesellschaft Marzahn (WBG) hat jetzt beim Bezirksamt Hellersdorf-Marzahn den Abrissantrag für ein Doppelhochhaus mit 18 und 21 Geschossen an der Marchwitzastraße 1/3 eingereicht. Noch unklar sind derzeit sowohl die Finanzierung als auch die Art und Weise des Abbruchs. „Wir gehen davon aus, dass sich die öffentliche Hand daran beteiligt“, betont Pressesprecherin Erika Kröber. Das Unternehmen hofft auf Gelder vom Bundesbauministerium aus dem Programm „Stadtumbau Ost“. Wie berichtet, fließen 1,15 Millionen Euro in den Umbau von zehn Gebieten im Ostteil der Stadt. Bis es konkrete Pläne für die Neugestaltung an der Marchwitzastraße gibt, entsteht dort zunächst eine Grünfläche.

Für die Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf (WoGeHe) ist der Abriss von Wohngebäuden bislang kein Thema, bestätigt Sprecher Olaf Dietze. Das Unternehmen setzt eher auf Rückbau. Pläne für die Umgestaltung von zwei erdrückenden Elfgeschossern im Norden des Bezirks, liegen bereits vor. Sie sollen um jeweils 23 Prozent zurü ckgebaut werden. Aber auch für dieses Projekt fehlt bisher das Geld. Olaf Dietze rechnet vor, dass dieser Umbau teurer wäre, als eine „normale Komplett-Sanierung“. „Schlagen sonst 766,94 Euro pro Quadratmeter zu Buche, mü ssten für das Terrassenhaus pro Quadratmeter noch 194,29 Euro zugegeben werden.“Sowohl die Wohnungsgesellschaft Marzahn als auch die Hellersdorfer WoGeHe betonen, dass ein flächendeckender Abriss von Plattenbauten nicht in Frage kommt. Beide Unternehmen wollen sich künftig auf „variable Grundrissänderungen“ konzentrieren, wie WoGeHe-Geschäftsführer Rudolf Kujath betont. Vor allem Zwei-Zimmer-Wohnungen seien gefragt. „44 Prozent der Wohnungsssuchenden wollen darin leben“, sagt der Geschäftsführer. Und genau darin liegt das Problem. Es gibt zu wenige kleine Wohnungen, dafür umso mehr Drei- und Vier-Zimmer-Quartiere in den Plattenbauten. Doch letztere sind schwer zu vermieten. Natürlich wurden in den vergangenen Jahren bereits etliche Quartiere zusammengelegt, aber für mehr fehle derzeit das Geld, erklärt Rudolf Kujath. Die Marzahner haben das gleiche Problem; sie haben deshalb eine Aktion „zahle zwei, nimm drei“ gestartet. Teilsanierte Wohnungen würden für 3,75 Euro pro Quadratmeter gut an den Mann oder an die Frau gebracht.

Durchweg positive Erfahrungen mit der Hellersdorfer Platte haben Amerikaner gemacht. Der „Lone Star Fund“ kaufte, wie berichtet, vor einem Jahr 3300 Wohnungen und 115 Läden an der Alten Hellersdorfer Straße und am Kastanienboulevard. Etwa zwei Drittel sind mittlerweile saniert, dabei wurden auch Grundrisse verändert, berichtet Oliver Nee, Geschäftsführer der WVG Wohnpark, einer Tochterfirma von Lone Star. Für weitere 2200 Wohnungen soll in Kürze der Kaufvertrag mit der WoGeHe unterzeichnet werden.

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