Varieté in Not : Des Wintermärchens letzter Akt

Der Berliner Wintergarten sollte die Wiedergeburt des Varietés in Deutschland sein. Er fing an mit Max Raabe und den Artisten vom Zirkus Roncalli, aber das Niveau ließ sich nicht halten. Geschichte eines Scheiterns.

Udo Badelt,Thomas Lackmann
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Am 31. Januar fällt im Haus an der Potsdamer Straße der letzte Vorhang. -Foto: dpa

BerlinFrostig ist es derzeit auf dem Gehweg der Potsdamer Straße, aber so kalt wie in den Gemütern der Mitarbeiter des Wintergartens kann es draußen gar nicht sein. „Mir geht es ganz, ganz schlecht“, sagt Jana Witschas, 33, die am Mittwoch an der Kasse steht und dort keine Karten mehr verkauft, sondern bereits verkaufte nur noch umtauscht.

Um sie herum sieht alles aus wie immer, die Souvenirs stehen zum Verkauf bereit, die Lampen und grauen Glühbirnen des Foyers wirken, als wollten sie gleich losleuchten und den Besuchern ein bisschen Glück und Freude schenken. Im ersten Stock sind die Tische frisch eingedeckt für den Abend, das blank polierte Besteck wirft schimmernd das schwache Licht zurück, das an diesem eisigen Januarnachmittag durch die Fenster fällt. Doch das alles ist jetzt keine Verheißung mehr. Es ist eine Frage von Wochen, bis diese Räume leer sein werden. Zum 31. Januar, das hat Geschäftsführer Frank Reinhardt seinen 68 Mitarbeitern jetzt mitgeteilt, werde das Haus, das in 17 Jahren 2,5 Millionen Besucher zählte, schließen.

Den ganzen Tag schon kommen Menschen zu Jana Witschas an die Kasse, die davon gehört haben. Sie erzählen ihr, wie schade sie das alles finden, und sie tauschen Karten um. Denn die meisten wollen „Orientalis“ noch sehen, die aktuelle Show mit exotischen Tanzeinlagen, Schwertjongleuren und Seiltänzern, die „Magie des Morgenlandes“, Plakate warben dafür in der ganzen Stadt, mit einer Schönheit hinter rotem Schleier. Eigentlich sollte die Show bis Ende Februar laufen, jetzt ist einen Monat eher Schluss, es wird also noch mal voll werden im Saal, was es lange schon nicht mehr war. Und deshalb kommt das Aus auch nicht überraschend. Die Mitarbeiter haben es ja gesehen, dass die 500 Plätze im Saal nie alle besetzt waren, sogar kurz vor Weihnachten, Boomzeit doch für Varieté und Show, war jeder zweite leer. Da haben es einige von ihnen geahnt: Das geht hier nicht mehr lange.

Am 23. Dezember dann wurde ihnen ein Weihnachtsgeschenk überreicht, das keiner haben wollte. Die Insolvenzverwalterin teilte auf einer Versammlung mit, dass die Schließung des Hauses sehr wahrscheinlich sei. Am Dienstag kam die Bestätigung, am Tag danach sitzt Frank Reinhardt, 52, der Geschäftführer, in seinem Büro, unter den tiefen Augenringen wie zum Trotz mit einem hellen Anzug bekleidet. Um ihn herum die Ordner, die Pflanzen, die Tische und Stühle, alles wie immer. Und doch nichts.

Erst im Februar 2007 hat Reinhardt beim Wintergarten angefangen. Und was hatte er für Pläne. Ein „Gesamterlebnis Wintergarten“ wollte er realisieren, neue Themen und innovative Showkonzepte, den Servicebereich wollte er optimieren. So hat er geredet. Am Mittwoch dann war nur noch Traurigkeit. „Ich hatte nicht genug Zeit, neue Publikumsschichten zu erschließen“, sagt er, „und der Vermieter und die Banken sind uns auch in keinster Weise entgegengekommen.“

Als Reinhardt beim Wintergarten anfing, kannte er das Haus schon. Als Mitgesellschafter und Geschäftsführer von Peter Schwenkows Deutscher Entertainment AG hatte er, obwohl nicht direkt für den Wintergarten zuständig, dessen Aufbau seit 1992 mitverfolgt.

Dass 2007 die Übernahme ein großes finanzielles Risiko auch für ihn persönlich bedeuten würde, war ihm klar. Aber Varieté habe, ist er bis heute überzeugt, eine echte Zukunftsperspektive, wenn es mit der Zeit gehe. Und das heiße vor allem: nicht nur die Generation der Über-50-Jährigen, sondern auch die Jüngeren anzusprechen.

Schließlich hatte das doch auch früher funktioniert, in den Glanzzeiten des Varietés, die man im Wintergarten neu beleben wollte.

Schwenkows „Wintergarten“ präsentiert sich 1992 als auferstandene Legende einer großen Epoche. Ein Unterhaltungstempel mit Sternenhimmel, 4600 Glühbirnchen und großen Wandvitrinen, in denen bunte und vergilbte Showbiz-Reliquien „Roaring-Twenties“-Tradition heraufbeschwören. Da werden edle Getränke und Mahlzeiten serviert zu saftigen Preisen, hübsche Mädchen verkaufen Schnickschnack in neckischen Bauchläden. Zu luxuriöser Live-Musik treten große und mittelprächtige Kleinkünstler der schönen Illusion ins Rampenlicht, Akrobaten und Komiker, Conferenciers, bezaubernde Frolleins, geschniegelte Herren. Gesetze der Schwerkraft und der Langeweile werden für Minuten oder Sekunden weggezaubert. Neuberliner und Eingeborene, auch die aus dem Osten der Stadt, Touristen und Neureiche, Möchtegern-Prominente amüsieren sich wie Bolle. Man darf im neuen Deutschland endlich wieder wie anno dazumal gepflegt, trivial und professionell Zeit totschlagen, über Schlangenfrauen und Riesenseifenblasen staunen wie ein Kind, über Wortspiele kichern und sich dabei in gutbürgerlicher Gesellschaft fühlen.

Der originale, 1888 gegründete „Wintergarten“ des Central-Hotels, das Sternenhimmel-Vorbild, der Saal für 3000 Besucher, die Bühne für knackige Turner, Stimmenimitatoren und leichtgeschürzte Tänzerinnen, stand nicht in Tiergarten, sondern an der Friedrichstraße in Mitte. Das Central-Hotel wurde im Juni 1944 durch Bomben zerstört; letzte Trümmerräumung im Oktober 1949. Das Haus Potsdamer Straße 96 dagegen hat den Krieg einigermaßen überstanden. Anno 1912 war unter dieser Adresse ein Lichtspielhaus für Stummfilme mit Varieté-Einlagen eröffnet worden, zu dessen Einweihung die Diva Asta Nielsen prophezeite, nun sei die Zeit billiger Jahrmarktfilme mit boxenden Kängurus vorbei, das Medium entwickle sich zur Kunst. In den 1950er Jahren wurde das Haus gleichwohl zum Tanzpalast umgewidmet. In den 1970er Jahren übernahm eine Impresario-Legende namens Manne Saß den Laden, nannte ihn „Quartier Latin“, ließ Betontribünen gießen und alle deutschen und internationalen Showgrößen von Udo Lindenberg bis Joe Cocker gastieren. Bei Tag hing im Konzertsaal Wäsche zum Trocknen, und der Maskottchen-Papagei, der abends in den Käfig musste, flatterte unbeschwert durchs Foyer. So gemütlich gab sich West-Berlin zur Mauerzeit.

Eine Neukonzeption der Kult-Location nach der Wende, für die Holger Klotzbach von den „3 Tornados“, Lutz Deisinger und ein BAP-Manager das Gebäude von Saß übernahmen, brachte nicht den erträumten Erfolg. So stieg Schwenkow ein als Varieté-Direktor an der Potsdamer Straße, Klotzbach/Deisinger wurden als Zeltherren der „Bar jeder Vernunft“ und des „Tipi am Kanzleramt“ seine Konkurrenten im Westteil der Stadt, während im Osten der riesige Friedrichstadtpalast um das Überleben seiner sauriergleichen Monumental-Revuen kämpfte.

Im Frühjahr 2007 übernahm Frank Reinhardt als Eigentümer und Geschäftsführer mit einer gehörigen Portion Idealismus und eigenem Geld den Wintergarten. Aber nur eine Show lief richtig gut, schaffte eine Auslastung auf 70 Prozent. Das war „Hotel California“, mit Breakdance und 60er-Jahre-Hits. Hier ließ sich ausnahmsweise das heftig umworbene jüngere Publikum zahlreich sehen. Doch es war ein Zwischenhoch, ausgereicht hat es nicht. Im Sommer 2008 musste Reinhardt Insolvenz anmelden, ein Gläubigerausschuss übernahm die Regie.

Zum Gründungsteam mit Peter Schwenkow gehörten seinerzeit die Erfinder des Zirkus Roncalli, André Heller und Bernhard Paul; es waren eher ihre bekannten Namen als ihre Inszenierungen, die das Etablissement voranbrachten. Sternstunden des Programms waren die Star-Konzerte eines Max Raabe, die Gastspiele grandioser Roncalli-Zauberer oder die Shows des italienischen Illusionisten Arturo Brachetti. Die Fließband-Qualität mancher anderen Produktion mit preiswert eingekauften osteuropäischen, hochprofessionellen Künstlern, aber kostenbedingt knappen Probezeiten, hat den Ruf des Etablissements nicht befördert. Wer in den vergangenen Jahren in der Potsdamer Straße 96 Vergnügen suchte, durfte zufrieden sein, im Lauf des Showabends ein Highlight unter viel Routine zu entdecken.

Seit den 90er Jahren, als nostalgische Feuilletonisten die triumphale Rückkehr der Cabarets, Kabaretts, Revuen und Varietés nach Berlin herbeischrieben, ist unter den Unterhaltungstheatermachern längst Ernüchterung eingekehrt. Die Pantoffelkino-Konkurrenz samt Comedy-Aufmarsch ist in puncto Publikumsbindung kaum zu schlagen; um auf den Putz zu hauen oder trübe Aussichten wegzufeiern, gehen Berlinbesucher wie Berliner trotzdem bisweilen noch ins Varieté. Aber betriebswirtschaftlich gebeutelt zwischen Auslastung und Produktionskalkulation hat der neue Wintergarten manchen Qualitätsanspruch zurücknehmen müssen.

Davon hat Inge Jacobsen einiges miterlebt. Seit 1999 arbeitet sie im Wintergarten, dieses Jahr wäre ihr zehntes Dienstjubiläum gewesen, stattdessen muss sie sich eine neue Arbeit suchen. „Da herrschte natürlich alles andere als Hosianna“, sagt sie lakonisch „Unendlich schade“ sei es um die Arbeitsatmosphäre am Haus, um die Liebe zum Detail, die ihre Kollegen bewiesen hätten, und um das Gebäudeinnere. Ob man je schönere Räume gesehen habe, soll André Heller anlässlich der Eröffnung 1992 geschwärmt haben, und Inge Jacobsen sagt: „Die waren zwar nicht unbedingt up to date, dafür hatten sie Stil.“

Der Spielbetrieb geht vorerst weiter. Alle Mitarbeiter erhalten zum 31. Januar ihre Kündigung, und je nach den individuellen Fristen arbeiten sie dann noch ein paar Wochen im Haus, auch wenn kein Spielbetrieb mehr stattfindet. Welche Pläne der Vermieter, die Spandauer Kuthe Management und Verwaltungs-GmbH mit der Immobilie hat, ist noch nicht bekannt. Das Mobiliar aber soll zu Geld gemacht werden.

Tickets für Orientalis im Wintergarten

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