Zeitung Heute : Vatikan virtuell

KLAUS TSCHARNKE

Die burgundische Abtei Cluny hat er bereits wieder aufgebaut, den Dom von Speyer in seiner Urform rekonstruiert, und auch viele andere veränderte oder zerstörte historische Bauwerke verdanken ihren - wenn auch nur virtuellen - "Wiederaufbau" dem Darmstädter Architektur-Professor und Computer-Spezialisten Manfred Koob.Vor allem mit Plänen für eine Rekonstruktion vieler der von Nazis zerstörten deutschen Synagogen sorgt Koobs Spezialisten-Team immer mal wieder für Aufsehen im Cyberspace.Das neueste Projekt des Experten stellt alle vorhergehenden Arbeiten in den Schatten: Im Auftrag der Bundeskunsthalle in Bonn und unter Schirmherrschaft der vatikanischen Museums-Direktoren errichtet Koob derzeit den Vatikanischen Palast im Cyberspace - in seiner Bauform zur Zeit der Hochrenaissance.

Das "digitale Drei-D-Modell" aus dem "Wissenschaftsatelier" der TU Darmstadt soll dem Laien den Blick für den kunsthistorisch bedeutsamen Kern des Vatikanischen Palastes schärfen: den im frühen 16.Jahrhundert unter Papst Julius II.entstandenen "Idealpalast" des Renaissance-Baumeisters Bramante.Immer neue An- und Umbauten haben den knapp 500 Meter langen Komplex nördlich des Petersdoms im Laufe der Jahrhunderte stark verändert."Für den Besucher ist die Fülle der Gänge und Säle verwirrend.Er weiß oft gar nicht, wo er sich aufhält", erläutert Koob den Zweck des mehrere hundertausend Mark teuren Projekts.

Die mit dem interaktiven Computer-Modell möglichen virtuellen Spaziergänge durch einen Teil des 55 000 Quadratmeter großen Vatikanischen Palastes sollen deshalb den Liebhabern der Renaissance-Baukunst die Orientierung und das kunsthistorische Verständnis für das Bauwerk erleichtern.Die ersten, die zu dem virtuellen Palast-Rundgang starten können, werden die Besucher der am 11.Dezember beginnenden Ausstellung "Hochrenaissance im Vatikan" in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle sein.

Dabei werden die Betrachter den digitalisierten Vatikanischen Palast wie bei einer Zeitreise ins frühe 16.Jahrhundert durchschreiten können - ob sie nun auf dem Weg früherer Gesandte durch die kunstvoll gestalteten, damals noch offenen Loggien des Raphael in die päpstlichen Gemächer von einst geführt werden oder in die Rolle früherer Päpste schlüpfen und von deren Privatgemächern wohlgefällig auf den damals noch unverbauten Hof bis hinauf zum Sommerpalast Belvedere blicken.Für einen Höhepunkt hält Koob einen Gang durch die sogenannte Reittreppe - eine vom Bramante kunstvoll erbaute wendeltreppenartige Rampe zum Belvedere.

Was für den Betrachter geradezu spielerisch wirkt, ist das Ergebnis von rund zwei Jahren Recherche- und Rekonstruktionsarbeit.Alte Zeichnungen von Italien-Reisenden, insbesondere die des Holländers Hemskerk, halfen dabei ebenso wie rekonstruierte Planungen des Baumeisters Bramante.Große Teile des Palastes seien neu vermessen, Gemälde, Kunstwerke und Bodenbeläge fotografiert und neueste Forschungsergebnisse berücksichtigt worden, erläutert der virtuelle Architekt.

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