Zeitung Heute : Veag: Energiekonzern dringt auf klare Eigentumsstruktur

Antje Sirleschtov

Der Vorstandsvorsitzende des ostdeutschen Stromversorgers Veag, Jürgen Stotz, rechnet mit einer abschließenden Bewertung der Übernahme seines Unternehmens durch die Hamburger Electricitätswerke AG (HEW) auf Seiten der Bundesregierung und des Bundeskartellamtes bis spätestens Mitte März. Anlässlich des zehnjährigen Firmenjubiläums, das die Veag am morgigen Mittwoch begeht, forderte Stotz die beteiligten Kräfte an der Bildung der so genannten vierten Stromkraft in Deutschland auf, für Eigentumsstrukturen zu sorgen, die später klare unternehmerische Entscheidungen ermöglichen. Stotz spielte damit auf den seit Monaten schwelenden Streit des amerikanischen Stromhändlers Mirant (früher Southern Energy) - dem Eigentümer des Berliner Versorgers Bewag - und dem schwedischen HEW-Eigentümer Vattenfall an, die beide um die unternehmerische Führung bei der vierten Kraft ringen. Sollte der damit im Zusammenhang stehende Streit um die Eigentumsverhältnisse der Bewag dazu führen, dass es keine klaren Eigentumsverhältnisse bei dem Verbund um die Veag/Laubag gibt, fürchtet Stotz um die Chancen des zu bildenden Unternehmens im Wettbewerb.

Für die Veag bietet sich mit der Neuformierung der deutschen Branche die einmalige Chance, aus einer unternehmerisch bewegungslosen Position heraus zu kommen. Beinahe zehn Jahre litt die Veag darunter, dass ihre Eigentümer alle bedeutenden Stromkonzerne Westdeutschlands waren. Deren unterschiedliche Interessen und Marktpositionen waren Schuld daran, dass es der Veag zwar gelang, den modernsten Braunkohle-Kraftwerkspark Europas zu errichten. Am Markt konnte die Veag allerdings so gut wie gar nicht agieren. Wie paralysiert musste das Unternehmen zusehen, wie seine Eigentümer nach der Liberalisierung des Strommarktes 1998 schlagkräftige Vertriebsmannschaften ,mit der Akquise neuer Kunden beauftragten, im eigenen Unternehmen allerdings die Vertriebsabteilung schrumpfte. Die Veag konnte es noch nicht einmal verhindern, dass ihr die westdeutschen Stromunternehmen Kunden in Ostdeutschland abjagten und sie damit sehenden Auges in wirtschaftliche Schwierigkeiten trieben. Erst die Auflagen der Bonner und Brüsseler Kartellämter, die die Fusionsinteressenten Viag/Veab (Eon) und RWE/VEW (RWE) zwangen, ihre Anteile an der Veag zu verkaufen, ebneten den Veag für das Unternehmen, sich eine eigene Position im Markt zu verschaffen.

Nachdem die Hamburger HEW zum Ende des vergangenen Jahres den Zuschlag für die Veag/Laubag erhalten hat, prüft das Bundeskartellamt nun, ob der Verbund HEW/Veag/Laubag in der Lage ist, den deutschen Marktführern RWE und Eon Paroli im Wettbewerb zu bieten. Knackpunkt für die Wettbewerbsbehörde ist, dass weder Veag noch HEW über einen bedeutenden Kundenstamm im Haushaltsbereich verfügen. Es rächt sich, dass die Kartellwächter RWE im Fusionsverfahren nicht aufgegeben haben, den Endverteiler Envia zu verkaufen. Das Kartellamt ging Mitte 2000 noch davon aus, dass es zu einem raschen Verkauf der Aktienmehrheit an der Bewag durch Eon an HEW kommt und die Bewag, die den größten Kundenstamm in Deutschland hat, automatisch zum HEW/Veag/Laubag-Verbund kommt. Der Erwerb von Envia wurde deshalb auf Drängen von Mirant (Southern Energy) nicht zur Auflage im Verkaufsverfahren der Veag gemacht.

Die Veag wurde am 14. Februar 1991 gegründet, nachdem der Verkauf des gesamten Kraftwerksparks und des Hochspannungsnetzes der ehemaligen DDR an eine Gruppe westdeutscher Stromkonzerne bereits im Sommer davor von der letzten DDR-Regierung ausgehandelt wurde. Hoffnung der DDR-Regierung war, dass die westdeutschen Unternehmen die vollkommen maroden Anlagen sanieren würden. Hoffnung der Konzerne war, dass die vermeintlich bald blühende DDR-Wirtschaft ein Vielfaches Strom verbrauchen und sich daher die Investitionen in die Kraftwerke bald amortisieren würden.

1991 waren mehr als 18 000 Menschen bei der Veag, vor allem in Sachsen, Brandenburg und in der Berliner Zentrale, beschäftigt. Zehn Jahre später arbeiten nur noch 6300 Mitarbeiter im Unternehmen.

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