Zeitung Heute : Velika Dolina: Das Metronom der Ewigkeit

Heinz Hartmann

Wie das so ist mit dem Styx, der sich durch eine düstere Schlucht in das antike Totenreich des Hades ergießt: Fluss, Schlucht und Pforte liegen näher, als man denkt, und zwar gleich jenseits der Alpen eine Handvoll Kilometer östlich der italienischen Hafenstadt Triest im slowenischen Karst.

Das Gewässer heißt Reka, die Schlucht Velika Dolina, die Unterwelt Skocjanske Jame. Und wer da einst in den Höllenschlund gerissen wurde, erblickte auch nie wieder das Licht des Tages, sondern musste ertrinken. Denn von hier aus frisst sich der Fluss nicht weniger als 40 Kilometer unter der Erde weiter durch eine Flucht von Sälen, Grotten und Tunnels, ehe er im Nordwesten von Triest in die Adria mündet.

Erst von 1839 an wagten sich furchtlose Bergsteiger mit Spitzhacken, Seilen und Strickleitern in die endlose Nacht, die sie nur mit dem flackernden Licht ihrer Fackeln zu durchdringen vermochten. Deshalb hatten sie lange keine rechte Ahnung von dem ungeheueren Volumen des unterirdischen Canyons, den sie dabei entdeckten. Tatsächlich misst er über 1300 Meter in der Länge, wovon dem Publikum freilich nur das vorderste Viertel durch gesicherte Steige erschlossen ist. Nachdem 1933 gegenüber ein neuer Zugang aus dem Kalkstein geschlagen und dieser Teil endlich elektrifiziert wurde, geraten die jährlich 50 000 Besucher nach der Durchquerung märchenhafter Tropfsteinwälder jetzt aber auch wie auf einem Passübergang in die "rauschende Höhle" hinein.

Und da stockt nun jedem der Atem: 104 Meter hoch ist die gigantische Halle, deren wahre Ausmaße wegen der fahlen, dämonischen Beleuchtung nach wie vor kaum zu erfassen sind. Fledermäuse huschen vorbei, und aus der Schlucht der schäumenden Reka wabert Dunst herauf, denn hier sind es bloß zwölf Grad, während draußen sommerliche Hitze herrscht. Nur Flammengarben fehlen, um sich wie im Vorhof zum Inferno zu fühlen. Aus dem dann nach der zweistündigen Tour eine kleine Standseilbahn wieder ins Diesseits hinaufführt.

Nirgendwo sonst, konstatiert Direktor Albin Debevec, gibt es noch einen unterirdischen Canyon mit solchen Dimensionen, durch den ein Fluss tost, und der für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Genau darum steht die Skocjan-Höhle seit 1986 als international geschütztes Kulturgut auf der Liste des Weltnaturerbes der Unesco - das bislang einzige in Slowenien. Niemand sieht dem Bergland zwischen Kärnten und Adria an, dass es streckenweise wie Schweizer Käse durchlöchert ist: 20 Höhlen sind für Touristen geöffnet, doch unglaubliche 7000 haben die Forscher unter dem Boden der Republik gezählt. Obgleich üppig begrünte Berge fast 1800 Meter emporsteigen und an den Bayerischen Wald erinnern, unzählige Wanderwege und Bikerrouten über einsame Höhen und Täler führen, Weingärten gedeihen oder wie in Hudicevec bei Razdrto erstklassiger "Urlaub auf dem Bauernhof" angeboten wird, gehört der Karst nicht zu den populären Feriengegenden. Die meisten der jährlich eine Millionausländischen Touristen reisen jedenfalls an die istrische Küste, nach Portoroz oder Koper, um sich lieber von dort auf Ausflügen die Rosinen aus dem Hinterland zu picken.

Es sei denn, sie würden in dem für Höhlenschwärmer weit günstiger gelegenen Hotel Jama neben den Adelsberger Grotten in Postojna absteigen, oder sie wären Pferdenarren. Dann finden sie hier dicht an der slowenisch-italienischen Grenze die Urheimat der Lipizzaner, das 1580 gegründete Gestüt Lipica.

Nach dem Blutzoll und der Flucht zum Ende des Zweiten Weltkrieges lebt dort jetzt wieder eine Herde von 300 weißen Stuten und Hengsten mit ihren schwarzen Fohlen. Reitkurse, Kutschenfahrten oder Vorführungen der klassischen Reitschule in der Manege stehen auf dem Programm, und überwiegend italienische Gäste spielen Golf oder Tennis und füllen das Spielcasino, weshalb hier zwischen alten Eichen und Ahornbäumen auch die Hotels "Klub" und "Maestoso" betrieben werden.

Dass die Venezianer an der Küste herrschten, ehe Napoleon kam, und die Österreicher bis zum Ersten Weltkrieg über ganz Slowenien, hinterließ viele Spuren. Zum Beispiel die Wehrkirche in Hrastovlje mit ihren alle Wände und Gewölbe bedeckenden Fresken von 1490. Oder das mauerumgürtete Bergdorf Stanjel. Oder die Burg Predjama, die wie ein Adlerhorst an einer turmhohen Felswand klebt und über Rittersaal, Kapelle, Folterkeller sowie eine eigene Schauhöhle verfügt. Oder auch das Wasserschloss Sneznik, zuletzt im Besitz der sächsischen Fürsten Schönburg-Waldenburg, in dessen Treppenhaus ein ausgestopfter Braunbär steht; es leben ja noch heute viele im Westen des Landes, doch verraten die Förster lieber nicht, wo. Und schließlich das einzige weltberühmte Sightseeingziel Sloweniens - die Postojnska Jama, die Adelsberger Grotten. Das ist die meistbesuchte Höhlenwelt Europas, mit ihrem betonierten, rutschfesten, stufenlosen Rundweg selbst für viele Behinderte begehbar, und überdies mit einer akkubetriebenen Kleinbahn ausgestattet, die jedem erst mal fast zwei Kilometer Anmarsch erspart.

Hier begann der Tourismus bereits 1819, und er wuchs so, dass 1872 erstmals Schienen gelegt wurden, damit die Höhlenführer ihre hochmögenden Herrschaften auf Wägelchen in die Unterwelt schieben konnten. Während des Balkankriegs waren die Besucherzahlen dramatisch geschrumpft. Jetzt hat Slowenien wieder touristischen Rückenwind. "Wir sind zufrieden, auch wenn viele Menschen uns immer noch an der Grenze zum Kosovo sehen", klagt Janez Rapansek, Direktor des Slowenischen Fremdenverkehrsamts in Frankfurt am Main. Dabei liegt der Kosovo so weit entfernt wie Mainz in der entgegengesetzten Richtung.

Von den Decken hängen wie Spaghetti oder Lanzenspitzen Zehntausende von Stalagtiten, und dort, wohin sie abtropfen, wachsen ihnen Bündel von Orgelpfeifen entgegen, die Stalagmiten heißen. Wie im Wind erstarrte Schleier, Obelisken, schwere Draperien, Türme ähnlich dem zu Pisa und Kolonnaden grotesker Tempelsäulen scheinen die Felsen zu stützen. Trugbilder gaukeln Eisbecher, Madonnen, Tannenbäume oder Gnome vor. Dass sich in einem Marmorbassin Grottenolme dahinschlängeln, ist jedoch kein Blendwerk: Sie leben nur dort im Dinarischen Karst, und zwar normalerweise in ewiger Finsternis, weshalb die Natur ihre Augen zuwachsen ließ.

Zeit hat hier keine Bedeutung. Die Stalagmiten brauchen ein Jahrhundert, um einen Zentimeter zu wachsen, und wenn sie zehn Meter hoch sind, zählen sie erst hunderttausend Jahre in dieser Unterwelt, die vor zwei Millionen Jahren zu existieren begann. Müsste man nicht immerfort hinter seiner Besuchergruppe her eilen, man könnte wohl auch dem leisen "blop ... blop ... blop" der Tropfen lauschen. Es klingt wie das Metronom der Ewigkeit.

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