Zeitung Heute : Velotaxi: "Jetzt vermarkten wir das Know-how"

Herr Matuszewski[sind Ihre Fahrer fit aus der Win]

80 Fahrradtaxen auf festgelegten Linien in Berlin, 40 weitere auf der Bundesgartenschau in Potsdam: Das ist das Angebot der Firma Velotaxi. Das erste und einzige Fahrradtaxi-Unternehmens in Deutschland bietet seine Dienstleistung jetzt im fünften Jahr an. Ludger Matuszewski hat das Unternehmen gegründet.

Herr Matuszewski, sind Ihre Fahrer fit aus der Winterpause gekommen?

Noch sehen alle ein bisschen blass aus. Aber das wird sich schnell ändern, wenn sie erstmal auf der Piste sind.

Die Fahrer kutschieren in ihren Rikschas Fahrgäste per Muskelkraft durch die Stadt. Nehmen Kunden eine solche Dienstleistung an oder sind sie erstmal zurückhaltend?

Viele hatten da zunächst eine Hemmschwelle, denn die Velotaxis erinnern auf den ersten Blick in der Tat an die Rikschas in Asien. Die Kritik ging vereinzelt sogar so weit, dass von modernem Sklaventum die Rede war. Mittlerweile aber hat sich diese neue Dienstleistungsidee etabliert, gesellschaftlich und politisch und wirtschaftlich sowieso.

Wie viel verdient ein Velotaxi-Fahrer?

Die Fahrer behalten die Einnahmen der Fahrgäste. Es war von Anfang an unser Konzept, nicht an den Fahrern zu verdienen. Sie sind selbstständig und fahren auf eigene Kasse. Wir vermieten die Räder und die Dienstleistung drumherum, also die Auftragsannahme und -weiterleitung, Wartung oder Reparaturen oder auch Versicherungen. Das ist alles im Mietpreis von rund zehn Mark pro Tag für das Rad enthalten.

Davon wird sich aber die Firma Velotaxi kaum finanzieren können.

Bei weitem nicht. Wir verdienen mit der Werbung. Wir vermieten die Kabinen der Fahrräder als Werbefläche. Und zusätzlich bieten wir unsere Räder noch für Veranstaltungen an. Vergangenes Jahr hatten wir zum Beispiel einen Shuttle-Dienst in Hannover zur Expo, dieses Jahr fahren wir auch auf der Bundesgartenschau in Potsdam.

Reicht dieses Angebot aus, um sich langfristig am Markt zu behaupten?

Wir bauen dieses Jahr einen weiteren Geschäftsbereich auf. Wir verkaufen Velotaxis und kooperieren mit Unternehmen in anderen Städten. Dazu haben wir bereits eine industrielle Serienproduktion vorbereitet. Den verschiedenen Kooperationspartnern verkaufen wir dann auch ein komplettes Start-Up-Paket mit Software, Schulungen, Musterverträgen, Öffenlichkeitsarbeit und allem drum und dran.

Das heißt, Sie vermarkten jetzt auch das Know-how, das Sie in den vergangenen Jahren erworben haben.

Genau. Das ist ein neues Geschäftsfeld, mit dem wir weiter wachsen wollen. Im vergangenen Jahr lagen wir mit unserem Umsatz erstmals über einer Million Mark, mittlerweile habe ich fünf angestellte Mitarbeiter. Dieses Jahr wollen wir mit dem Vertrieb der Velotaxi-Räder den Umsatz noch einmal deutlich steigern. Außerdem haben wir damit die Chance, uns aus der Saisonabhängigkeit zu lösen.

Wieviel Startkapital brauchten Sie, als Sie sich vor fünf Jahren selbstständig machten?

Wir haben damals ein Existenzgründungsdarlehen bekommen. Das waren 500 000 Mark. Aber das war gar nicht so einfach. Diese Dienstleistung gab es noch nicht, das war noch eine Vision, mit der unsere Bank nichts anfangen konnte. Jedenfalls haben wir das Geld erst bekommen, als wir die ersten Umsätze von unserem Werbepartner vorlegen konnten, die über den 500 000 Mark lagen. Das klingt fast wie eine Posse: Gib mir 500 000 Mark, dann bekommst Du 500 000 Mark. Aber für uns war das eine extrem schwierige Situation, weil wir die Aufträge für die Räder rausgeben mussten, ohne dass wir das Geld dafür schon hatten. Wir mussten darauf spekulieren, dass es rechtzeitig kommt. Das Geld der Werbepartner kam dann sogar eher als der Kredit der Bank. Erst in den folgenden Jahren wurde der Umgang mit den Banken dann etwas leichter.

Sie brauchen auch nach fünf Jahren noch immer Geld von den Banken?

Auf jeden Fall, ja. Im Jahr 2000 haben wir gerade wieder einen Kredit von einer Million Mark gebraucht. Der wurde aber schon sehr kurzfristig gewährt - und auch größtenteils zurückgezahlt. Mittlerweile brauchen wir schon wieder Geld (lacht).

Womit haben Sie die Banker überzeugt?

Als wir das erste Mal auftraten mussten wir das ganze Paket mit Business-Plan, Liquiditäts-Plan, Rentabilitäts-Plan vorlegen, wir mussten zeigen, wann welche Kosten und welche Erträge entstehen. Ein Existenzgründer muss beweisen, dass er sein Handwerk versteht, dass er mit Betriebswirtschaft auch wirklich umgehen kann und das nicht nur theoretisch beherrscht. Aber auch die Lobbyarbeit war wichtig. Ich hatte schon früh Kontakt zu Volker Hassemer ...

...dem Geschäftsführer der Berlin Marketing Gesellschaft "Partner für Berlin" ...

und auch zum Senat, zum Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner oder Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. Von diesen Kontakten profitiere ich heute noch, und sei es nur, dass ich einen Referenzbrief brauche. Ich sehe Politiker heute auch so, dass sie dazu da sind, uns zu helfen. Dass sie der Bevölkerung und auch uns Unternehmern helfen müssen. Wenn ich was brauche, dann verlange ich heute danach. Das gilt übrigens auch in bezug auf Ämter, mit denen man es als Unternehmer immer wieder zu tun hat.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Berliner Bürokratie gemacht?

Anfangs hatten wir ein echtes Problem. Velotaxis sind als Fahrräder eingestuft worden. Nach der Straßenverkehrsordnung darf man mit Fahrrädern aber nur Kinder bis zum siebten Lebensjahr befördern. Wir brauchten also eine Ausnahmegenehmigung. Die haben wir dann nach einigem Tauziehen zunächst auf ein Jahr befristet bekommen. Dann wurde sie unbefristet erteilt - allerdings nur für Berlin. Wollten wir in anderen Städten antreten, müssten wir sie auch dort beantragen. Ansonsten würde nur eine Änderung der Straßenverkehrsordnung helfen. Die hätten wir natürlich gern, schon um unseren Verkauf ankurbeln zu können.

Sie sagten vorhin, dass Sie heute fünf feste Mitarbeiter haben. Sind Sie allein gestartet?

Oh nein, das hätte nicht geklappt. Wir waren ein Team von vier Leuten zu Anfang. Eine Freundin von mir und meiner Frau hat die Werbung übernommen, meine Frau hat die Öffentlichkeitsarbeit gemacht und ein weiterer Freund, ein Informatiker, hat unsere gesamte Software entwickelt. Meine Stärke war das Projektieren und Akquirieren der Kunden. Ohne dieses Start-Team hätte das Unternehmen nicht funktioniert. Man muss von Anfang an darauf achten, gute Leute um sich zu scharen. Deshalb bin ich auch heute noch sehr vorsichtig bei Einstellungen. Ein neuer Mitarbeiter muss nicht nur sein Handwerk verstehen, auch die "Chemie" muss stimmen, er muss ins Team passen.

Wie viel Anlaufzeit haben Sie gebraucht?

In den ersten eineinhalb Jahren habe ich mir kein Gehalt gezahlt und von meinen Ersparnissen gelebt. Deshalb kann ich auch niemandem raten, mit Null anzufangen. In der Regel muss man erstmal eine ganze Weile überbrücken. Außerdem habe ich jahrelang keinen richtigen Urlaub gemacht und arbeite mindestens 60 Stunden jede Woche. Auch das muss man in Kauf nehmen.

Was braucht ein Unternehmer noch?

Vor allem: Selbstbewusstsein. Er sollte sich nicht zu sehr von anderen beeinflussen lassen. Ein positives Feedback anderer ist zwar enorm wichtig. Man sollte aber auf gar keinen Fall die Scheu haben, etwas Neues, Eigenes zu machen und seine eigene Idee durchzusetzen. Dafür braucht man Mut, außerdem Durchhaltevermögen und vor allem braucht man gute Freunde.

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