Zeitung Heute : Veni, Vieri, Vici

KLAUS ROCCA

MARSEILLE .Für einen Augenblick stieg die Zornesröte in sein Gesicht.Man sah es ihm an, die Frage gefiel ihm nicht.Ob es nicht ein Fehler gewesen sei, bis zum Schluß nur mit einem Stürmer zu agieren, wurde Egil Olsen gefragt."Nein, damit sind wir bisher immer gut gefahren." Zuletzt 17 Spiele lang, mit zwei Siegen gegen den Rekord-Weltmeister Brasilien, zuletzt im Vorrundenspiel an gleicher Stätte.

Doch jede Serie hat einmal ein Ende.Auch, weil man nicht immer gewinnen kann, wenn man versucht, nicht zu verlieren.Und die von Olsen trainierten Norweger wußten, daß sie im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen mußten.Sie taten es nicht, weil die Italiener besser waren.Und weil, so der eingewechselte Mittelfeldspieler Stale Solbakken, "wir auf den letzten 20 Metern vor dem gegnerischen Tor zu wenig Phantasie hatten".Egil Olsen vernahm auch das nicht gern.Sein Abschiedsspiel für Norwegen lag ihm sichtlich schwer im Magen.In der kommenden Saison trainiert er die Glasgow Rangers.

Olsen blieb auch das Happy-End versagt, weil seine einzige Sturmspitze Tore Andre Flo, der beim 2:1 gegen Brasilien noch so überragend aufgespielt hatte, am Sonnabend eindeutig im Schatten des 17 Zentimeter kleineren Fabio Cannavaro stand.Auch, weil das Spiel seiner Mannschaft zu stereotyp, zu durchsichtig, zu schematisch und damit zu leicht berechenbar war.Vor allem aber, weil dieses Kraftpaket Christian Vieri ihm mit seinem fünften WM-Tor einen Strich durch die Rechnung machte.Veni, Vieri, Vici.185 Zentimeter und 82 Kilogramm - geballte Kraft.

Es sollte eigentlich die Weltmeisterschaft des Alessandro del Piero werden.Wird es die des Christian Vieri? 1982 bei der WM in Spanien wurde Paolo Rossi Torschützenkönig, 1990 im eigenen Land Toto Schilacci, 1998 nun Christian Vieri.Wer spricht da noch von Roberto Baggio, den Cesare Maldini gegen Norwegen auf der Bank schmoren ließ."Bobo", wie sie Vieri rufen, dessen Mutter Australierin war, ist nun in aller Munde.Sympathisch, wie er sich gibt, bescheiden, zuvorkommend.Von seinem Tor wolle er nicht viel reden.Nur Dank sagen wolle er, dem Vorlagengeber Luigi Di Biagio.Vieri: "Es war ein Traumpaß."

So richtig ausgelassene Stimmung wollte im Stadion "Vélodrome" von Marseille dennoch nicht aufkommen.Und das, obwohl die aus dem nahen Italien angereisten Tifosi so stimmgewaltig waren und fast die Hälfte aller Einwohner der französischen Hafenstadt italienischer Abstammung sind.Aber es war eben ein typisch italienisches Spiel.Nichts kann tödlicher für ein Spiel sein, als wenn die Squadra azzurra in Führung geht.Die gellenden Pfiffe nach dem Schlußpfiff nahm Cesare Maldini, dessen Sohn Paolo die Abwehr meist souverän dirigierte, nicht krumm.Die da pfiffen, meinte der Trainer, seien die, die damit ihrem Beifall Ausdruck gegeben hätten.So kann man es natürlich auch sehen.

Auch Egil Olsen, seinen Gegenspieler, hatten die Italiener "nicht sonderlich beeindruckt".Da schwang wohl auch die Enttäuschung mit.Doch Olsen, bekennender Marxist, lange Jahre Dozent an der Sportuniversität in Oslo und als Spieler ein egoistischer Dribbler (Spitzname "Drillo"), ist vielleicht das Opfer seiner eigenen 4-5-1-Taktik geworden.Wie meinte doch Giuseppe Bergomi: "Die Norweger spielen Fußball von gestern."

Bergomi muß es wissen.Mit seinen 34 Jahren kennt er den Fußball von gestern aus eigener Anschauung.

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