Zeitung Heute : Venti

Wellness-Kost

Bernd Matthies

Nun ist 2002 rum, das Geld ist alle, und da bietet es sich an, endlich ein feierliches Gelübde zum Jahresbeginn abzugeben: Ab sofort leben wir gesund! Dummerweise stellt sich dann schnell heraus, dass auch das Geld fürs schicke Fitness-Center nicht da ist, und so geht alles wieder seinen gewohnten Gang, der Bauchspeck wächst und gedeiht. Wenn man doch wenigstens im Fitness-Center essen könnte!

Und bitte: Kaum ist der Stoßseufzer formuliert, wird er auch schon erhört. „Wellness-Kost mit Gourmet-Anspruch“, das wäre doch mal was, und so steht es auf der Mitteilung des Wellness-Clubs namens „Aspria“ in Halensee. Dort hat man ein Restaurant eingerichtet, das auf den Namen „Venti“ hört – vom Namen her könnten das auch zwei neue Toyota-Coupes sein, aber das ist ein anderes Thema. Das „Venti“ also ist auch Nichtmitgliedern zugänglich, seine Tiefgarage leider nicht, was in dieser Gegend ein massives Handicap darstellt.

Doch irgendwann ist man drin, sitzt und betrachtet eine kleine Speisekarte, der die Wellness-Absicht nicht unbedingt anzulesen ist. Es gibt eine ganze Menge Salate, doch das restliche Angebot klingt recht konventionell, nicht einmal betont vegetarisch, das Mineralwasser wird in fragilen Plastikflaschen mit einem Verschlussnippel serviert, der eher nach Profiradsport aussieht. Uns schreckte das wenig angesichts des Preises von exakt 3,20 Euro für nullkommasieben, endlich einmal ein Zeichen gegen die Abzockerei mit Wasser, die in den weniger gesunden Restaurants üblich ist.

Interessanter als die Wellness-Deklarationen fand ich die professionelle Handschrift der Küche, die Konstantin Grailer, ein ehemaliger Sous-Chef aus dem Ritz-Carlton, leitet. Das merkt man weniger an ausgefallenen Gerichten, sondern eher daran, dass die Sachen schmecken. Die Trilogie vom Lachs – gebraten, geräuchert, gebeizt – ist also ihre elf Euro wert, eine frische, appetitliche Angelegenheit, die vielen figurbetonten Sportlern als Abendessen genügen mag. Restaurantkritiker lassen sich von derlei Anfechtungen freilich nicht schrecken: Tafelspitz, dünne Scheiben zu einem kleinen Hügel aufgehäufelt, mit Salat, war für 6,50 ebenfalls ein angenehmes Gericht aus der Kann-man-nichtmeckern-Kategorie.

Acht Euro waren für recht knusprige Gemüseplätzchen mit einem würzigen, fernöstlich angehauchten Salat größerer Dimension fällig, und die mit Datteln gefüllte Entenbrust nebst Orangen-Karamel-Nudeln kostete 14 Euro. Sie fiel insgesamt ziemlich süß aus, was bei Datteln niemanden überraschen wird, überzeugte aber dennoch durch eine tiefgründige, leichte Sauce.

Die beiden Desserts – das gesamte Angebot – fielen sanft ab, weil sie hier offenbar doch ein wenig nebenher angerichtet werden: Passables Schoko-Lebkuchenparfait sowie eine gummihafte Joghurt-Safran-Terrine, angerichtet auf identischen, überladenen Dekorationen mit dem doofen Puderzucker, der sich an alle Manschetten hängt. Zusammen mit einem sehr anständigen südafrikanischen Sauvignon blanc kam das alles auf knapp 60 Euro, und das war der Spaß nun wirklich wert.

Dennoch würde ich ein wenig Feinschliff anraten, sicher kein Problem für ein neues Restaurant. Der hohe Raum mit Eingangstüren nach zwei Seiten wirkt nicht gerade anheimelnd, weil die Unruhe aus dem lebhaft frequentierten Empfangsbereich des Aspria-Centers hereinweht und das Licht trotz Kerzen diffus über den Tellern zerbröselt. Weiter hinten, im Anschluss an die Bar, gibt es einen Lounge-Bereich, der in allen Belangen angenehmer gestaltet ist, nur stehen dort eben keine Tische. Ein wenig Möbelrücken also könnte dazu beitragen, dass das „Venti“ architektonisch auch als Restaurant besser funktioniert und nicht nur als Pausenstation fürs Fitness-Volk.

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