Zeitung Heute : Verblüffungseffekte

BORIS KEHRMANN

Glanzvolles Eröffnungskonzert der Tage für Alte MusikBORIS KEHRMANNDaß das Instrumentalspiel sich an der Ausdruckskraft der menschlichen Stimme zu orientieren habe, war für Musiker bis in die Zeit des Barock selbstverständlich."Singen ist das Fundament zur Music in allen Dingen.Wer die Composition ergreift, muß in seinen Sätzen singen.Wer auf Instrumenten spielt, muß des Singens kündig seyn." So hielt es Georg Philipp Telemann in seinem "Lebens-Lauf" von 1718 fest.Die Sätze seiner Sonate für Viola da Gamba und Basso continuo e-Moll aus der Sammlung der "Essercizii musici" (1739-40) tragen neben den gewohnten Bezeichnungen Allegro und Vicace auch solche, die eine vokale Artikulation vom Spieler ausdrücklich verlangen: Cantabile, Recitativo und Arioso.Wie man eine Gambe auf bewegende Weise elegisch Kantilenen spinnen, dramatisch erregt deklamieren lassen kann, so daß aus der Sonate buchstäblich eine Kantate wird, das führte Wieland Kuijken beim Eröffnungskonzert der 8.Berliner Tage für Alte Musik im Kleinen Saal des Schauspielhauses ganz unaufwendig vor.Kuijken gehört zu den Pionieren des Gamben-Spiels.In den sechziger und siebziger Jahren befreite er es vom Ruch des historischen Experiments, erhob er es zu einem ästhetischen Vergnügen und beeinflußte damit eine ganze Generation.Seine fast vierzigjährige Spielerfahrung resultiert in einer traumwandlerischen Ruhe, abgerundeten Interpretation und einem fast klassisch zu nennenden, schönen Ton.Doch ohne Mitzi Meyerson am Cembalo wäre das Vergnügen nur ein halbes gewesen.Durch pointiert rhythmisches Spiel hob sie die Hauptlinien im Continuo-Part hervor und legte damit ordnend und verdeutlichend das Fundament, auf dem sich die Gamben-Stimme frei phantasierend entfalten konnte. Im Gegensatz zur eingangs zitierten Anschauung entdeckte und würdigte das Barock auch die individuellen Eigenschaften der verschiedenen Instrumente.So konnte Telemann in der Triosonate für Blockflöte, Viola da gamba und Cembalo F-Dur einen besonderen Verblüffungseffekt dadurch erzielen, daß er die Blockflöte spezifisch gambistische Zierfiguren nachahmen läßt.Derartige Grenzüberschreitungen verlangen vom Instrumentalisten Außerordentliches, und wie mühelos Marion Verbruggen sie vollbringt, macht den Ausnahmerang der Amsterdamer Flötistin deutlich.Aber auch die artikulatorischen Details, die Gliederung der Phrasen nach sprachlich-rhetorischen Gesichtspunkten erfahren eine derart sorgfältige Ausarbeitung, wie man sie selbst im Alte-Musik-Bereich selten so konsequent und stimmig hört.Sie adelt auch Leichtgewichte, wie die h-Moll-Suite aus Opus 2 von Louis Antoine Dornel.Im französischen Teil des Programms imponierten vor allem die Clavecin-Sätze von Claude-Bénigne Balbastre, aus denen Mitzi Meyerson Erstaunliches an Dramatik und dynamischen Kontrasten herausholte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben