Zeitung Heute : Verborgene Schätze

Privatleute in Amsterdam und Rotterdam öffnen für einige Tage im Juni ihre Gärten

Rolf Brockschmidt

Amsterdams Grachten faszinieren den Besucher nicht nur durch ihre Architektur und das Wasser, sondern auch durch die vielen Bäume, die der Stadt so ein lebendiges, angenehmes Aussehen verleihen. Aber Amsterdam hat noch viel mehr Grün, das dem Normalbürger allerdings verborgen bleibt, denn die Häuser stehen wie ein Schutzwall an den Grachten und schließen die Gärten dahinter ein. Nur wem es gelingt, in eines der prächtigen Bürgerhäuser zu gelangen, vermag einen Blick in die Gärten zu erhaschen. Da die Grundstücke schmal sind – für die Breite der Fensterfront mussten Steuern gezahlt werden im 17. Jahrhundert – ergeben sich eher schmale, aber dafür langgestreckte Grundstücke, deren Gärten liebevoll angelegt wurden. Wie es hinter den stolzen Hausfassaden aussieht, kann man sehen, wenn man in dem Nobelkaufhaus Metz & Co an der Leidsestraat, Ecke Keizersgracht, einen Kaffee im obersten Stockwerk nimmt. Hier hat man einen wunderbaren Ausblick über die Dächer von Amsterdam und damit auch in die Hinterhöfe der Grachtenhäuser, die hier in der Regel „Hintergärten“ sind .

Damit die privaten Schätze hinter den hochherrschaftlichen Giebeln ein wenig bewundert werden können, werden auch in diesem Jahr vom 19. bis 21. Juni die „Open Tuinen Dagen“, die Tage der offenen Gärten der Amsterdamer Grachtenmuseen veranstaltet. Dazu gehört das Museum Willet-Holthuyzen, ein prächtiges Wohnhaus aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert an der Herengracht, das 1739 zu seinem heutigen Aussehen umgebaut wurde, das Museum van Loon und das Bibel-Museum, um nur einige zu nennen. Diese Museen bilden den Kern der Gartentage, denn der Reiz der alljährlichen Veranstaltung liegt darin, dass Privatleute für drei Tage an den Grachten ihre Gärten für das Publikum gegen Eintritt öffnen, eine seltene Gelegenheit, die Gartenkunst vergangener Tage im prosperierenden Amsterdam zu genießen. Im Arabischen war der ummauerte Garten ursprünglich ein Synonym für das kleine Paradies, und so kommen einem heute die 25 Gärten der Amsterdamer Patrizier vor.

Vergessen sind Lärm und Hektik der Großstadt, die Vögel zwitschern, das Wasser eines Brunnens plätschert und wenn dann noch die Sonne durch das Laub bricht, ist alles in Ordnung. Oft findet man noch Ziergärten im Stile des 18. Jahrhunderts vor, mit Ornamenthecken und Kieswegen. Gärten im strengen japanischen Stil sind ebenso darunter wie die bunte Blumenwelt der Schauspielerin Barbara Gozens, die den Garten ihres Hauses an der Keizersgracht nahe dem Amstelfluss zum ersten Mal für Gäste öffnen wird. „In den vergangenen Jahren war ich selbst einige Male als Besucherin an dem Gartenwochenende unterwegs“, erzählt die Schauspielerin. „Ich fand das sehr faszinierend, diese überraschenden Einblicke zu erhalten.“ Überraschend und voller Geheimnisse – das macht den Reiz der Open Tuinen Dagen aus. Wer als Besucher der niederländischen Hauptstadt an Herengracht, Keizersgracht oder Prinsengracht vorbeiflaniert, der vermutet wohl kaum gepflegtes Gartengrün mit jahrhundertealtem Baumbestand zwischen den eleganten Stadtvillen und Kontorhäusern: Keine Toreinfahrt öffnet den Blick, kein Durchgang gibt den Neugierigen auch nur ein kleines Stück der stillen Welt hinter den mehrstöckigen Gebäuden preis.

Seit 1996 gibt es das Wochenende der offenen Amsterdamer Gärten. Manche Eigentümer beteiligen sich in jedem Jahr an der Aktion, andere machen in diesem Juni zum ersten Mal mit. Einige steigen mal für ein, zwei Jahre aus, um danach in den Kreis der Gastgeber zurückzukehren. Ein gutes halbes Jahr ist die Amsterdamerin Saskia Albrecht mit den Vorbereitungen auf das Wochenende befasst. Sie spricht die Besitzer der grünen Oasen an, bekommt so manches Mal über deren Gärtner oder Hausmeister die Kontakte zu neuen Interessenten. „Das mag man als Fremder kaum glauben: Aber die Bewohner des Grachtengürtels sind gut miteinander vernetzt. Viele kennen sich persönlich von Ausstellungen und Konzerten“, erzählt die Gartendesignerin. „In jedem Jahr versuchen wir, etwa zehn neue Gärten zu präsentieren.“ Freunde der Gartenkunst, die wiederholt zu dem grünen Wochenende nach Amsterdam reisen, können somit immer wieder auf neue und interessante Entdeckungen hoffen. 7500 Besucher streiften im vergangenen Jahr durch die verborgenen Gärten und waren begeistert von den Kunstwerken aus der Zeit des Barock, der Renaissance oder auch der Moderne. Die Gäste kamen aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Frankreich und Italien – und sogar aus Japan und Finnland.

Wer es nicht rechtzeitig schafft, zu den Gartentagen nach Amsterdam zu kommen, dem seien die Grachtenmuseen in den alten Grachtenhäusern empfohlen, wie etwa das Museum Willet-Holthuyzen, das die Wohnkultur des 19. Jahrhunderts ausstellt und einen wunderschönen englischen Garten aus dem 18. Jahrhundert besitzt.

Der Erlös der Gartentage dient in diesem Jahr dazu, das zum Museum van Loon gehörende Kutschhaus zu erwerben , um dann in Zukunft die Einheit von Grachtenhaus, Garten und Kutschhaus dem Publikum zu präsentieren. Die Karten für alle Gärten kosten 15 Euro und sind in den beteiligten Museen zu erwerben. Man kann die Gärten auch per Boot an den drei Tagen aufsuchen. Der Vorverkauf findet über das Amsterdamer Tourismusbüro statt (www.amsterdamtourist.nl).

Zum ersten Mal öffnet auch Rotterdam am 13. und 14. Juni im Rahmen seines Sommerfestivals hundert private und sonst nicht zugängliche Gartenanlagen für das Publikum. Rotterdam bietet drei Touren unter verschiedenen Gesichtspunkten an. Man kann sich seinen Rundgang auch nach architektonischen Kriterien gestalten oder Gemeinschaftsgärten besuchen. Der Gartenführer mit allen teilnehmenden Gärten mit Plan und Routen kostet 7,50 Euro, der Eintritt für die Gärten fünf Euro. Erhältlich ist er im Buchhandel und beim Fremdenverkehrsamt VVV Rotterdam, Coolsingel 5. (mit dpa)

 Informationen: Niederländisches Büro für Tourismus (NBT), Postfach 27 05 80, 50511 Köln (Tel.: 0221/92 57 170)

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