Zeitung Heute : Verbotene Themen, moderne Gestaltung

FRANK NOACK

Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, Hollywood dulde keine Außenseiter, die das System herausfordern.Dem widerspricht die Tatsache, daß einer der erfolgreichsten Regisseure der konservativen fünfziger Jahre gerade aufgrund von Provokationen Karriere gemacht hat.Otto Preminger (1905 - 1986) bewirkte im Alleingang die Aufhebung mehrerer Tabus.In seiner Komödie "The Moon Is Blue" (1953) waren Wörter wie "Jungfrau" undÔ"schwanger" zu hören.Darüber hatte sich selbst im biederen Adenauer-Deutschland keiner aufgeregt, wo Preminger parallel die deutsche Fassung "Die Jungfrau auf dem Dach" mit Hardy Krüger, Johanna Matz und Johannes Heesters realisierte.

Doch in Hollywood verweigerte man ihm wegen der "obszönen" Dialoge das seal of approval, ein Gütesiegel, ohne das kein Film in die Kinos kam.Preminger verzichtete auf das Siegel, ein paar mutige Kinobesitzer spielten den Film trotzdem, und der Erfolg war enorm.In "Carmen Jones" (1954) wurde von ihm erstmals eine schwarze Darstellerin - Dorothy Dandridge - als Star inszeniert.Es folgte "Der Mann mit dem goldenen Arm" (1955) mit Frank Sinatra, der sich an ein weiteres verbotenes Thema wagte: die Drogensucht.Kontinuierlich sagte Preminger den religiösen Fanatikern, die Hollywood zwei Jahrzehnte lang unterdrückt hatten, den Kampf an - und gewann.Denn das Publikum wollte endlich wieder erwachsene Filme sehen.

In dem Gerichtsfilm "Anatomie eines Mordes" (1959) wurden sexuelle Details mit einer Offenheit besprochen, die es so in der US-Öffentlichkeit erst wieder bei der Lewinsky-Affäre gegeben hat.Sal Mineo berichtete als KZ-Überlebender in "Exodus" (1960), wie er von Aufsehern vergewaltigt wurde, und das Politdrama "Sturm über Washington" (1962) gewährte dem Publikum einen ersten Blick in eine Schwulenbar.Zum Experiment mit neuen Inhalten kam das mit neuen Formen: Er gab dem hochbegabten jungen Saul Bass die Möglichkeit, sich als Vorspann-Designer auszutoben, und engagierte progressive Komponisten wie Elmer Bernstein und Duke Ellington.

Neue Themen durchgesetzt zu haben, ist ein unbestreitbares Verdienst von Otto Preminger.Daneben haftet ihm allerdings das Image eines Leuteschinders an: Als "Otto der Hunne", der Jean Seberg als Heilige Johanna fast verbrennen ließ.Und der Marilyn Monroe, mit der er den Western-Klassiker "Fluß ohne Wiederkehr" (1954) gedreht hat, gegenüber der Presse ein "Vakuum mit zwei Brustwarzen" nannte.

Der Einschätzung als notorisches Branchen-Ekel haben mit Gene Tierney und Kim Novak allerdings zwei nicht gerade hartgesottene Darstellerinnen widersprochen.Wie soll man Otto Preminger auf einen Begriff bringen, wenn man ihn nicht auf den Tabubrecher oder den Leuteschinder reduzieren kann?

Ein flüchtiger Blick auf seine Karriere läßt den Eindruck von Beliebigkeit entstehen.Studium der Rechte, Theaterarbeit mit Max Reinhardt in Wien, im US-Exil Erfolg mit dem Anti-Nazi-Stück "Margin for Error", in Hollywood Beiträge zur Schwarzen Serie, später ein Hang zu überlangen Prestigefilmen mit wichtigen Themen, zum Abschluß mißlungene Satiren.Sein Hollywood-Durchbruch "Laura" (1944) kam nur durch einen Zufall zustande: Preminger mußte in letzter Sekunde für den Regisseur Rouben Mamoulian einspringen.Er begeisterte Publikum und Kritik und erhielt seine erste Oscar-Nominierung.Inhaltlich war "Laura" eine Vorwegnahme von Hitchcocks "Vertigo", denn auch hier verliebt sich ein Detektiv in eine Tote.Allein sitzt Mark McPherson (Dana Andrews) in der Wohnung der ermordeten Laura Hunt und starrt auf ihr Bild.Dann betritt die scheinbar Tote den Raum.In der Darstellung von Gene Tierney ist Laura auf einmal kein Traumgeschöpf mehr, sondern eine moderne, sachliche Frau; keine Göttin wie auf dem Gemälde, sondern eine Seelenverwandte des hartgesottenen Detektivs.

Und hier liegt der Schlüssel zur Kontinuität in Premingers Werk.Er hat den nüchternen Blick des Juristen; hart, aber niemals zynisch wie Billy Wilder.Andererseits ist ihm auch die Sentimentalität fremd, die man bei Wilder und einem anderen Exil-Wiener, Max Ophüls, so oft findet.Neurotiker und Psychopathen, die in Premingers Werk zahlreich auftreten, werden von ihm mit erstaunlicher Sachlichkeit porträtiert.Fast dokumentarisch ist Premingers Blick auf die Menschen, so daß selbst ein Star der alten Schule wie Joan Crawford unter seiner Regie natürlich wirkt.Es überrascht nicht, daß eine der modernsten Schauspielerinnen ihrer Zeit, Jean Seberg, von Preminger entdeckt worden ist.In "Bonjour tristesse" (1958) spielt sie eine Intrigantin, die die Geliebte ihres Vaters in den Selbstmord treibt, ohne deswegen von der Regie dämonisiert zu werden.

Preminger müßte, bei dieser stattlichen Zahl von Klassikern, eigentlich berühmter sein.Seine Filme wirken nicht antiquiert, wie es gelegentlich bei ursprünglich modernen, tabubrechenden Arbeiten der Fall ist.Wer Retrospektiven meidet, weil er alte Filme für altmodisch hält, der kann sich hier vom Gegenteil überzeugen.

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