Zeitung Heute : Verbranntes Geld

Antje Sirleschtov,Anselm Waldermann

Altkanzler Schröder hält sein Engagement beim Betreiber der OstseePipeline für eine „Ehrensache“. Was aber haben die Verbraucher in Deutschland von dem Projekt?


Ein Drittel des deutschen Erdgasbedarfs wird aus Russland geliefert. Bisher fließt dieses Gas vor allem über ukrainische Pipelines nach Deutschland. Dafür sind jedoch Transitgebühren fällig, außerdem ist die Versorgung von der politischen Lage in der Ukraine abhängig. „Strategisch ist es also klug, über die Ostsee einen unabhängigen Zugang zum russischen Gas zu haben“, sagt Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. Auch der Chef der deutschen Energieagentur, Stephan Kohler, sieht das so: „Angesichts des weltweit zunehmenden Erdgasbedarfs ist eine stabile Kooperation Deutschlands mit den russischen Lieferanten strategisch unbedingt notwendig.“

Peters sieht allerdings auch ein entscheidendes Problem: Die Leitung erschließe keine neuen Gasfelder. „Die Ostsee-Pipeline erhöht zwar die Versorgungssicherheit“, sagt er. „Aber sie ändert nichts daran, dass die weltweiten Gasvorräte begrenzt sind.“ Das macht sich inzwischen beim Preis bemerkbar: Weil die Produktion der steigenden Nachfrage nicht hinterherkommt, wird Gas zunehmend teurer. Für das kommende Jahr kündigte der russische Monopolist Gasprom bereits eine Erhöhung um zwei bis vier Prozent an.

Auch die neue Pipeline dürfte daran wenig ändern. „Eon-Ruhrgas baut die Leitung schließlich nicht, um den Gaspreis zu senken“, sagt Carel Mohn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Im Gegenteil: Weil Eon am Bau der Pipeline beteiligt sei, verfestigten sich sogar die Monopolstrukturen in Deutschland. Eon-Ruhrgas hat hier zu Lande einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent.

Bei den Grünen beobachtet man die Ostsee-Pipeline schon seit längerem skeptisch. Fraktionsvize Reinhard Loske sieht in dem Projekt „alles andere als eine patriotische Tat, der sich jetzt auch der Altbundeskanzler verschrieben hat“. Vielmehr werde „die extreme Marktmacht des Gasimporteurs Eon-Ruhrgas noch vergrößert“. Ähnliche Bedenken hat auch Hans-Josef Fell, der energiepolitische Sprecher der Grünen. Die Ostseeleitung soll rund vier Milliarden Euro kosten. „Diese Summe muss erst mal wieder reinkommen“, sagt er. Die gesparten Durchleitungsgebühren in der Ukraine fielen dagegen gering aus. „Günstiger wird Gas für die Verbraucher auf keinen Fall“, warnt Fell.

Dem stimmen selbst unabhängige Fachleute zu. „Je mehr Gasleitungen gebaut werden, desto mehr steigt der Gaspreis“, erklärt Georg Erdmann vom Institut für Energietechnik an der Technischen Universität Berlin. „Aber das ist eben der Preis für mehr Versorgungssicherheit.“ Deshalb sei er trotz allem für das Ostseeprojekt: „Falls es Schwierigkeiten mit der Ukraine gibt, sind wir so besser abgesichert“, sagt Erdmann. „Man legt schließlich nicht alle Eier in einen Korb.“

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