Zeitung Heute : Verdeckte Ermittlung

ALBRECHT DÜMLING

Ensemble UnitedBerlin mit Peter Hirsch im Schauspielhaus Die Sängerin bleibt im Hintergrund wie die Texte, die sie nur von ferne andeutet.Ihre Worte sind keineswegs bedeutungslos, aber unterdrückt, von anderen Sprachschichten überdeckt.Jakob Ullmann nähert sich in seiner Komposition "palimpsest", entstanden in den Wendejahren 1989/90, der Gegenwart wie ein Altertumsforscher, der eine bereits überschriebene oder abgeschabte Schrift auf einem Pergament wieder sichtbar zu machen versucht.Das halbstündige Werk besteht nur aus Andeutungen, aus gehauchten und geflüsterten Klängen an der Grenze der Hörbarkeit. Die Texte, die die Sopranistin Angelika Luz bruchstückhaft und kaum vernehmbar auf Altgriechisch, Russisch und Hebräisch spricht und singt, sind Totenklagen der Antigone des Sophokles sowie der Dichterin Anna Achmatova.Mit dem Ungaretti-Motto "Per i Morti della Resistenza" kennzeichnet Ullmann die Toten als Tote des Widerstands.Die von oben unterdrückte Klage übersetzt er in ein Spiel des Unter- und Überdrucks.Man verfolgt mit Spannung, wie das von Peter Hirsch geleitete Ensemble UnitedBerlin diesen Druck über die lange Strecke durchhält, Einzeltöne aus dem gestauten pianissimo explosiv herausbrechen läßt, sie allmählich zu einer artikulierten Tonfolge zusammensetzt.Aber erst die sich bis in höchste Register schraubende Sopranistin macht das verdeckt Ermittelte als Klage kenntlich. Der seit 1982 in Berlin wirkende Jakob Ullmann bezieht sich in seiner Sprachzersplitterung wie in der Widmung auf Luigi Nono.Dessen "Canciones a Guiomar" von 1962 artikulieren die Sprache offener und weniger experimentell als beispielsweise sein "Canto sospeso".Angelika Luz, nun nicht mehr in den Hintergrund verbannt, singt diesen von Streichquartett- und Gloêkentönen begleiteten Liebesgesang eines politischen Gefangenen als intensive Klage und Beschwörung, zum Schluß durch den Frauenchor ins Universale überführt. Der in Freiburg lehrende Mathias Spahlinger, der sich ebenfalls unter den Hörern befindet, sieht sich wie Ullmann und Nono als politischer Komponist.In "furioso" gewann er 1991/92, angeregt durch Hegels "Furie des Verschwindens" und die rhythmischen Alternierungen des Furiant-Tanzes, dem Abschaben und Ausblenden freundlichere Aspekte ab.Wenn seine Komposition ebenfalls in einen cantus firmus einmündet, dann aus anderem Grund als bei Ullmann: hier ist kein unterdrückter Text entziffert, sondern die Negation in eine positive Setzung umgeschlagen.Auch wer diesem künstlerisch-philosophischen Prozeß nicht ganz zu folgen vermag, kann gemeinsam mit dem avantgardeerfahrenen Peter Hirsch den Strudel der Metren und Artikulationsformen als belebend empfinden. ALBRECHT DÜMLING

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