Zeitung Heute : Verdi-Jahr in Italien: Ansturm der Opernfreunde

Ingrid Sachsenmeier

Nachdem das Jahr 2000 als "Heiliges Jahr" begangen wurde, steht für die Italiener ein weiteres weihevolles Ereignis ins Haus: 2001 wird mit einer Vielzahl von Veranstaltungen der 100. Todestag Giuseppe Verdis begangen. Das italienische Volk verehrte den Komponisten schon zu Lebzeiten und fiel in große Trauer, als Verdi am 27. Januar 1901 im Gran Hotel et de Milan in Mailand starb. Um Verdis Totenruhe nicht zu stören, wurde die vor dem Hotel verlaufende Via Manzoni mit Stroh ausgelegt, die Hufe der Pferde wurden mit Stoff eingebunden, um den Hufschlag zu dämpfen.

Heute fahren die Autos lautstark durch die Straße. Das Hotel im Zentrum der lombardischen Metropole gehört immer noch zu den ersten Adressen. Giuseppe Fortunio Francesco Verdi starb zwar in Mailand, hat aber den Großteil seines Lebens in der Emilia Romagna verbracht. Geboren wurde er am 10. Oktober 1813 in Le Roncole bei Busseto in der Nähe von Parma, wo seine Eltern Carlo Verdi und Luigia Uttini als Gastwirte ihren Lebensunterhalt verdienten.

Es liegt also auf der Hand, dass in Busseto und Parma und natürlich auch an der Mailänder Scala dem musikalischen Werk von Giuseppe Verdi in diesem Jahr besondere Aufmerksamtkeit geschenkt wird. "Ich war, bin und werde immer ein Dorfbewohner aus Roncole sein" - dieser Satz wird von ihm überliefert, der sich Zeit seines Lebens zur Herkunft aus der Emilia Romagna bekannte.

Seine Kindheit verbrachte er in einem Haus mitten im Dorf Roncole, in dem sein Vater Carlo eine Schankwirtschaft und einen Krämerladen betrieb und das heute als Museum dient. Die fürstlichen Besitzer des Hauses verfügten, dass es unverändert bleiben soll. Viele Verdi-Fans finden heute den Weg dorthin. Die Gemeinde Busseto hat das Museum für das Jahr 2001 zusätzlich mit Computern und modernsten audiovisuellen Informationen aufgerüstet.

Busseto fühlt sich eng mit Verdi verbunden. Hier wohnte in der Via Roma 119 der wohlhabende Kaufmann Antonio Barezzi. Im Salon, in dem Verdi Barezzis Tochter Margherita Klavierunterricht erteilte - sie wurde später seine erste Frau -, steht heute noch das Piano von einst. Die Vereinigung "Amici di Verdi" trifft sich hier regelmäßig. Sie hat den Salon 1998 renovieren lassen und viele Erinnerungsstücke zusammengetragen. Bussetos Geschichte ist von Verdi geprägt. Es wird überliefert, dass sich die Bevölkerung sogar einmal wegen des Komponisten in zwei gegnerische Lager spaltete. Das kam so: Verdi bewarb sich auf die Stelle des 1833 verstorbenen Organisten Ferdinando Provesi, der 13 Jahre lang an der Kirche Collegiata di San Bartolomeo tätig war. Doch dem 20-jährigen Musikstudenten Verdi wurde die Stelle verwehrt. Ohne Ausschreibung übertrug man einem Giovanni Ferrari die Aufgabe.

Veehrung für den berühmten Sohn

Aus Protest weigerten sich die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters von Busseto daraufhin, sich am Gottesdienst zu beteiligen. Heute verehrt die gesamte Bevölkerung von Busseto einträchtig ihren berühmten Sohn. Wenn man das 100. Todesjahr von Verdi zum Anlass nimmt, auf seinen Spuren zu wandeln, darf ein Besuch im Theater Giuseppe Verdi in Busseto nicht fehlen, obgleich er selbst das Haus nie betreten hat. Er war der Meinung, dass "es zu teuer und unnütz für die Zukunft" sei.

Immerhin spendete er 10 000 Lire für den Bau, damals ein stattlicher Betrag. Zur Einweihung nach zwölfjähriger Bauzeit wurden zwei seiner Opern gespielt. Das Theater fasst heute 300 Zuschauer und wird im Verdi-Jahr Schauplatz hochkarätiger Opern-Aufführungen sein - etwa am Todestag selbst, wenn dort die Oper "Aida" erklingt.

Verdi erging es nicht wie anderen großen Kollegen - er profitierte schon zu Lebzeiten von seinem Können und konnte seinen Erfolg finanziell umsetzen. Dennoch blieb er sehr heimatverbunden. 1848 kaufte er sich in Sant&Agata, der Heimat seines Vaters, ein Gut und ließ es großzügig ausbauen. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er zusammen mit seiner zweiten Frau, der Sängerin Giuseppina Strepponi, in der Villa, die ein herrlicher Park umgibt.

Heute bewohnen die Erben Carrara-Verdi das Anwesen. Einige Zimmer im Südflügel sind für Besucher zugänglich. Hier steht auch das Bett, in dem Verdi im Gran Hotel et de Milan starb, vier Jahre nach seiner geliebten Frau.

Verdi hat in Mailand seine letzte Ruhe gefunden, seine Grabstätte befindet sich in dem von ihm gegründeten Heim für alte, kranke und verarmte Künstler. Diese werden dort noch heute bis zu ihrem Lebensende versorgt. Das Seniorenheim liegt direkt neben dem "Ospedale di Villanova". Auch das Krankenhaus (Ospedale) geht auf Verdi zurück. Seine Großzügigkeit hing vielleicht auch damit zusammen, dass er selbst keine Nachfahren hatte: Die beiden Kinder aus Verdis erster Ehe mit Margherita starben nach wenigen Monaten. Auch die zweite Ehe Giuseppe Verdis blieb kinderlos.

Wer Station in Mailand macht, sollte nicht versäumen, dem Museum der Scala einen Besuch abzustatten. In Mailand begann 1839 Verdis Laufbahn als Opernkomponist. Dort wurde drei Jahre später "Nabucco" zum ersten durchschlagenden Erfolg. Mit Verdis Werken erreichte die italienische Oper des 19. Jahrhunderts ihre vollendete Ausprägung. Von seinen insgesamt 26 Opern, wie zum Beispiel "Rigoletto" und "Aida", sind heute noch mindestens ein Drittel im Standardrepertoire der großen Bühnen zu finden.

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