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Scotland Yard fahndet mit beispiellosem Aufwand nach möglichen Selbstmordattentätern – denn sie kommen aus dem eigenen Land

Matthias Thibaut[London]

Die Polizei in London spricht von einem „Wettlauf gegen die Zeit“. Sie rechnet mit neuen Anschlägen, wenn nicht schon bald weitere Terrorverdächtige gefunden werden. Was weiß Scotland Yard bis jetzt über die ganzen Ausmaße des Terrornetzwerks?

Scotland Yard sieht sich selbst vor der „schwersten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“, so hatte es Londons Polizeichef Ian Blair kürzlich ausgedrückt. In den vergangenen Tagen konzentrierten sich die Ermittlungen auf die Suche nach den Selbstmordattentätern, die für die gescheiterten Anschläge am 21. Juli verantwortlich sein sollen. Diese Terrorverdächtigen konnten recht schnell identifiziert werden, weil ihre Bewegungen von Videokameras aufgezeichnet worden waren.

Die britische Polizei beeilte sich, die Videobänder auszuwerten. Mit Erfolg: Am Freitag gingen Scotland Yard die drei noch gesuchten Terrorverdächtigen ins Netz. Wieder gab es eine Reihe von Razzien, Häuser wurden umzingelt, ein Hauptverdächtiger wurde in einer Wohnung in Notting Hill aufgespürt, ein Verdächtiger in Rom gefasst. Der erste vermeintliche Attentäter, Yasin Hassan Omar, war bereits im Laufe der Woche in Birmingham verhaftet worden. Ob die Polizei damit die ganze Terrorzelle ausgehoben hat, lässt sich noch nicht sagen. Vielleicht gab es einen fünften Bombenattentäter, schließlich wurde kürzlich eine nicht benutzte Rucksackbombe in einem Park im Westen Londons gefunden.

„Entweder wir finden sie. Oder es werden weitere Schreckenstaten verübt“, lautete vor einigen Tagen die eindringliche Warnung Ian Blairs. Nach den Erkenntnissen von Scotland Yard hatten sich die Flüchtigen in ihrer Bombenfabrik im Norden Londons mit neuem Sprengstoff versorgt. „Dies war nicht das B-Team. Es waren keine Amateure. Sie machten nur einen Fehler, und wir hatten riesiges Glück. Das Blutbad wäre mindestens so groß gewesen wie am 7. Juli“, sagte der Polizeichef. Ian Blair weiß auch, dass die Gefahr noch längst nicht gebannt ist, selbst wenn jetzt alle Mitglieder der Terrorgruppe vom 21. Juli gefasst sein sollten. Die Anschlagsserie sei Teil einer „Kampagne“, kein einmaliges Ereignis, sagte er.

Einen Hinweis, wie weit das Terrornetz in Großbritannien überhaupt gespannt sein könnte, gibt die Zahl der bisherigen Verhaftungen – mindestens 20 Personen werden zurzeit in der Terrorismusabteilung von Scotland Yard verhört. Nach den ersten Attentaten vom 7.Juli ging die britische Polizei zunächst von der Möglichkeit einer pakistanischen Terrorzelle aus. Später stellte sich aber heraus, dass der vierte Attentäter Germain Lindsey kanadischen Ursprungs war. Zwei der gescheiterten Selbstmordattentäter vom 21. Juli sind Kinder somalischer Einwanderer. Ein weiterer stammt aus Eritrea. In der Nacht zum Donnerstag waren neun weitere mögliche Helfer oder Mitwisser verhaftet worden – diese stammten aus Äthiopien, Algerien und Sudan.

Ins Blickfeld der Ermittler gerät jetzt die zweite Einwanderergeneration. Einige der vermutlichen Attentäter wurden in Großbritannien geboren oder verbrachten zumindest einen Großteil ihrer Kindheit dort. Es sind britische Muslime – werden sie gefragt, ob sie sich eher als Briten oder als Muslime sehen, antworten aber viele mit „Muslime“. Bereits vor Jahren, lange vor den Al-Qaida-Anschlägen oder dem Krieg im Irak, begann sich auch in Großbritannien eine „globale muslimische Identität“ herauszuschälen. Das macht sich jetzt bei einer Generation bemerkbar, für die das Gefühl von Ausgeschlossenheit, Hass und Ressentiments auf den Westen schwerer wiegt als die Loyalität, die sie mit ihrer neuen Heimat entwickelt haben.

In einem internen Bericht des britischen Innenministeriums werden inzwischen die Rekrutierungsversuche von Al-Qaida-Ideologen unter britischen Muslimen klar dokumentiert. Sie konzentrieren sich auf die vielen Colleges, wo junge Leute besonders neugierig und für die Argumente von Extremisten empfänglich sind. Bis zu ein Prozent der britischer Muslime würden terroristische Aktivitäten unterstützen, heißt es – das wären 16 000 im gesamten Land. Ian Blairs Vorgänger Lord Stevens schätzt, dass etwa 3000 Briten in den vergangenen Jahren durch Trainingslager der Al Qaida in Afghanistan gegangen sind. Vermutlich Dutzende von Briten halten sich im Irak auf, um dort den Aufruhr gegen die Regierung und die amerikanischen Besatzer zu unterstützen.

Nach den Anschlägen in London ist die Situation nicht einfacher geworden. Auch unbescholtene Muslime fühlen sich zusehends als Verfolgte im „Krieg gegen Terror“. In den vergangenen Wochen gab es eine Flut von Racheattacken auf Muslime. In dieser Situation, glauben Experten, müssen Muslime nicht lange von Al-Qaida-Ideologen in Afghanistan geschult werden: Die Bedrohung kommt mehr und mehr von autonomen lokalen Gruppen, die auf eigene Faust handeln.

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