Zeitung Heute : Vereinsamen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wir sind sehr allein, Freund N. und ich. Seit einem Monat sehen wir gemeinsam fern, drei Mal die Woche, jeweils zwei Stunden. Wir freuen uns auf jede Werbepause, denn dann können wir uns gegenseitig die Dramaturgie der Sendung erklären. Ganz allein, ohne Freund N., verstünde ich das Ganze nicht, und ich darf davon ausgehen, dass Freund N. ohne mich auch aufgeschmissen wäre.

Wir verfolgen seit vier Wochen eine Fernsehserie, und wenn Ihnen deren Titel, „24“, nichts sagt, dann ist das einerseits sehr schade für Sie, denn es handelt sich um eine Fernsehserie, die sowohl sehr gut ist als auch vorbei – am vergangenen Sonntag lief der letzte Teil. Andererseits sind Sie nicht allein. Denn erstaunlich viele Menschen kennen „24“ nicht.

Für Freund N. und mich ist das völlig unverständlich. Wir wissen, dass über „24“ schon einige hochlobende Artikel in der Tages- und Wochenpresse erschienen sind, und vor allem wissen wir, wie gut „24“ ist. Aber außer uns zweien kennen wir niemanden – wirklich niemanden! – der „24“ auch immer guckt. Ein Irrsinn! Wir sind wirklich keine Fernsehseriengucker, eigentlich sind wir eher die aserbaidschanischer-Autorenfilm-mit-französischen-Untertiteln-Gucker, ich persönlich habe seit „Ein Colt für alle Fälle“ keine Serie mehr verfolgt. Aber bei „24“ ist alles anders, denn „24“ ist so gut!

Toll zum Beispiel, wie souverän der Serien-Präsidentschaftskandidat, der eine harte Zeit durchmacht, irgendwann einfach sagt: „In zwanzig Minuten halte ich eine Rede an die Nation.“ Dann lässt er seine Redenschreiberin seine Rede schreiben und hält sie prompt. Er sagt sinngemäß: „Das Gute ist das Gute, das Richtige das Richtige“, und alle jubeln wie verrückt, und die Fernsehzuschauer, also Freund N. und ich, sagen nicht: Was für’n Scheiß. Wir sehen ein, dass das – dramaturgisch gesehen – jetzt einfach mal gesagt werden musste, und dass es überhaupt ganz schön toll ist, wenn einer einfach mal sagen kann: „In zwanzig Minuten halte ich eine Rede an die Nation.“

Außerdem halten Freund N. und ich die Spannung kaum aus, denn es gibt da einen Agenten in der Agency, und wir wissen echt nicht, wer das ist. Bis heute wissen wir’s nicht (also eigentlich bis gestern, denn jetzt, da Sie das hier lesen, ist ja schon morgen). Heute (gestern) Abend sehen (sahen) wir erst die letzte Folge, da wir am Sonntag beide nicht konnten. Ich habe sie aufgenommen, und nun bin ich so gespannt, dass ich über gar nichts anderes schreiben kann. Wer, verdammt nochmal, ist der Agent? Was tun die bösen Jugoslawen? Liebt Nina noch Jack? Wie geht Terry damit um? Wer wird das alles überhaupt und warum überleben?

Wie gesagt: Wir sind sehr allein, Freund N. und ich. Dass man da sonderlich wird, ist ja klar. Aber morgen (heute) ist alles vorbei. Dann interessieren wir uns auch wieder für andere Themen, und ich kann wieder über was anderes schreiben.

„24“ ist erstmal vorbei. Da RTL II seine Fernsehquote jedoch außerhalb des Bekanntenkreises von N. und mir erhebt, wird der Sender die nächste „24“-Staffel im Frühjahr 2004 ausstrahlen.

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