Zeitung Heute : Vereinte Staaten

Die UN stehen vor ihrer größten Aufgabe – die Bush-Regierung ist wohl willens, sie zu unterstützen

Malte Lehming[Washington]

Dutzende Staats- und Regierungschefs sowie Hilfsorganisationen treffen sich in Indonesiens Hauptstadt Jakarta. Was muss passieren, damit die internationale Hilfe für die Katastrophenregionen möglichst effektiv organisiert wird?

Am ersten Sonntag im vergangenen Dezember fand in einem Appartement in Manhattan ein ungewöhnliches Treffen statt. Eigentlich sollte es geheim bleiben. Doch vor wenigen Tagen standen Details darüber in der „New York Times“. Das Appartement gehört Richard Holbrooke, der unter Bill Clinton UN-Botschafter war. Der hatte UN-Generalsekretär Kofi Annan und eine Reihe von Außenpolitik-Experten eingeladen. Einziger Tagesordnungspunkt: Wie lassen sich Annan retten und die Vereinten Nationen wiederbeleben?

Rund dreieinhalb Stunden dauerte die Zusammenkunft. Annan schwieg die ganze Zeit und hörte nur zu. Am Ende waren zwei Dinge klar. Erstens: Für die Vereinten Nationen bleiben die USA das wichtigste ihrer 191 Mitgliedsländer. Ohne die USA sind sie tatsächlich nicht mehr als ein „bürokratischer Dinosaurier“, wie ihre Kritiker sie nennen. Zweitens: Annan muss seine Beziehungen zur wiedergewählten Regierung im Weißen Haus verbessern. Amerikas Konservative verdächtigen ihn und seine Organisation, im Präsidentschaftswahlkampf gegen George W. Bush agitiert zu haben.

Hinzu kommen der anhaltende Dissens über den Irakkrieg und die Affäre um das UN-Programm „Öl für Lebensmittel“. Einige Kongressabgeordnete fordern bereits offen den Rücktritt des UN-Generalsekretärs. Die Botschaft kam an. In der Woche nach dem Treffen bei Holbrooke bat Annan um einen Termin bei Condoleezza Rice, der designierten Nachfolgerin von US-Außenminister Colin Powell. Das Gespräch soll ermutigend verlaufen sein.

All das geschah vor der großen Flut, der Katastrophe im Indischen Ozean. Heute hat Annan in der indonesischen Stadt Jakarta zum Hilfsgipfel für die Flutopfer geladen. Die Weltgemeinschaft hat bislang mehr als 2,2 Milliarden Dollar zugesagt. Die Hilfe muss koordiniert, das Geld sinnvoll verteilt werden. Niemand anders als die UN kann diese Arbeit leisten. Die Herausforderung ist gigantisch, Fehlschläge wahrscheinlich. Überdies will Annan einen Schuldenerlass für die betroffenen Länder oder zumindest das Einfrieren von Schuldenzahlungen erwirken. Beschlossen werden soll auch der Aufbau eines regionalen Tsunami-Warnsystems.

Die Tagesordnung ist lang – und Annan ambitioniert. Erfahren er und die UN eine Wiedergeburt? Eins steht fest: Sie müssen es schaffen. Wenn sie diese Chance verpassen, ist ihr Ruf auf absehbare Zeit ruiniert. Annan persönlich steht vor der größten Bewährungsprobe seiner Karriere. Er weiß, dass er auf Hilfe angewiesen ist. Die UN haben keine Armee. Die Mitgliedsländer sind es, die die erforderlichen Transportflugzeuge, Lastwagen, Schiffe und Jeeps zur Verfügung stellen müssen. Die finanzielle Hilfe wiederum darf nicht in die Hände korrupter Regime oder Paramilitärs fallen. Außerdem muss das Geld wirklich gezahlt und nicht bloß versprochen werden.

Einen langen Atem haben, insistieren, koordinieren, warnen, mahnen, handeln: Selten wurden Annan mehr Tugenden abverlangt als jetzt. Und die Bush-Regierung scheint willens zu sein, ihn zu unterstützen. Die Not im fernen Indischen Ozean hat sie und die UN sich wieder annähern lassen. Zunächst hatte Bush noch von einer „Kerngruppe“ gesprochen, die unter amerikanischer Führung die Krise meistern solle. Doch inzwischen akzeptiert auch das Weiße Haus die Führunsgrolle der Vereinten Nationen. Selbst Jan Egeland, der UN-Chefkoordinator der Katastrophenhilfe, der sich in Amerika höchst unbeliebt gemacht hatte mit seiner Kritik an der angeblich zu geizigen Regierung, überschlägt sich plötzlich mit Lob über die „fast modellhafte“ Zusammenarbeit mit den USA.

Der Bush-Regierung ist’s recht. Sie plant ohnehin eine Neuordnung ihrer Außenpolitik. Mit seinem Europabesuch im nächsten Monat will der Präsident die transatlantischern Beziehungen erneuern. Die Hilfe in Indonesien dient ebenfalls der Verbesserung ihres Images. Indonesien ist das bevölkerungsreichste muslimische Land. Hier sitzt der Ärger über den Irakkrieg tief. Großzügig, mitfühlend, an der Seite der UN, nicht in Konkurrenz zu der Weltorganisation: Dieses Bild von Amerika versucht die US-Regierung zu verbreiten. Den Notleidenden kann das nur nützen.

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