Zeitung Heute : Vererbte Motive

Der genetische Fingerabdruck macht den Menschen unverwechselbar – aber nicht durchschaubar

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Kein anderes Verfahren hat die Suche nach Verbrechern so revolutioniert wie der genetische Fingerabdruck. Eine einzige Körperzelle kann genügen, um einen Täter zweifelsfrei zu identifizieren. Etliche Kapitalverbrechen wurden Jahre später mit dem genetischen Fingerabdruck aufgeklärt. Und mancher Verurteilte in einer Todeszelle verdankt dem Test sein Leben, weil sich im Nachhinein seine Unschuld herausstellte.

Obwohl der genetische Fingerabdruck mit winzigen Spuren auskommt und die Untersuchung nur ein paar Stunden dauert, ist das Verfahren genauer als jedes andere in der Kriminaltechnik. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Mensch die gleiche Konstellation in seiner Erbinformation (DNA) besitzt, liegt bei einem Billionstel.

Die Grundlage des DNAProfils sind kurze, immer wiederkehrende biochemische Buchstabenkombinationen im Erbgut („Motive“). Der eine hat zehn Kopien eines Fünf-Buchstaben-Motivs auf seinem Erbfaden aneinander gereiht, ein anderer vielleicht hundert. Schneidet man nun diesen Motivfaden heraus und misst seine Länge, so hat man ein individuelles Merkmal, das an die Erbsubstanz gekoppelt ist. Je mehr verschiedene Abschnitte der Erbsubstanz auf wiederkehrende Motive abgeglichen werden, umso unverwechselbarer wird das DNA-Profil. Nur eineiige Zwillinge besitzen das exakt gleiche Muster im Erbgut.

Für das Verfahren werden diejenigen Teile der Erbinformation benutzt, die nicht für Merkmale kodieren. Der genetische Fingerabdruck sagt also gar nichts über die Gene aus. Er ermöglicht keine Rückschlüsse auf das Aussehen oder den Charakter des Täters. Ausnahme: das Geschlecht.

Für ein DNA-Profil werden meist Zellen aus der Mundschleimhaut mit einem Wattetupfer abgestreift. An die DNA-Datenbank des Bundeskriminalamts wird dann ein Zahlencode mit Informationen über Ort und Länge der charakteristischen Erbgut-Abschnitte weitergeleitet. Die DNA-Probe selbst wird vernichtet.

In Großbritannien arbeiten Forscher an Methoden, mit deren Hilfe aus Erbmaterial vom Tatort eine Art Phantomporträt des Täters gezeichnet werden kann. Noch sind diese Versuche allerdings ganz am Anfang, weil zum Beispiel über den Zusammenhang zwischen Genen und Gesichtszügen wenig bekannt ist. Man verfolgt also das Ziel, etwas über Aussehen und Persönlichkeit herauszubekommen – genau die Dinge, über die der herkömmliche genetische Fingerabdruck nichts verrät. wez

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