Zeitung Heute : Verfolgte und Verfolgungsjagden

CHRISTINA TILMANN

Literatur und Musik zum Thema "Exil" in der Neuen NationalgalerieCHRISTINA TILMANNSonntags nachmittags in der Neuen Nationalgalerie treten die Künste zum Wettstreit an: Wer macht die Exilsituation am lebendigsten? Das Begleitprogramm zur Ausstellung "Exil - Flucht und Emigration europäischer Künstler 1933-1945" bietet Literatur und Musik von Exilanten.Die Literatur hat es leicht, eloquent und reflektiert, wie sie in Memoiren von jeher ist: Texte von Klaus Mann, Lion Feuchtwanger und Victor Klemperer - von Michael Degen abwechslungsreich vorgetragen - vermitteln, wie früh oder spät den Schriftstellern dämmerte, was auf sie zukam.Klaus Mann konnte im "Wendepunkt" 1932 bei einer Begegnung mit Hitler in einem Münchener Kaffeehaus nicht glauben, daß dieser Erdbeertörtchen verschlingende Kleinbürger gefährlich sein sollte.Lion Feuchtwanger bietet das Gegenbild: Schon nach dem Reichstagsbrand 1933 weiß der aufgeklärte Jude Oppermann, daß er dieses Land schnellstmöglich verlassen muß.Warum Juden in Deutschland geblieben sind, selbst nach 1938, wird aus Victor Klemperers Tagebüchern deutlich: Die Sicherheit einer gewohnten, wie auch immer einschränkten Existenz gegen das Schreckbild des Exilortes Shanghai. Klarer Gewinner im Wettstreit ist die Musik.Unter Leitung von Frank Sumner-Dodge stellt das Schill-Quartett Exilkomponisten vor und beginnt gleich mit dem "gründlichst Vergessenen": Ernst Toch (1887-1964), in der Weimarer Zeit einer der meistgespielten modernen Komponisten.Seine Serenade für zwei Violinen und Viola op.25, 1916 im Schützengraben geschrieben, verrät wenig vom Schrecken des Krieges: Inspiriert durch einen Stich von Spitzweg, orientiert an den Vorbildern Mozart und Brahms, bietet Toch gefällig-harmonische Töne mit einem Schuß Wiener Caféhaus und Stummfilmmelodik. Lawrence Weschler-Toch, Enkel des Komponisten, entwirft im Anschluß das Bild eines sensiblen Künstlers, der auf das Exil zunächst mit Schreibhemmung reagierte: Nur acht Werke hat Toch in den Jahren 1933 bis1945 im Ausland komponiert.Der gebürtige Wiener Jude hauste in Los Angeles am Strand in zwei Containern.Um die in Europa zurückgebliebenen Verwandten zu unterstützen - die Hälfte von ihnen überlebte den Holocaust nicht -, verdiente er sein Geld mit Filmmusikkompositionen für Paramount in Hollywood: Spezialität Horrorszenarien und Verfolgungsjagden.Deutlich wird noch in den Worten des Enkels ein den Exilanten eigenes Gefühl: Die Verbitterung des Vertriebenen, in der Heimat so schnell vergessen zu sein. Weitere Veranstaltungen am 16.November und 14.Dezember.Lesungen jeweils 15 Uhr, Konzerte 17 Uhr.

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