Zeitung Heute : Verglüht im schwarzen Strom

Christoph Link

Der Tod kroch wie eine dicke, rote Raupe in die Stadt hinein. "Bleibt in Euren Häusern! Die Lage ist ungefährlich!" Bis zuletzt hatte das auf einem Hügel gelegene Lokalradio der Rebellenverwaltung von Goma am Donnerstag noch Falschmeldungen verbreitet, offenbar um Panik und Plünderungen zu vermeiden.

Sonntagmittag: Der Student John Musibang steht am Rande einer schwarzen Lavalandschaft und deutet mit dem Arm in Richtung Kathedrale. Nur die Mauern und das Kreuz der Kirche blieben stehen, eine imposante Ruine. "Dort liegt ein Bekannter von mir, der Pastor Nbasu Kusonda. Er hat sich in der Lava selbst begraben." Der 39-jährige Pfarrer war gelähmt, seitdem er von einem Lastwagen angefahren worden war, in seinem Haus wurde er von der Lava eingeschlossen. Nein, man habe ihn nicht wegtragen können, alle seien um ihr Leben gerannt, sagt John. Bis zur letzten Minute, bis kurz vor 18 Uhr am Donnerstag, hatten die 350 000 Bürger von Goma in ihren Häusern ausgeharrt. Erst als die Hitze der Lava spürbar war, flohen sie. Zur Zahl der Toten heißt es bisher nur: "mindestens 45".

In den Randbezirken von Goma haben die drei Hauptströme der Lava die leichten Hütten einfach mitgerissen und in einen Brei gerührt: Mauerstücke, Fensterkreuze und Wellbleche ragen noch aus dem ein bis drei Meter hohen Lavafeld heraus. In der Stadtmitte, wo die großen Geschäftshäuser stehen, hat die Natur ein groteskes Bild gezeichnet. Die Lava strömte die Hauptstraße hinunter. Die Häuser sind zu Ruinen abgebrannt, die weißen Mauern aber stehen noch. Man erkennt das rauchgeschwärzte Signet am Bürogebäude der Fluggesellschaft "Air Congolais". Wie ein Wunder hat der Strom mitten auf der Hauptstraße zwischen dem Edinoki-Handelskontor und dem Kleidergeschäft Mamy-Mode gestoppt. Bergauf ist alles verwüstet, talwärts sind die Häuser noch intakt, aber zum Teil geplündert.

Die Endstation der Lava ist inzwischen zu einem Ausflugsort geworden: Hunderte Einwohner, TV-Teams aus aller Welt und sogar einige Touristen bestaunen das Naturereignis. "Wir haben kein Wasser und nichts zu essen", sagt eine Mutter, das Kind auf den Rücken gebunden. Sie erzählt, dass ihr Haus zerstört sei und sie auf keinen Fall ins Flüchtlingscamp nach Ruanda will, und während sie fortfährt, man werde dort nur misshandelt, bebt die Erde wieder einmal. Alle zwei, drei Stunden erschüttert ein Beben die Stadt, das stärkste in der Nacht zum Sonntag schüttelte Häuser und versetzte die Vögel in Panik - lärmend flogen sie davon.

Journalisten dürfen die Katastrophe aus dem Hubschrauber besichtigen: Von oben sieht man, wie sich die Lavaströme - dicken schwarzen Adern gleich - über die grüne Landzunge von Goma hinwegziehen. Fabriken sind Trümmerhaufen, eine Villa brennt. Der heiße Magmabrei strömt unterirdisch unter einer schon erkalteten Schicht Richtung Wasser und ergießt sich am Ende glutrot und zischend in den Kivu-See.

Mit an Bord des Hubschraubers ist der "Präsident" des Ostkongos, der Arzt und Rebellenführer Adolphe Onusumba, dessen "Hauptstadt" Goma da unten in Schutt und Asche liegt. Onusumba blickt aus dem Fenster. Vielleicht 35 Prozent der gesamten Stadtfläche sind zerstört und etwa 80 Prozent des Stadtkerns, schätzt Onusumba. Der Helikopter landet im "Stadion der Einheit", das in einem von der Lava eingeschlossenen Stadtviertel gelegen ist. Eine gespenstische Szene: Die Pforten des Stadions öffnen sich langsam, und ein Panzer fährt ein, gefolgt von Hunderten von jungen Männern, die ihrem Präsidenten klatschend und mit Bücklingen huldigen wie einem Retter. Onusumba steht in der jubelnden Masse, doch hinter seinem Rücken wenden sich die Kongolesen den Journalisten zu, reiben sich die Bäuche und rufen "Hunger, Hunger! Helft uns."

In Militäruniform gekleidet, lädt Onusumba zur Pressekonferenz in eines der malerisch am Seeufer gelegenen Luxushotels. Er macht der Weltgemeinschaft Vorwürfe, ihre Hilfe komme zu spät. In der Tat waren die humanitären Organisationen am Freitag wieder abgereist, nachdem es geheißen hatte, ein weiterer Vulkanausbruch bedrohe auch die Grenzstadt Gisenyi in Ruanda, die direkt an Goma anschließt und eine Art Basislager für Flüchtlinge, Helfer und Journalisten bildet. Gestern aber kehrten die Helfer zurück und begannen, in Ruanda, 20 Kilometer von Goma entfernt, Nahrungsmittel an Flüchtlinge zu verteilen. Selbstkritik übt der Rebellenführer bei seiner Pressekonferenz nicht, und die Frage, warum die Bevölkerung zu spät gewarnt wurde, bleibt unbeantwortet.

Der kongolesische Vulkanologe Dieudonné Waffula sagt, er habe schon im Oktober über Anomalien des Nyiragongo berichtet, "doch keiner nahm das zur Kenntnis." Waffula ist 46 Jahre alt, er leitet das Vulkanzentrum von Goma, das 1947 von der Kolonialmacht Belgien gegründet wurde. Durch Goma und Gisenyi läuft er in diesen Tagen mit Parka und Rucksack, ein bisschen, als ob er gleich den Vulkan besteigen wolle. Seit zehn Jahren, erzählt Waffula, werde er nicht bezahlt, er habe kein Auto und kein Geld. Gleich beginne eine Sitzung, und er wisse nicht, wie er da hinkomme. Der Forscher, der auf Kollegen aus Japan und USA wartet, die ihn unterstützen sollen, hat eine allgemeine Entwarnung gegeben. Der Vulkan sei nun ruhiger, die Menschen könnten nach Goma zurück, sofern sie nicht dicht am Lavastrom wohnen.

In Scharen kehren die Bürger jetzt in ihre Stadt zurück, unter den Sohlen können sie noch die Hitze der Glut spüren. Im Gänsemarsch - Koffer, Fernseher und Bündel auf dem Kopf balancierend - klettern Tausende über das Geröll. Ein Kind verliert eine seiner Badelatschen und schreit auf wegen der Hitze an seiner Fußsohle, bis ihm jemand hilft. Der Vulkan indes lässt sich nicht blicken, seit Tagen ist der Gipfel des Nyiragongo von Wolken und Dunst verhüllt.

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