Zeitung Heute : Vergnügliches aus dem Reich der Toten

BERTRAM KÜSTER

Wenn LucasArts ein Grafikadventure herausbringt, bedeutet das in den meisten Fällen Spielspaß vom Feinsten.Spiele wie die der "Monkey Island"-Serie oder "Day of the Tentacle" gehören längst zu den Klassikern des Genres."Grim Fandango" heißt der neueste Titel, der nun für Windows 95/98 veröffentlicht wurde.

Als Hintergrund für die äußerst skurrile Geschichte wurde eine ungewöhnliche Mixtur aus der mexikanischen Mythologie (rund um den Tag der Toten) und dem film noir gewählt.Die über 50 Figuren des Spiels sind den Skelettpuppen nachempfunden, die alljährlich für den mexikanischen Festtag angefertigt werden und Calaveras genannt werden.

So heißt auch der Held in "Grim Fandango" Manny Calavera.Er ist Angestellter in der Dienststelle organisierter Diplomsenser (DOD).Der Job des Sensenmannes ist es, den Verstorbenen teure Reisepakete zu verkaufen, die sie durch das Reich der Toten zur letzten Ruhestätte bringen.Als eine seiner Kundinnen, eine geheimnisvolle Frau, verschwindet, begibt sich Manny auf die Suche und findet sich bald inmitten von Verbrechen, Intrigen und Korruption wieder.Ihm zur Seite steht nur Glottis, ein riesiger, rührend-komischer Dämon der Unterwelt.

Der für LucasArts typische Humor ist auch in diesem Spiel wieder glänzend in Szene gesetzt worden.Vor allem die unzähligen Filmzitate sorgen für so manches erheiterndes Déja-vu-Erlebnis.So zum Beispiel, wenn Manny in schwindelerregender Höhe auf dem Sims eines Hochhauses balanciert, als Casinobesitzer den Bogart in Casablanca mimt oder sich einer kommunistischen Untergrundbewegung, angeführt von Salvador Limones, anschließt.Zudem wird viel geraucht und getrunken, wie es im Hollywoodkino der 30er und 40er Jahre üblich war.Eigentlich fehlt nur noch der Schwarz-Weiß-Modus, um die Illusion perfekt zu machen.

Neu an "Grim Fandango" - gegenüber den klassischen Adventures - ist die dreidimensionale Darstellung.Sämtliche Charaktere besitzen einen aus Polygonen erzeugten räumlichen Körper und bewegen sich in einer dreidimensionalen Umgebung.Ebenso wurde die Maussteuerung zugunsten von Tastatur oder Joystick aufgegeben, was aber keine wesentliche Umstellung gegenüber früheren Titeln erfordert.Mit den Cursortasten steuert man den Helden Manny durch die Totenwelt.Erblickt er einen interessanten oder nützlichen Gegenstand, so wendet er den Kopf in die entsprechende Richtung.Per Tastendruck gibt er seinen Kommentar dazu ab, während eine weitere Taste dafür sorgt, daß Manny den Gegenstand an sich nimmt oder benutzt.Dialoge werden wie üblich im Multiple-Choice-Verfahren geführt.

Apropos: selten gut ist auch die Sprachausgabe, beziehungsweise die Synchronisation, die Vertriebspartner Funsoft für die deutsche Version produziert hat.Während in vielen Computerspielen Laiensprecher die Atmosphäre auf den Nullpunkt sinken lassen, spürt man hier, daß Profis am Werk waren.Beispielsweise spricht Tommy Piper ("Alf", "Wer ist hier der Boß?") die Rolle des Manny Calavera.Der wunde Punkt des Adventure-Genres ist der Schwierigkeitsgrad.Enttäuschung droht sowohl, wenn das Spiel zu leicht und daher an einem Wochenende durchgespielt ist, als auch, wenn der Spieler ständig in Sackgassen gerät.Die Rätsel und Puzzles in "Grim Fandango" sind in dieser Hinsicht gut ausbalanciert und durchweg logisch aufgebaut.Im Vergleich zu einigen der jüngsten LucasArts-Titel, wie "Monkey Island 3" oder "Vollgas" verfügt das Spiel mit seinen 90 Schauplätzen über eine umfangreiche Spielumgebung und auch die über 50 Charaktere sorgen für lang anhaltende, anspruchsvolle Unterhaltung.

"Grim Fandango", LucasArts, 80 DM, Systemvoraussetzungen: Pentium 133, 32 MB RAM, 50 MB freien Festplattenspeicher und Windows 95/98; unterstützt 3D-Beschleunigerkarten.

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