Zeitung Heute : Verkaufen will gelernt sein

Vor allem Versicherungen und Banken nutzen E-Learning als kostengünstigen Weg zur Vertriebsschulung ihrer Mitarbeiter

Alexander Ross

Als am gestrigen Dienstag in Karlsruhe zum elften Mal die europäische Messe für Lerntechnologien Learntec öffnete, war die Entwicklung von E-Learning in der betrieblichen Weiterbildung ein beherrschendes Thema. Denn stärkster Treiber und Wirtschaftsfaktor ist hier der Einsatz in Unternehmen und Organisationen. Doch E-Learning findet auch in den Hochschulen, der betrieblichen Ausbildung und den Berufsschulen zahlreiche Anwendungsgebiete.

Doch was ist E-Learning? Zuerst einmal ein unscharfer Begriff und bislang vor allem der Sammelbegriff für computergestütztes Lernen und Wissensvermittlung – also Lernen per Internet, Satellit, interaktivem Fernsehen, virtuellem Klassenzimmer, CD-ROM, Video- und Audiobändern. Das „E-“ beim Lernen lässt sich jedoch nicht einfach mit „elektronisch“ übersetzen, daher wird unter Fachleuten mit E-Learning die netzbasierte Aus- und Weiterbildung bezeichnet, die zugänglich über Internet, Intranet oder Extranet ist und mit einem üblichen Web-Browser wiedergegeben werden kann.

Inhaltlich bedeutet E-Learning in vielen Unternehmen bislang die Schulung von Office-Anwendungen – doch Sprachen, betriebswirtschaftliches Know-How und Vertriebsschulung folgen dicht und haben aufgeholt. Auch die Zielgruppen sind klar erkennbar: Sachbearbeiter, die heute deutlich mehr Verantwortung tragen als früher durch die Ausdünnung ganzer Managementebenen. Aber das Top-Management selbst ist noch zurückhaltend gegenüber der elektronischen Bildung, wie man sich ja auch lange die E-Mails zum Lesen von der Sekretärin ausdrucken ließ.

Von den Stärken und Schwächen des E-Learning gibt es nach der Technikeuphorie heute ein recht differenziertes Bild. Die Stärken bestehen im universellen Zugang und der Verfügbarkeit, Flexibilität und Skalierbarkeit. Ebenso sind Interaktivität und Aktualität der Inhalte mit hoher Anpassbarkeit an Bedürfnisse des Nutzers gegeben wie auch einige – schwer messbare – Kosteneinsparpotentiale. Doch auch die Schwächen des E-Learning sind bekannt: Der Mangel an direktem menschlichen Kontakt, hohe Anforderungen an die technische Infrastruktur, das Problem der Eigenverantwortung für die Lernmotivation und Selbstdisziplin. Auch nicht jedes Thema eignet sich dafür, und die Zielgruppen sind begrenzt. Zudem führten schlecht gestaltete Lernangebote zu mangelnder Akzeptanz und verursachten neben Enttäuschungen vor allem Kosten.

Und Geld spielt eine Rolle: Die Unternehmen in Deutschland gaben nach Erhebungen des Instituts der deutschen Wirtschaft bereits 1998 umgerechnet 1126 Euro pro Mitarbeiter und Jahr für Weiterbildung aus, wobei fast die Hälfte für interne Lehrveranstaltungen aufgewendet wurden. Rar hingegen waren bisher detaillierte und aktuelle Zahlen im großen Maßstab zur Verbreitung des betrieblichen E-Learnings in Deutschland und Europa. Die „Markstudie E-Learning“, die der Verfasser dieses Beitrages zusammen mit Philipp Köllinger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt hat, stützt sich deshalb auf die Daten einer EU-weiten repräsentativen Befragung. Sie wurde im Sommer 2002 in einem Forschungsprojekt im Auftrag der Europäischen Kommission vorgenommen und erfasst über 10 000 Unternehmen – 1500 davon mit Sitz in Deutschland – aus 15 verschiedenen Branchen, wobei in Deutschland die untersuchten Branchen 46 Prozent aller Beschäftigten repräsentieren.

Dabei zeigt die Analyse ein klares Bild: Die Internet-Affinität und Weiterbildungs-Intensität treiben die E-Learning-Nutzung an. Firmen, die generell kein großes Interesse und Vertrauen in Internet-Technologien haben und deren Weiterbildungs-Intensität niedrig ist, werden auch auf lange Sicht kein Interesse für E-Learning entwickeln. Und es gilt: Je intensiver eine Firma ihre Mitarbeiter in EDV-Themen weiterbildet,desto aufgeschlossener ist sie gegenüber E-Learning. Internet-affine Firmen erhöhen auch ihre IT-Budgets stärker als solche, die in der Entwicklung bereits Rückstände haben. Fast zwei Drittel planen keine Veränderungen zum Vorjahr, und ein Drittel plant sogar eine Erhöhung der E-Business-Ausgaben. Dabei werden die jetzigen E-Learning-Nutzer ihre E-Business-Ausgaben signifikant stärker erhöhen als die Nicht-Nutzer.

Eine Aufholtendenz der Nachzügler wird es nicht geben. Die Kluft in den Nutzungsraten zwischen E-Learning-Pionieren und Nachzüglern wird sich eher noch vergrößern – und öffnet hier die Kluft für die „digitale Spaltung“ in der Weiterbildung in den Unternehmen. Für die Position im Wettbewerb wie auch für die Mitarbeiter wird dies keinen Vorteil bedeuten. Weit vorn sind hier die Versicherungen, Banken und der IT- und Telekommunikationssektor, während das beschäftigungsintensive Gesundheits- und Sozialwesen zu den Schlusslichtern zählt.

Mehr zum Thema unter:

www.symposion.de/elearning

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