Zeitung Heute : Verkorkste Seelen

FRANK DIETSCHREIT

Sebastian Hartmanns "Der Himmel blutet" im "Theater unterm Dach"FRANK DIETSCHREITGut geklaut ist besser als schlecht erfunden.Dachte sich wahrscheinlich Sebastian Hartmann.Der junge Autor, Regisseur und Bühnenausstatter muß sich in letzter Zeit viel an der Volksbühne herumgetrieben haben.Und weil ihm sein Stück "Der Himmel blutet", das er jetzt im Theater unterm Dach selbst zur Uraufführung bringt, zu einem kleinen textlichen Nichts geraten war, hat er sich bei der Inszenierung seiner assoziativen Unerheblichkeit bei Castorf und Co.reichlich bedient. Mit dem ebenso biegsamen wie kulleräugigen Guido Lambrecht hat er einen Henry-Hübchen-Wiedergänger, der sich mit seinem Vorbild aberwitzige Slapstick-Wettkämpfe liefert.Thomas Lawinky hat nicht nur die Statur, er stiefelt auch ebenso stiernackig und tollwütig wie der expressive Fleischkloß Torsten Ranft über die von jedem störenden Gegenstand freigeräumte Spielfläche.Jenny Deimling und Mandy Fabian haben genau hingeschaut, wie Katrin Angerer und Astrid Meyerfeldt ihre Figuren verzappeln und verulken.Von Bert Neumann hat der klauende Klamauk-Arrangeur Hartmann gelernt, daß der Wahnwitz sich am besten in nackten Sperrholzplatten austoben kann.Die Akteure ächzen und greinen, stolpern und schreien sich denn auch ihre verkorksten Seelen in einer Art Bretterbuden-Gefängnis aus dem Leibe. Worum geht es? Um alles.Also um nichts.Aber das mit ungeheurem Einsatz an schauspielerischen Mitteln.Vom dekonstruierten, zerschlagenen Text bleibt nicht mehr viel übrig, wenn die Tortenschlacht beendet, das große Abkotzen stattgefunden hat und die beiden Männer anfangen, das fiese Mörderrattenspiel zu spielen.Wenn die Frauen ihre kessen Miniröcke gegen grüne Kampfoveralls eintauschen, Schlagerseligkeiten persiflieren und vom imaginären Ballon aus den freien Fall üben. Es wird geschlafen und gesungen und vor allem viel geschwitzt.Denn die vier Figuren leiden unter Überdruck.Merkwürdigerweise geht das Powerspiel zwei Stunden lang ziemlich gut. Sogar die gnadenlosen Gewaltexzesse sind erträglich, weil sie auf einer satirischen Folie abrollen und die drangsalierten Frauen die brutalen Männer-Rituale einfach in Grund und Boden kichern.Warum aber der Himmel blutet? Keine Ahnung.Ob Sebastian Hartmann das weiß, dürfte mehr als fraglich sein. Theater unterm Dach, Danziger Str.101, 31.Oktober, 1., 2., 15., 16.November, 1., 8.Dezember, jeweils 20 Uhr.

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