Zeitung Heute : Verläßlich, solide, hart

KLAUS ROCCA

NIZZA .Nach einer Viertelstunde war alles vorbei.Pavel Kuka vom 1.FC Kaiserslautern war Jürgen Kohler mit dem Hinterteil aufs Knie geplumpst - Innenbandriß.Die Europameisterschaft in England war für Kohler beendet, ehe sie so recht begonnen hatte.Dabei hatte er die deutsche Mannschaft zuvor noch stolz in Vertretung des gesperrten Jürgen Klinsmann gegen die Tschechen aufs Feld geführt.Nach eben der Viertelstunde erlebte Jürgen Kohler einen der schwärzesten Tage seiner Karriere.

Natürlich erinnert man sich vor einem WM-Eröffnungsspiel an jenen Tag.Oder wird erinnert.Er habe, so Kohler, das alles längst verdrängt.So ganz wohl doch nicht.Gott möge ihn beschützen, daß ihm so etwas nicht noch einmal widerfahre, meint er.Und wenn dann doch? "Dann wäre das vielleicht ein gutes Omen für die Mannschaft." Schließlich ist sie auch ohne ihn Europameister geworden.Würde er mit seinem Ausscheiden einen ähnlichen Höhenflug bewirken, würde er das in Kauf nehmen.Wir, die Mannschaft, sind alles, tönt es dieser Tage in Nizza immer wieder aus allen Spielermündern.So will es der Bundestrainer hören.Und wer spielen will, muß offenbar folgsam sein.

"Kokser", wie sie ihn nennen, weiß, daß er heute in Paris spielen wird.Auf ihn ist Verlaß.Und solche Typen braucht Berti Vogts.Verläßlich, solide, hart - so wie der Bundestrainer einst selber einer war.Nicht zu hart, so wie neulich im Testspiel gegen die Brasilianer.Da, nach dem bösen Foul seines Lieblingsschülers und dem Feldverweis, kündigte selbst Vogts ihm die Freundschaft.Freilich nur für Minuten, um dem Mario Zagalo und den Journalisten zu zeigen, daß er gar fürchterlich erbost war.Zuletzt, beim 100.Länderspiel Kohlers, sang Vogts schon wieder ein Loblied auf den Herrn Manndecker.

Der, als harter Grätscher auch von hinten, weiß, daß er sich nun, nach der verschärften Regel, in acht nehmen muß.Erbost war er am Anfang, schalt gar die Herren von der FIFA Ignoranten.Sein Zorn hat sich schnell gelegt.Es werde, so Kohler, längst nicht so heiß gegessen wie gekocht."Die Schiedsrichter wissen genau, wann sie ein Foul bei der Grätsche ahnden müssen.Das hat uns Herr Heynemann in Helsinki erklärt, und bei der WM sieht man sich bisher bestätigt." Er, Kohler (Foto: Reuters), werde die Gesundheit seiner Gegenspieler respektieren.Als ob das nicht selbstverständlich wäre.

Jürgen Kohler, von schlichtem Gemüt, sagt gern auch mal Selbstverständliches.Zur besseren Einprägung für die Herren Journalisten.Bei denen kommt er gut an.Im Vorjahr wählten sie ihn zum "Fußballer des Jahres".Da mag mancher gelächelt haben.Doch auch Journalisten sind für das Einfache und Solide empfänglich.So wie der Bundestrainer.Der Jürgen, so Vogts, kann eine ganz große WM erleben.So ihm ein Mißgeschick wie vor zwei Jahren in England erspart bleibt.Aber Kohler ist als harter Hund verschrieen.Hart gegen sich und andere.Viele Gegenspieler könnten ein Lied davon singen.Wird heute Eric Wynalda sein nächstes Opfer?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben