Zeitung Heute : Verlierer auf Bewährung

„Der Ball ist rund, und das Rückspiel ist in fünf Jahren“, sagte Sigmar Gabriel gestern. Vorsichtige Sätze, um eine Katastrophe zu beschreiben. Die SPD hat in Wiesbaden und in Hannover haushoch verloren. Aber zumindest Gabriel will in der Opposition weitermachen.

Markus Feldenkirchen[Hannover]

Da steht er mit rosigen Wangen und kleinen Augen auf dem Podium, blickt über die Kameras auf die Genossen unter ihm. Er weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. Es ist kurz nach 18 Uhr. Die Katastrophe ist eingetreten. Sigmar Gabriel hat fürchterlich verloren. Er entscheidet sich für ein Lächeln. Denn die SPD-Abgeordneten im Landtag, die Gabriel an diesem dunklen Wahlabend als Erstes besucht, klatschen für ihn. Sie klatschen auch gegen die Angst. Angst davor, dass Gabriel jetzt alles hinschmeißt, seine Flucht aus der Politik erklärt. Er hat ja wirklich lange darüber nachgedacht. Und jetzt ist sein Ergebnis auch noch schlechter ausgefallen als befürchtet.

Gabriel setzt gerade zu seiner Rede an, da finden seine Augen in der Menge einen kleinen, alten Mann. Er läuft wieder vom Podium, bahnt sich den Weg und umarmt Karl Ravens. Der 75-Jährige war früher Minister unter Helmut Schmidt, hat zweimal versucht, Ministerpräsident in Niedersachsen zu werden und hat verloren, wie Gabriel heute. Der kleine Ravens ist der große, alte Mann der niedersächsischen SPD. „Das stehen wir durch, Karl“, flüstert Gabriel Ravens ins Ohr und drückt ihn noch fester. „Du musst jetzt dranbleiben, Sigmar“, antwortet Ravens.

Dann klettert Gabriel zurück aufs Podium, und Ravens ist sich endlich sicher, dass der Verlierer doch nicht alles hinschmeißen wird. Er, der erfolgsverwöhnte Überflieger, werde seiner Pflicht nachkommen und die Oppositionsführung übernehmen. „Die Partei darf das von ihm erwarten“, sagt Ravens. Einen Tag noch haben sie Zeit, ihn zu überzeugen, am Dienstag wird die SPD-Fraktion in Hannover ihren neuen Chef wählen. „Der Ball ist rund, und das Rückspiel ist in fünf Jahren“, sagt Gabriel den Genossen im Saal, auch wenn dies natürlich ein „sehr, sehr schwieriges Ergebnis“ sei und „gewiss kein einfacher Abend“. Das sind sehr vorsichtige Sätze, um eine Katastrophe zu beschreiben.

Dann startet Gabriel seinen Spießrutenlauf durch die Fernsehstudios. Immer wieder muss er seine Niederlage erklären. Er macht das tapfer, nimmt die Schuld auf sich, ohne sie bei demjenigen abzuladen, der nur ein paar Kilometer entfernt das Desaster im Fernsehen verfolgt. Gerhard Schröder verbringt den Abend in seinem Reihenhaus in Hannover. Am Samstagabend haben sie noch zusammengesessen, dann am Sonntagnachmittag, als sich das Debakel schon abzeichnete, miteinander telefoniert. Schwer getroffen sei Schröder gewesen, heißt es, niedergeschlagen und einsilbig habe er geklungen. Am Abend, wenn Gabriel von Hannover ins heimische Goslar fährt, wollen sie noch einmal telefonieren und am Montagmorgen gemeinsam nach Berlin fliegen, wo das SPD-Präsidium über die Zukunft reden will – oder das, was davon übrig ist. Für Gabriel endet der Abend, an dem die SPD einen der dramatischsten Abstürze ihrer Geschichte schlucken muss, in Goslar bei einer kleinen Feier.

Das nackte Ergebnis von Niedersachsen, dort, wo der Kanzler einst seinen Weg zur Macht begann, ist für die meisten Sozialdemokraten am Wahlabend noch viel frustrierender als Gabriels persönliches Schicksal. Kann das eine ganze Partei, eine ganze Regierung aus der Bahn schleudern? Die Frage haben sich viele Genossen schon vor der Wahl gestellt. Und der sozialdemokratische Blick wandert jetzt von Hannover nach Berlin.

Dort verließen die meisten Sozialdemokraten am Freitag mit flauem Magen ihren Schreibtisch, egal ob der im Bundestag oder in der Parteizentrale steht. Angst und Unbehagen, weil sie nicht wussten wie die SPD-Welt aussieht, wenn sie am Montagmorgen zurückkehren in ihr Büro. Frustration, Jammern und Wehklagen, prognostizierten die einen. Von „einem der schwärzesten Löcher in der SPD-Geschichte“ redeten historisch denkende Pessimisten. Es gibt aber auch Sozialdemokraten vom robusten Holz eines Ludwig Stiegler. „Ab Montag gibt es business as usual“, sagt dieser Stiegler und tut so, als könne er die ganze Aufregung gar nicht verstehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Stiegler selbst mit seinen linken Zwischenrufen ein saftiges Stück zur miesen Wahrnehmung der Partei beigetragen hat. Zuletzt hat er mit seinem Lockruf an Oskar Lafontaine ein Gespenst wachgerufen, das seitdem wieder durch die SPD wandelt und in der Krise nur schwer zu verscheuchen ist. Stiegler sagt, dass die Union ohnehin eine Mehrheit im Bundesrat gehabt hätte. „Unsere Arbeit kann ganz normal weitergehen wie bisher.“

Man muss dann nur den Blick von links nach rechts wenden, von Stiegler zu Reinhold Robbe vom konservativen Seeheimer Kreis, um einen Vorgeschmack auf die Turbulenzen zu bekommen, die der SPD jetzt bevorstehen. „Wir müssen erst mal die Rückschlüsse aus diesen Wahlen ziehen“, verlangt Robbe. Und das heißt im Seeheimer Deutsch: Bloß nicht Lafontaine reaktivieren, bloß keine antiquierten Politikentwürfe mehr. Stattdessen müsse der Kanzler das Reformtempo erhöhen, vor allem bei den Sozialsystemen. Vor lauter ungeklärter Fragen richten sich die meisten Genossen auf heftige Duelle in den eigenen Reihen ein. Auch wenn einer der wenigen echten Linken, der Fraktionsvize Michael Müller, schon mal rhetorisch abrüstet. „Ein Hauen und Stechen wird es von mir nicht geben. Dafür ist die Lage zu ernst.“

So ernst, dass einige rund um den Reichstag schon wieder an Schröders Standfestigkeit zweifelten und der Name Clement erneut fiel, als Krisenkanzler für eine große Koalition. Das mag aber allenfalls ein Gradmesser für die aktuelle Aufgeregtheit sein, nicht für die wahre Lage. Schröder zeigt sich nach außen ausgeruht, gelassen und zuversichtlich. Auch auf die Fraktionsführung, von Franz Müntefering bis Ludwig Stiegler, wirkt er als „der Stabilste in unserem ganzen System“.

Fleißig wurden schon vorab Argumente für Schröder gesammelt: Dass keiner das Spiel im Bundesrat besser kennt als er, noch aus seiner Zeit als Niedersachsens Regierungschef im Kampf mit Kohl. Dass die Niederlage Gabriels doch letztlich nur bestätigt, wie gut Schröder sei, der das Land zweimal gewonnen hat. Dass er eben besser sei als alle anderen Sozialdemokraten – selbst als die größten Hoffnungsträger.

Im Kanzleramt wissen sie noch bessere Vergleiche: Helmut Schmidt, der 1976 eine Reihe von Landtagswahlen verlor und gegen eine schwarze Bundesratsmehrheit regieren musste. Kohl wird herangezogen, ja selbst Clinton, das „Comeback-Kid“ aus den USA.

Und wie weiter? Mit einem Jahr der Reformen soll es weitergehen. Die Vorbereitung läuft intern schon seit Wochen. Alle wurden mit allen Szenarien vetraut gemacht, damit kein Schock zur Starre führt. Ein zweites „Ich habe verstanden“ wird es nicht geben, das war schon: die Kanzler-Ansprache, das Kanzler-Interview in der „Zeit“, das Kanzleramtspapier. Auch Selbstkritik war da schon geprobt worden. Nun wird Schröder seinen Kurs bekräftigen. Was bleibt, ist hoffen: auf die Selbstheilungskräfte der Republik – und auf Clement.

Der Mann, der dem Kanzler angeblich gefährlich werden könnte, soll weiter Stärke zeigen im Kampf mit Gewerkschaften und Traditionalisten in der SPD. Allerdings soll der Superminister nicht nur mächtig agieren, sondern sich auch etwas mehr disziplinieren. Was Clement in den vergangenen Wochen an Schlagzeilen produzierte, ist nicht nur vom Fraktionslinken Müller als Schlag empfunden worden: zum Beispiel die zum Kündigungsschutz. Mit ihnen hat er gegen alle Absprachen verstoßen, die Wähler nicht mit Ankündigungen zu verschrecken. Vor den Landtagswahlen wollte sich die Fraktion mit ihrer Kritik an Clements „Manieren“ noch zurückhalten – von diesem Montag an wird er aber nicht mehr geschont werden.

Für Sigmar Gabriel hat schon vor seiner Niederlage das begonnen, was er selbst vorausgesagt hatte: das Hauen und Stechen der Parteifreunde. Und nichts ist schlimmer. Denn manche wollten den vor wenigen Wochen auf einer Bugwelle des Selbstbewusstseins daherkommenden Gabriel schon lange mal weniger vollmundig erleben. „Verwöhnt“ sei der doch, rufen seine Berliner Kritiker schon einmal aus der Deckung: Wenn Gabriel oben stehe, sei er wahnsinnig arrogant; wenn es ihm schlecht gehe, werde er weinerlich wie in den vergangenen Wochen.

Es scheint aber so, als ob Gabriel an diesem Abend der Niederlage mehr gelernt hat als in den ganzen Jahren des steilen Aufstiegs zusammen. Er, der seine Partei und deren Gremien bislang links liegen gelassen hatte, wird plötzlich sentimental. Wie die Partei trotz der Hoffnungslosigkeit für ihn gekämpft habe, das habe den bulligen Gabriel trief beeindruckt, sagen seine Leute. Wenn die Partei ihn nun lasse, werde er weitermachen in der Opposition. Und so ist dieser Tag der sozialdemokratischen Trauer vielleicht der Beginn einer neuen Freundschaft zwischen Gabriel und seiner Partei.

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