Zeitung Heute : Verlustgeschäft

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Die drei Berliner Krematorien können derzeit nur mit Verlust betrieben werden. Denn aufgrund falscher Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung Berlins Anfang der 90er-Jahre sind sie für eine Zahl von Einäscherungen konzipiert worden, die so nie erreicht wurde. Möglich sind nach Angaben der jeweiligen Häuser jährlich rund 10000 Kremationen in Ruhleben, im Wedding rund 12000 und in Treptow rund 13000 Einäscherungen jährlich. In Wirklichkeit werden aber weniger als knapp die Hälfte dieser zusammen 35000 Kremationen im Jahr in Berlin vorgenommen.

Die Feuerbestattung machte zwar im Jahr 2000 mit 24960 Kremationen ein Viertel aller Beerdigungen in Berlin aus, wie das Landesamt für Statistik ermittelte. Aber für nur 17800 der in Berlin vorgenommenen Urnenbeisetzungen fand die Einäscherung zuvor in einem Berliner Krematorium statt. Daraus ergibt sich, dass 29 Prozent der Einäscherungen außerhalb von Berlin durchgeführt wurden. Bis 1997 lag diese Quote unter 10 Prozent, bis 1993 sogar unter 5 Prozent.

Der Hintergrund dieser Entwicklung: Mitte der 90er-Jahre wurde das Berliner Bestattungsgesetz geändert, so dass die Einäscherungen nun auch in Brandenburg stattfinden durften. Nach Auskunft der Innung der Bestattungsinstitute Berlin-Brandenburg liegen die Gebühren dabei bis zu 100 Euro unterhalb der in Berlin anfallenden 260 Euro. Dabei werden unter anderem die Krematorien in Potsdam, Meißen und Forst angefahren Dass Kremationen in nennenswertem Umfang im nahe liegenden Ausland durchgeführt werden kann der Innungsmeister der Bestatter, Axel Kluth nicht bestätigen.

Laut Kluth wird derzeit eine erneute Änderung des Bestattungsgesetzes erwogen, wonach eine bei Feuerbestattungen vorgeschriebene zweite Leichenschau in Berlin Gestorbener künftig in jedem Falle in Berlin stattfinden muss. Zweifelhaft ist allerdings, ob dies die Verlagerung von Kremationen nach Brandenburg einschränkt

Hintergrund der falschen Prognosen, die zu der Überkapazität der Berliner Krematorien geführt haben, ist nach Auskunft des zuständigen Gruppenleiters der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Hans Georg Büchner, die allgemeine Euphorie nach dem Mauerfall gewesen. Damals sei man von einem Bevölkerungsanstieg auf 6 Millionen ausgegangen. Aktuell beträgt die Zahl der Berliner Bevölkerung nach Angaben des Landesamtes für Statistik rund 3400000 Menschen. ot/bey

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