Zeitung Heute : Vernebelt vom Weihrauch Gerhard Schröders erste Rede nach der Wahl

Markus Feldenkirchen

So ganz will junge Mann aus Osnabrück den Sinn dieser Veranstaltung nicht begreifen. Auch jetzt noch nicht, da sein Kanzler und Parteichef seinen Stuhl nach hinten rückt und an das Rednerpult schreitet. Da ist Michael Dreier extra mit dem Zug vier Stunden lang aus dem Emsland nach Berlin gerattert, wird später die vier Stunden wieder zurückfahren, und das alles für drei Stunden Parteitag. Er habe auch schon spannende Parteitage als Delegierter mitmachen dürfen, sagt der 32-jährige Verwaltungsangestellte, aber das hier, der Sonderparteitag der SPD zur Absegnung des Koalitionsvertrages, „das hier ist nur notwendiges Übel“, sagt Dreier.

Vor viereinhalb Monaten, am 2. Juni, war die organisierte Sozialdemokratie das letzte Mal in großem Rahmen hier im Berliner Estrel-Hotel zusammengekommen. Damals stand ein Gerhard Schröder auf der Rednerbühne, der nicht nur auf die Durchhalteparolen auf den Plakaten („Dranbleiben Gerd!“) blickte, sondern zugleich in den politischen Abgrund. Damals hatte er sich das Jackett ausgezogen, die Brille auch abgesetzt, hatte wild mit den Armen gestikuliert, die Stimme zum Äußersten gezwungen, um die apathischen Sozialdemokraten zum letzten Gefecht zu rufen. Am Sonntag hat er das dunkle Jackett angelassen, hat nicht mal die Knöpfe gelöst, die Brille fast immer auf der Nase behalten und die Hand in der Hosentasche. Passend zur Rede hätte Schröder vielleicht noch den Mantel der Geschichte überstreifen sollen.

Denn dieses Mal ist er gekommen, um ein paar historische Betrachtungen anzustellen. Es ist der Tag der großen Töne, der Tag des Rückblicks ohne Ausblick. Der Wieder-Kanzler spricht also von einem „historischen Wahlsieg“, den man da errungen habe, gegen die schlechten Wirtschaftsdaten, auch gegen die meisten Medien. Er redet von der Partei der strukturellen Mehrheit, die die SPD nun nach dem zweiten Wahlsieg in Folge geworden sei, davon, dass die demokratische Linke, in der sie ja alle wurzeln, die gesellschaftliche Mitte erobert habe und diese nicht wieder loslassen werde.

Es wird das letzte Mal für lange Zeit sein, dass Gerhard Schröder sich noch einmal ungestört im Wahlsieg aalen darf. Zu den geschichtlichen Betrachtungen gehört auch die „historische Chance“, die die SPD mit Blick auf die PDS nun habe, deren „Prozess der schleichenden Selbstauflösung“ er ohne jede Häme betrachte. Sondern als Möglichkeit, die Hinterlassenschaft von Gabi Zimmers Chaos-Genossen in die Arme von Schröders vernünftigen Genossen zu führen. Er geht deshalb weit zurück in die deutsche Vergangenheit, spielt auf die Rivalität zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik an, auf die Zwangsvereinigung von KPD und SPD im Jahre 1946 zur sozialistischen Einheitspartei, um in der Gegenwart zu verkünden: „Wenn wir es richtig machen, können wir die schmerzliche Trennung der deutschen Arbeiterbewegung überwinden.“ Ein bisschen erinnert er dabei an Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990, der damals versprach, Deutschland werde auf Jahre hinaus unbesiegbar sein, da jetzt auch noch der Osten hinzukomme.

Gerhard Schröder ist zwar Kanzler geblieben, aber die zurückliegenden vier Monate haben Spuren hinterlassen. Weniger bei ihm selbst, als bei den Menschen, die dort neben ihm auf der Parteitagsbühne sitzen. Da sind sie, die Gefallenen des Wahlsommers, Rudolf Scharping, der nach wie vor so geschäftig dasitzt, als sei er noch in Amt und Würden – obwohl er beides verloren hat. Riester, Bergmann, Bodewig sind auch da. Sie alle machen mit, sind gewillt, die Fanfaren der Selbstzufriedenheit nicht mit individuellen Trauermärschen zu stören.

Mit ein paar schlanken Sätzen reitet Schröder am Ende über die Inhalte des Koalitionsvertrages, die Gesundheitspolitik, das Hartz-Konzept, sagt zum ersten Mal, dass nicht nur die Besserverdienenden zur Kasse gebeten werden, sondern alle. Das wars aber auch schon. Die Basis klatscht artig, aber nicht lange. Am Ende des Applauses aber macht der Kanzler eine Geste, die man sonst nie von ihm sieht: er senkt den Kopf, ganz tief, zum Diener, ein Zeichen der Demut, eine Verbeugung vor der Partei, die er zuvor als „groß und großartig“ gepriesen hatte.

Für die anschließende Aussprache über den Koalitionsvertrag hat die Sitzungsleiterin Ute Vogt das Motto ausgerufen: „Je kürzer, knapper, zackiger, desto besser.“ Schließlich habe man nur eine Stunde dafür vorgesehen. Daran halten sich denn auch die 20 Redner. Man lobt das Erreichte und lässt das Ungeklärte einfach beiseite.

Der Delegierte Dreier hat den Koalitionsvertrag wie die meisten hier erst am Freitagmorgen mit dem Übernacht-Kurier erhalten. Er hat ihn auf der Zugfahrt „mal quergelesen“, sich Notizen an den Rand gemacht, viele Fragezeichen stehen da. Vieles ist ihm zu schwammig, die Finanzierung vieler Versprechen nicht geklärt, er hätte da schon noch Fragen, sagt er. Aber die dürfen auf diesem zackigen Parteitag nicht gestellt werden. Und so räsoniert er für sich selbst darüber, ob das Regieren angesichts der Wirtschaftslage und der ganzen Zumutungen, die da auf seine Partei zukommen, ob das Den-Kanzler-stellen überhaupt noch Spaß macht. „Vielleicht werden einige Genossen noch bedauern, dass wir die Wahl gewonnen haben“, sagt Dreier. Kurze Zeit später nehmen die 522 Delegierten den Vertrag mit einer Gegenstimme an. Der Parteitag endet eine Stunde früher als geplant.

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