Zeitung Heute : Vernunftehen

MARTIN GEHLEN

Am Ende, so künden die kühnen Pläne, sollen nur noch drei oder vier Mega-Gewerkschaften übrigbleiben.Einer dieser spektakulären Kolosse formt sich im Moment unter Ächzen und Stöhnen als sogenannte Dienstleistungsgewerkschaft.Geht alles nach Plan, soll sie am Ende fünf Einzelgewerkschaften absorbieren und 3,3 Millionen Mitglieder haben, mehr als - wie ihre rekordtrunkenen Konstrukteure verkünden - jede andere Gewerkschaft der Welt.

Verständlich, daß an der Basis Widerstand und Skepsis herrschen.Die Mitglieder fühlen sich in den neuen Multigebilden nicht zuhause, fürchten bei den künftigen Universalfunktionären mangelnde Sachkenntnis für spezifische Branchen und anonymes Bürokratentum.Andererseits ist die bei dieser Gelegenheit nostalgisch beschworene Gewerkschaftsvielfalt bisweilen auch mehr Fluch als Segen.Kleinkarierter Klüngel, Profilierunggehabe, unschönes Balgen um neue Mitglieder sowie hingebungsvoll gepflegte Rivalitäten gehören zum Alltag.Seit noch dazu Anfang der neunziger Jahre ein breiter Mitgliederschwund einsetzte, hat das vielen Gewerkschaften nicht nur leere Kassen, sondern auch einen harten Sparkurs mit Personalabbau beschert.Das nagt am Netz der Geschäftsstellen, der Service für die verbliebenen Mitglieder leidet; neue Austritte Unzufriedener und Enttäuschter bleiben nicht aus, die Abwärtsspirale läuft.In solch einer Situation gibt es keine begeisternden Ideallösungen, nur das Abwägen spröder Alternativen.Fusionen bündeln die nachlassenden Kräfte, auch wenn aus Sicht des beitragszahlenden Kunden womöglich der Service vom Niveau eines Fachgeschäfts auf den eines Großkaufhauses herabsinkt.Trotzdem, an diesen neuen gewerkschaftlichen Großkaufhäusern führt kein Weg vorbei - vor allem im Blick auf Europa.Das kollektive Arbeitsrecht ist längst dabei, sich von der nationalen auf die europäische Ebene zu verlagern.Viele Firmen operieren europaweit, tummeln sich in den verschiedensten Branchen gleichzeitig, spielen Belegschaften gegeneinander aus und bilden mächtige, weitverzweigte Konglomerate.Gewerkschaften müssen, ob sie wollen oder nicht, diesem Trend Rechnung tragen.Beides jedoch überzeugend zu bewältigen, den Spagat zwischen ortsnaher Kompetenz und übernationaler Handlungsfähigkeit, das gehört zu den zentralen Herausforderungen des kommenden Europas.Dieser Spagat hält viele in Atem, nicht nur die Gewerkschaften.Und wie er letztendlich gelingt, bei Politik, Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen, das wird entscheiden, wieviel Akzeptanz das neue gemeinsame Europa bei seinen Bürgern findet.

Auf nationalem Parkett ist ebenfalls vieles in Bewegung.So versucht Bonn immer stärker, die Tarifpartner in zentrale öffentliche Aufgaben hineinzuziehen, weil der Staat sie alleine nicht mehr bewältigen kann.Das gilt für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, wie die im Grundgesetz nicht vorgesehenen Kanzlerrunden belegen.Das gilt aber auch für Vorruhestand und Altersteilzeit - und könnte in absehbarer Zeit sogar die Kompensation von Defiziten einschließen, welche die gesetzliche Rentenabsicherung entwickelt.Je mehr jedoch der Stellenwert der Tarifautonomie durch solche gesamtgesellschaftliche Anliegen wächst, umso wichtiger ist es, daß die Gewerkschaften mit einer Stimme sprechen.So gesehen sind die zahlreichen Fusionen primär eine Entscheidung der Vernunft, kein visionärer Aufbruch zu neuen Ufern, auch keine Liebesheiraten.Die Gewerkschaften müssen diesen holprigen Weg gehen, und zwar einfach, weil es keine Alternative gibt.

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