Zeitung Heute : Veronika, der Lenz und die Nazis

HELLMUTH KARASEK

Die Comedian HarmonistsVON HELLMUTH KARASEKI Sieben Jahre währte ihre Karriere, und als sie 1935 gewaltsam beendigt wurde, waren die meisten, die heute noch ziemlich genau wissen, wer die Comedian Harmonists waren, vor allem, wie sie, unverwechselbar, klingen, noch gar nicht auf der Welt: so etwas nennt man eine Legende, eine lebendige Legende.Einen Teil der Legende habe ich noch lebend erlebt.Als man Anfang der Siebziger zum Berliner Theatertreffen fuhr, wo man die Nächte nach den Vorstellungen bei "Diener" im "Tattersall" nahe dem Savignyplatz verbrachte, saß da, meist schweigend und meist bis in die Puppen, ein Mann vor seinem Bier mit einem schmalen Kopf und glatt zurückgekämmtem silbrig weißen Haar.Oft saß er da alleine, aber wenn man ihn ansprach, erzählte er, übrigens sehr leise und mit ironischer Wehmut, von den zwanziger und dreißiger Jahren.Es war Robert Biberti, der Boß aus dem Gesangsquintett, dem, wenn man das Klavier zu den Stimmen rechnet, Sextett, das jetzt im Rückblick gern als "erste deutsche boy-group" oder "Boy group im Frack" bezeichnet wird - sozusagen statt den "Back Street Boys" die geschniegelten, pomadisierten Jungs aus der Belle Etage - glatt gescheitelte, straff gekämmte Messerschnitt-Typen mit weißer Fliege und Frack-Jabot und feinem Ziertuch, einer von ihnen, nämlich Erick A.Collin, sogar mit Monokel; kurz, sie entsprachen dem "Hoppla jetzt komm ich!"-Typ der Roaring Twenties und beginnenden Dreißiger. "Comedian Harmonists", die Sechs waren Musikkomiker, wenn auch mit Maßen: sie waren keine Musikclowns.Sie sangen wie alle Schlagersänger von Gefühlen, von Frühling und Liebe, von Trieben und vom Lieben, von Herz und Schmerz, aber sie zwinkerten ihrem Publikum dabei zu, sie machten sich über ihre Gefühle lustig, indem sie sie, musikalisch vor allem, aber auch mit Gesten und Gebärden, so sehr übertrieben, daß sie sie belächeln konnten. II -"Comedian Harmonists", das ist der typische Sound dieser Zeit, einer Epoche, deren Schwung, Elan, Leichtsinn ihr eine glitzernde Unsterblichkeit verliehen hat; "Comedian Harmonists", das ist das klanggewordene Zeitkolorit des Berlin um 1930.Er verbreitet eine "Tanz auf dem Vulkan"-Stimmung, ähnlich wie sie Marlenes "Blauer Engel" ausstrahlte; war "die Dietrich" verrucht, lasziv, männermordend, so waren die Sechs keß, frech, spöttisch, elegant, selbstironisch.Es macht ihre kleine Unsterblichkeit aus, daß man nur ein paar Takte, ein paar Fetzen aus ihren Evergreens, also aus "Veronika, der Lenz ist da" oder "Wochenend und Sonnenschein" zu hören braucht, und die Epoche steht einem lebendig und wie mit einem Schlag vor Ohren - "Comedian Harmonists", das ist das typische musikalische Kostüm jener stürmischen, überdrehten, geschniegelten und kurzlebigen Zeit. III -Sie stiegen in einer Zeit auf, als die Weltwirtschaftskrise Millionenheere von Arbeitslosen ins Elend trieb, Konkurse den Aufschwung nach den Inflationsjahren bedrohten - das grenzenlose Amüsement oder zumindest das Bedürfnis danach ist die Kehrseite der Medaille.Der Aufstieg, man nennt das wohl "kometenhaft", einer Gruppe aus dem Nichts zum Riesenerfolg in der Glitzer-Metropole Berlin und dann zum Welterfolg - das ist der Stoff, aus dem die Musikerfilme sind, und der Absturz des Sextetts, dessen Gassenhauer damals alle mitpfiffen und dessen Platten von allen Grammophonen beim Picknick im Grünen zu hören waren - eben "Wochenend und Sonnenschein" - der Absturz, den die Nazis erzwangen, das ist das Material, aus dem sich ein glaubwürdiges, zu Tränen rührendes Melodram kneten läßt. Joseph Vilsmaier, der zuletzt eher die mythischen Bergquellen der Musik filmisch zu nutzen suchte ("Schlafes Bruder"), hat für diese drei sich bietenden Chancen, den Period-Film, die Erfolgsstory und ihre brutale Brechung durch das Dritte Reich, in die Vollen gegriffen.Er hat mit dem nötigen Schwung und Schmiß alle Chancen und Möglichkeiten ausgefahren, die das Genre ihm geboten hat.Er hat das effektsicher, geschmackvoll und skrupellos getan, als wäre dies ein Hollywood-Film.Vilsmaier spekuliert auf unsere Schlüssellochneugier und drückt direkt auf unsere Tränendrüsen.Für einen Musikfilm muß man wissen, daß Kino viel mit Kintopp zu tun hat; Vilsmaier weiß es.Man muß etwas können, was die Macher von großen Revuen und Musicals können müssen; Vilsmaier kann es.Und man darf sich nicht genieren, große Gefühle in Szenen ausbaden zu lassen, die das Kino ihnen längst als gemachtes Bett anbietet; Vilsmaier geniert sich zum Glück nicht.So läßt sich dem Film leicht ein schmissiger Erfolg voraussagen, bei dem am Schluß die Zuschauer manche Träne verstohlen oder unverhohlen abtrocknen werden.Die Werbewucht, die dem Film vorauseilte, scheint eine ähnliche Erwartung zu hegen. Warum auch nicht? Schließlich ist das eine schier amerikanische Success-Story mit tragischer Brechung und doch einer Art privatem Happy-End, das auch noch so etwas wie ein tröstlich moralischer Sieg ist.Amerikanisch? Ja, in den Dimensionen und der Realisation.Im Thema aber deutsch, unverwechselbar deutsch, ja typisch deutsch.So deutsch, daß es uns schmerzhaft daran erinnert, wie stupide brutal in Berlin damals die Chancen niedergetrampelt wurden, neben New York oder Paris oder London eine der internationalen Kulturmetropolen eines neuen weltumspannenden, durch Film, Radio und Platte erfolgreich distribuierten gemeinsamen Kulturbewußtseins zu werden.Und das dargestellt an einem so schlagenden Beispiel, wie es die "Comedian Harmonists" bieten! Und das zu einem Zeitpunkt, da sich Berlin anschickt, nach langen Jahren der Zerstörung und Entbehrung anschickt, einen zweiten Sprung zu riskieren. Der Feinsinn mag darüber die Nase rümpfen, daß man Zeitgeschichte mit geträllerten Schlagern erzählt.Doch man kann ihm in Zeiten einer weltweiten "Pop-Kultur" entgegenhalten: auch die Geschichte New Yorks läßt sich in Gangsterfilmen wie in Musicals nicht schlecht und nicht unzutreffend erzählen, und das heißt auch: nachvollziehbar. IV -Auch Vilsmaier bietet die Bilder, die Szenen, die an unsere Wiedererkennungslust appellieren, die jene Tasten drücken, die das Kino in unserer Gefühlsklaviatur längst effektvoll zu spielen weiß.Deshalb macht es wenig Sinn, Vilsmaiers Film den akribisch wunderbaren Zweiteiler Eberhard Fechners von 1976 entgegenzuhalten, den der Dokumentarist über das Leben der "Comedian Harmonists" für das Fernsehen (das Öffentlich-Rechtliche, versteht sich) bereitete.Fechner appellierte an unser historisches Interesse.Er konnte das ohne Quoten-Sorgen tun.Vilsmaier appelliert an unsere Kinoträume.Er will und braucht den Erfolg. Am Anfang steht der Durchbruch.Vom Beifall umjubelt singen die Fünf "Veronika, der Lenz ist da", und die Kamera gleitet durch die gerührt lächelnden Zuschauergesichter, greift ein paar besonders gerührte heraus.Der Kinogänger weiß: der Film wird ihm bald in Rückblenden erzählen, was es mit diesen Frauen auf sich hat, die da mit Freudentränen kämpfen.Und richtig: der Film erzählt elegant und gekonnt, mit einem traumtänzerischen Gefühl für das Timing die Geschichte, wie das war 1927. Wie ein Musiker, Harry Frommermann (anrührend eckig und weltscheu gespielt von Ulrich Noethen), im ungeheizten kalten Zimmer seinen Traum von einer eigenen Gesangsgruppe hat.Wie ihn ein Opernstatist (mit seinem robusten Charme dargestellt von Ben Becker) zu Hilfe kommt und seine Ellbogen leiht.Wie ein liebenswürdiger Snob wie Erich A.Collin (Heinrich Schofmeister mit seinen bewährten, kaum gebremsten Komikermitteln), ein Balkan-Don Juan namens Ari Leschnikoff (Max Tidof), ein romantisch verhangener Roman Cycowski (Heino Ferch spielt den in seinem jüdischen Glauben sich Festhaltenden), ein Klavier-Filou wie Erwin Bootz (Kai Wiesinger ist der ewig zu spät kommende Bohème-Typ) hinzukommen.Wie sie sich streiten.Wie sie scheitern, zunächst.Wie sie im Puff bemuttert werden.Wie zwei das eine Mädchen lieben (Meret Becker ist anrührend und unaufdringlich zugleich; der Film bietet ihr die Chance zu vorübergehender Geschwisterliebe) und das Mädchen zuerst den liebt, der es weniger zu verdienen scheint.Aber dann und zum Schluß doch! Dann den Richtigen! Und das am Bahnhof und in letzter Minute! Wie dann zwischendurch der Erfolg kommt, die Liebe, das Leben, der Champagner, die Freundschaft. Das alles kennt man und erkennt es in der Vilsmaierschen Variation wieder, mit Wohlgefallen wieder.Daß dieser Film vom Erfolgsstory-Plot à la "Glenn Miller Story" oder "Die fabelhaften Baker Boys" abweicht, hat er der historischen Wahrheit, dem Rassenwahn der Nazis zuzuschreiben.Denn die hatten zwar nichts gegen den Erfolg der leicht angejazzten und mäßig frivolen Lieder der "Comedian Harmonists".Wohl aber etwas dagegen, daß Drei von den Sechs "nicht arisch" waren; Juden durften als Künstler bald nach 1933 öffentlich nicht mehr auftreten.Der physischen Vernichtung eilte das Berufsverbot voraus. Für den Einbruch der Nazi-Diktatur hat die Wirklichkeit dem Film einige wahnwitzige Szenen geliefert, die sich vom Klischee energisch befreien.Etwa wenn der zuständige Reichsmusikdirektor, nachdem er die Musiker rassisch vermahnt hat (man möge die Juden namentlich in den Hintergrund nehmen), sich, ganz Fan, für seine Kinder Schallplatten signieren läßt und stolz auch auf jüdische Unterschriften ist.Oder wenn ausgerechnet Gauleiter Streicher (der übelste Antisemit unter den Nazis, wenn eine solche Steigerung möglich ist), ein Gönner und Liebhaber des Sextetts, seinen SA-Horden, die sein "Stürmer" aufgemöbelt hatte, beim Pöbeln im Konzert Einhalt gebietet und die Herren Musikanten zu sich in die pompöse Walhalla-Villa lädt - sie mögen ihm "Am Brunnen vor dem Tore vorsingen", dann macht der Film überzeugend klar, von welcher tödlicher Hirnrissigkeit diese Wahnwelt der Nazis war.Eine Wahnwelt, die das Sextett 1935 endgültig vernichtete.

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