Zeitung Heute : Verschaukelt & Hängengelassen

O2-WORLD Der Cirque du Soleil bietet in „Alegría“ aufregende Artistik – und erzählt vom Kampf zwischen Establishment und jungen Rebellen

EVA KALWA
Gehupft wie gesprungen: Die Artisten des Cirque du Soleil begeistern mit tollen Acts – und entführen in eine farbenfrohe Fantasiewelt. Foto: promo
Gehupft wie gesprungen: Die Artisten des Cirque du Soleil begeistern mit tollen Acts – und entführen in eine farbenfrohe...

Im Sommer 1997 rollen rund 40 Trucks nach Berlin. Sie sind vollgepackt mit Trapezen, Planen, Stangen, Matten, Reifen und 400 bunten Kostümen. Am Potsdamer Platz hält der Konvoi. Bald schon steht hier ein riesiges weißes Zelt, in dem der Cirque du Soleil sechs Wochen lang seine Show „Alegría“ präsentiert, ein buntes Programm aus Akrobatik, Theater, Livemusik und -gesang. Jetzt kommt das kanadische Zirkusunternehmen mit seiner Erfolgsshow, die seit der Premiere 1994 weltweit schon 10 Millionen Zuschauer gesehen haben sollen, wieder nach Berlin. Doch diesmal gastiert „Alegría“ in der O2-World. Und deshalb reisen auch nur noch halb so viele Trucks nach Berlin, mit dabei 55 Artisten aus 17 Ländern.

„Eine Arenatour stellt hohe Anforderungen an die Artisten. Denn sie müssen sich immer wieder rasch an neue Auftrittsbedingungen anpassen“, sagt der künstlerische Leiter, Tim Smith, als er vor der Vorstellung im Toyota Center im texanischen Houston einige Minuten Zeit zum Durchatmen hat. Um so viel Sicherheit und Kontinuität wie möglich zu gewährleisten, werden an jedem Spielort die gleichen Produkte verwendet, in Houston wie in Berlin, erzählt der 38-Jährige: Die gleichen Geräte und Bodenmatten und auch die gleichen Reinigungsmittel, um die vertraute Griffigkeit des Bodens und der Geräte zu gewährleisten. Selbst Wasser bringt der Zirkus überall hin mit. „Oft ist das Wasser vor Ort zu weich oder zu hart. Daher nehmen wir zum Reinigen nur Wasser aus Flaschen“, verrät Smith.

Trapez, Trampolin, Feuer-Nummern, Handstand-Artistik und Boden-Akrobatik: Wer Tierdressuren auf Sägemehl erwartet, ist beim Cirque du Soleil, der 1984 von Straßenkünstlern in Québec gegründet wurde, falsch. „Alegría“ lebt von seinen Clowns, den Musikern und Sängern und von den Artisten in ihren farbenprächtigen Kostümen. Die Nummern sind in eine locker gewobene Geschichte über den hin und her pendelnden Kampf zwischen Establishment und jungen Rebellen eingebettet. Begleitet wird das Ganze von einem musikalischen Mix aus Pop, Jazz, Klezmer, Tango und Synthesizerklängen und sphärischen Livegesängen in einer Fantasiesprache.

Während eine perfekt choreographierte Trampolin-Nummer die Zuschauer im Toyota Center den Atem anhalten lässt, herrscht hinter der Bühne Stille und konzentrierte Aufmerksamkeit. Am Hochreck gehen einige Artisten rund um den kanadischen Exleistungsturner Mark Beiler noch mal beinah lautlos einzelne Teile ihrer Luftnummer durch. „Ich habe das Turnen aufgegeben, weil ich im Zirkus Teil von etwas Größerem als mir selbst sein wollte“, sagt der 25-jährige Beiler in einer kurzen Übungspause. Dann wendet Beiler sich rasch wieder seinem russischen Kollegen am Reck zu, denn sein Können als Fänger ist gefragt.

Andere Artisten wie der Feuerkünstler Micah Naruo machen Dehnübungen und verfolgen dabei die Show auf mehreren Monitoren. Denn bis heute wird jede einzelne Aufführung aufgezeichnet und später ausgewertet. „Es gibt immer noch winzige Kleinigkeiten zu verbessern“, so Naruo. Der 27-Jährige stammt aus Honolulu und hat den traditionellen, samoanischen Tanz mit den mit brennenden Handtüchern umwickelten Messern 13 Jahre lang trainiert, bevor er 2008 zum Cirque du Soleil kam. „Jeder Auftritt ist neu, weil ich die freudige Erwartung des Publikums jedes Mal neu spüre“, sagt er.

Nichtsdestotrotz muss sich eine Show, die seit 17 Jahren existiert, im Laufe der Zeit Verjüngungskuren unterwerfen: „Es gab einige Veränderungen an der Story, und natürlich verbessern auch die Artisten ihr Können stetig“, so Smith. Außerdem sei für Zirkusgründer Guy Laliberté nach wie vor ein Platz in jeder Show reserviert. „Guy fällt immer noch etwas Neues ein“, sagt Smith. - Bei inzwischen rund 30 Programmen des Cirque du Soleil kein kleines Kunststück.

EVA KALWA

12.-16.10., Mi-Fr 20 Uhr, Sa 12, 16 und 20 Uhr,

So 13 und 17 Uhr

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