Zeitung Heute : Verschiedene Fenster

FLORIAN RÖTZER

Anders, als viele erwartet haben, ist die Veröffentlichung des Clinton-Video nicht zu einem Test für das Internet und Streaming Video geworden.Nur eine kurze Spitze zu Beginn der Übertragung des Video am Montag, das war alles.Das Netz wurde in den USA ein wenig langsamer, aber hielt sich in den Grenzen bereits gewohnter "rush hours".

Sicher, die Menschen haben genug von der Affäre, die eher einem Zirkus gleicht, aber das nicht allzugroße Interesse hat wohl auch mit dem Internet zu tun.Es ist eben doch noch kein Massenmedium, das sich, was Bilder anbelangt, mit dem Fernsehen messen kann.Sites, die Clintons Video veröffentlichten, hatten zwar anfänglich Probleme, doch wer mag sich im Internet schon vier Stunden lang in einem kleinen Fenster mit ruckelnden Bildern einen Hauptdarsteller ansehen, dessen Enthüllungen auch nicht gerade mitreißend sind und wenig Neues bieten.Möglicherweise hatten manche auch Probleme damit, die notwendige Software zum Anschauen herunterzuladen und sie vor allem richtig zu installieren, aber die Neugierigen haben wohl - technisch gesehen - überwiegend die richtige Entscheidung getroffen und sich das Video im Fernsehen angeschaut.

Hat also doch das Fernsehen gewonnen und gezeigt, daß das Internet noch kein Massenmedium ist? Nein, denn Videobilder sind eben etwas anderes als Text und einzelne Bilder.Das Netz hat eindeutig einen Vorteil, wenn es um Texte geht, was sich - um beim Anlaß zu bleiben - am Starr-Report gezeigt hatte.Noch sind Fernsehen und Internet also nicht konvergiert, und es ist auch keineswegs abzusehen, in welcher Form diese Konvergenz geschehen wird.Viele gehen, weil Aufmerksamkeit und Zeit der Medienkonsumenten beschränkt sind, davon aus, daß mit zunehmender Zahl an Nutzern des Internet auch weniger Fernsehen konsumiert wird.Immerhin ist beispielsweise der durchschnittliche amerikanische AOL-Kunde an die 45 Minuten täglich online, eine nicht unerhebliche Zeit.Eine kürzlich veröffentlichte Befragung von Nielsen Media Research scheint dem Bild vom tödlichen Wettkampf zu entsprechen: Haushalte, in denen das Internet stark benutzt wird, schauen zu 15 Prozent weniger in die Glotze als der Rest der Offline-Gesellschaft.Viele Untersuchungen ergeben allerdings ein entgegengesetztes Bild, nämlich daß die Menschen, die mehr und mehr Zeit im Internet verbringen, gleichzeitig auch mehr fernsehen.Überdies würden sie auch mehr lesen.

Das ist seltsam, denn man sollte doch meinen, daß man den Medienkonsum nicht endlos erweitern kann und die Medien in Konkurrenz um das knappe Gut der Zuschauerzeit liegen, die schließlich auch noch anderes machen müssen.Eine Lösung dieses erstaunlichen Sachverhalts könnte darin liegen, daß die Menschen gleichzeitig mehrere Medien benutzen.Das nennt man Multitasking: man surft im Netz, schreibt E-Mails, telefoniert, läßt die Glotze laufen, reist ...Wenn die Menschen immer mehr gleichzeitig verschiedene "Fenster" geöffnet haben und ihre Aufmerksamkeit zwischen diesen hin- und herzappt, dann verliert zwar nicht unbedingt ein Medium gegenüber dem anderen, aber die Angebote werden sich stärker denn je auf die flüchtige Aufmerksamkeit ausrichten müssen, um sie überhaupt noch ansprechen zu können.Sie für längere Zeit zu halten, wird jedoch immer schwieriger werden.

Der Autor ist Redakteur der Internet-Zeitschrift "Telepolis".

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