Zeitung Heute : Verschlungene Wege

Die israelische Künstlerin Rivka Rinn im Kolbe-MuseumWer die Reisezeit nutzen will, nimmt heute seinen Laptop mit an Bord.Aus dem Fenster zu schauen, gilt kaum als sinnstiftende Beschäftigung.Dennoch wird ein großer Teil unserer Wahrnehmungsfähigkeit von vorbeigleitenden Bildern absorbiert, die wir im Auto, Zug oder in der U-Bahn sitzend kaum bewußt sehen.Die Spanne zwischen Weggang und Ankunft erleben wir oft als leer, als ob das eigentliche Leben erst wieder an den Punkten des Ankommens einsetzen könnte. Diesen schwarzen Löchern der Raumzeit widmet sich die israelische Künstlerin Rivka Rinn.Bei 80 bis 1100 Stundenkilometern fotografiert sie aus Flugzeugen und Zügen und nutzt jeden Weg zwischen Wohnung und Atelier für das Sammeln ihrer Geschwindigkeitsfotografien.Ihre Auseinandersetzung mit der Beschleunigung bildet in ihrer derzeitigen Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum einen großen Kontrast zu den Bronzeskulpturen, die die hundertjährige Geschichte der Berliner Gießerei Noack dokumentieren. In Leuchtkästen sehen wir Bilder der Stadt Tel Aviv im Anflug mit einem unglaublich dünnen Saum zwischen dem Meer und den ersten Hochhäusern.Wir sehen Schneetreiben vor einer Tunnelausfahrt oder eine verschneite Wiese, Nebelschleier und Bergspitzen, verwischt durch die Spiegelung im Zugfenster. Doch Rivka Rinn geht es nicht nur darum, die Schönheit des Flüchtigen festzuhalten.Ihre Bildpoesie verbindet sie mit Texten, die die moderne Mobilität der Kulturnomaden mit der Geschichte der Emigration zusammenbringen.In Emaille-Schildern, deren weiße Reliefbuchstaben sich nur aus der Nähe lesen lassen, spinnt sie unterschiedliche Biographien aus, die sich alle zwischen mehreren Kulturen bewegen und Hinduismus, Kabbalah und Freuds Psychoanalyse ebenso leicht einreihen wie Städte zwischen Berlin und Tel Aviv.Irgendwo taucht in diesen geographisch weit verästelten Gespinsten stets der Name eines Konzentrationslagers auf, und plötzlich sieht man auch die vergitterten Fenster an dem Eisenbahnwaggon, der zwischen den Biographien abgebildet ist.So werden Vertreibung, Deportation und Flucht zur Vorgeschichte von Rinns Versuch, die Strecken zwischen Weggehen und Ankommen als Lebenswirklichkeit zu beschreiben. Auch die Kuchenrezepte, die Rinn neben Bilder von nächtlichen Mautstellen, Auffahrtsrampen und blinkenden Lichtern gesetzt hat, stammen aus der Geschichte des Holocaust: In Ravensbrück tauschten die Häftlinge aufwendige Tortenrezepte aus als eine Strategie, über die Wirklichkeit des Hungers zumindest in Gedanken hinwegzukommen.Aber selbst wer dies nicht in einem Informationsblatt des Museums nachgelesen hat, spürt in dem süßen Torten-Universum die Sehnsucht nach Häuslichkeit und einem festen Punkt in der Welt. Die Ausstellung ist Milena Jesenská gewidmet, die im Lager Ravensbrück starb.Dieser verschlüsselte Hinweis läßt Rivka Rinns Arbeit nicht nur vielschichtig, sondern auch kompliziert und voller Umwege erscheinen.Doch letztlich spiegelt sich auch in dieser methodischen Verzweigung die Erfahrung wider, daß die Welt an dem Fenster der Fahrenden viel zu schnell vorübergleitet, um all ihre Informationen zu erfassen. Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 31.August; Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr.

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