Zeitung Heute : Verschneiter Aufenthalt

Hermann Kant hätte der Thomas Mann der DDR werden können. Stattdessen war er nach der Wende einer der meistgehassten Menschen. Heute lebt er allein an einem kalten See und blickt mit verblüffendem Stolz auf junge Autoren, die abtun, was ihm so wichtig war.

Kerstin Decker

Is this Tirol? Wir kreisen um den Neustrelitzer Marktplatz. Hermann Kant hält die linke Hand fest am Lenker, mit der rechten streicht er die ganze Stadt und die Seen auf einmal zusammen und fragt noch lauter: Is this Tirol?

Nein, den Mann haben wir uns anders vorgestellt. Älter vor allem. Ist man mit 76 nicht irgendwie alt? Erfrorener auch. Immerhin verbringt er seine Winter in einem Sommerhaus. Und dieser Winter war der erste echte. Minus 20 Grad. „Sommerhaus, später“ – Judith Hermann konnte ja nicht ahnen, wie grausam konkret Buchtitel sein können. Aber wer wie der frühere Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR, das Mitglied des Zentralkomitees der SED, Hermann Kant, in mecklenburgischen Kleinstädten aus dem Auto schaut und immerzu fragt: Is this Tirol?, der ist wohl weder alt noch erfroren, nicht außen und nicht innen.

Andere an seiner Stelle wären längst zu Eis geworden. Selbst Günter Gaus hat es ihm gesagt. Kant, das sei ein meistgehasster Name nach der Wende. Kant, ein Four-letter-word, ein Schimpfwort.

Wir fahren zu dem Haus, das er sich in fernen, kantfreundlicheren Sommern kaufte. Das heißt, der kleine blaue Renault fährt, sein Inhaber muss die Tirol-Geschichte zu Ende bringen. Wie er nach Florenz fuhr zu einem Schriftstellerkongress und seine Sitznachbarin im Zug, eine Amerikanerin, schon kurz hinter Frankfurt zu fragen anfing: Is this Tirol? Diese Frau, die noch nie einen Schriftsteller aus der Nähe gesehen hat, und vielleicht auch kein Buch, trifft ihn zufällig wieder in Florenz, um ihn ohne Umschweife zu „one of the world most famous writers“ zu erklären – kraft ihres Amerikanerinnentums. Kant hatte die Geschichte in seiner Autobiografie „Abspann“ notiert, sie entspricht seinem Sinn fürs Groteske. Aber Kritiker wähnten, sie entspräche mehr seinem Geltungsbedürfnis. Das kränkt ihn noch immer. Man darf ihn hassen, aber seine Pointen verderben?

Und hier, sagt Kant, hier ist der See. Er nennt ihn kleiner See, in Wirklichkeit heißt er Großer Prälanksee, und das Mitglied des ZK der SED wäre beinahe darin ertrunken. Herzstillstand beim Seerundschwimmen. In der Zeitung stand nachher: „Person vorm Ertrinken gerettet.“ Das war noch in der DDR. Dieses „Person“ hat seinem Geltungsbedürfnis auch nicht entsprochen.

Schwer beheizbares Asyl

Kants „Aula“ war Pflichtlektüre in der Schule gewesen und vielleicht die einzige, die Spaß gemacht hatte. Robert Iswall, Trullesand, Quasi Riek – sogar die Namen sind noch im Gedächtnis, manchmal auch die Anfänge: „Ich will aber nicht Minister werden.“ So beginnt „Das Impressum“. Vielleicht war es der Lebensirrtum des Hermann Kant, nicht auf diese innere Stimme gehört zu haben. Und auf gewisse Weise weit mehr geworden zu sein als Minister. Heute fragen manche, ob er denn überhaupt ein Schriftsteller sei. Weil Funktionäre doch eher dumm waren. Aber in diesem Punkt ist Hermann Kant zuversichtlich. Da ist er im Vorteil, als Schriftsteller. Jeder kann alles nachlesen. Und auch die Späteren noch.

Hermann Kant glaubt an die Späteren. Wahrscheinlich hat er vor allem für sie „Okarina“ geschrieben, sein letztes Buch voller Ober-, Unter-, Hinter- und Zwischentöne in jedem einzelnen Satz, so dass man irgendwann eine Sehnsucht kriegt nach Worten, die nichts meinen als sich selbst.

In „Okarina“ kommt das schwer heizbare Prälanker Exil auch vor. Ist das Exil nicht ohnehin der angemessene Aufenthaltsort für einen Schriftsteller, sofern selbst gewählt?

Es ist wirklich kalt hier. Zwei Zentimeter Leichtwand zwischen dem März-Nachwinter und dem vormaligen Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes. Bis eben verschickte er selbst fotografierte Karten seines verschneiten Gartens mit einer Bank darauf und auf der Rückseite stand: „Komm zum Essen, wenn du kannst!“ Typisch kantische Ein-Ausladung. Nicht gerade die Post eines Verbitterten. Er war der einzige Ironiker im Zentralkomitee. Ein Selbst-Ironiker ist er also geblieben. Selbst-Ironiker sind Menschen, die Haltung gegenüber sich selbst bewahren. Und sage keiner, dass Einsiedler nicht auch Anteil nehmen: „Wie die mit Oliver Kahn umgehen!“ Kant holt die Kaffeelöffel. „Ein begnadeter Torwart, was sage ich, ein Genie von einem Torwart. Und nur, weil er sich nicht den Ehevorschriften gemäß verhält, nun das! Ansonsten – Kant senkt die Stimme ins Alltägliche – habe er nicht viel auszusetzen an der Funktionsweise bundesdeutscher Öffentlichkeit, Literaturbetrieb inklusive. Natürlich sei es viel härter geworden für Autoren, aber Hermann Kant glaubt noch immer, dass gute Literatur sich durchsetzt. „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen haben es doch auch geschafft. Und dass er die Dieter-Bohlen-Autobiografie noch nicht gelesen hat, liege keineswegs an seiner Ignoranz, sondern an der Zeit. Er habe nicht mehr so viel davon, und noch so viele Bücher, die er unbedingt lesen müsse. Heine, Thomas Mann noch einmal, seine englischen Krimis. Früher las er auch Bücher zu Ende, die ihn schon nicht mehr interessierten, aus Hochachtung für das Buch an sich. Vorbei. „Wer es auf der ersten Seite nicht packt, packt es nicht mehr.“ Aber Wladimir Kaminer und Thomas Brussig und Ingo Schulze hat er gelesen. Die haben es gepackt. Na bitte, sagt Hermann Kant und hat einen Blick, beinahe voll Stolz auf die junge deutsche Literatur. Auf diese Jung-Ironiker, die die DDR und den ganzen Sozialismus mitsamt seiner Schwere abschütteln wie ein dummes Faschingskostüm am Aschermittwoch. Dieselbe DDR, an die Hermann Kant so sehr glaubte. Zu solchen Selbstdistanzen ist er fähig. In den Jüngeren das Eigene zu erkennen, auch wenn sie mit leichter Hand durchstreichen, was ihm so wichtig war.

„Zwei Buntspechte, sehen Sie das!“ Die Vögel zwischen den selbst gepflanzten Bäumen in Kants Garten schauen furchtlos hinüber zum Haus. Das hier ist ein Vogelschutzgebiet, das wissen sie genau. Der Kant stört hier keinen. Nicht die Spechte, nicht die Fischadler, auch nicht die Schalwildkühe. Kürzlich standen sie zu zwölft vor seiner Tür. Viel mehr Nachbarn hat er eigentlich nicht. Nur wenn ein Prälanker stirbt, versammeln sich alle auf dem Friedhof und sind freundlich zueinander. Für die Prälanker ist Kant immer noch der Berliner. Hier im Haus am See hat Hermann Kant seinen „Aufenthalt“ geschrieben, die Geschichte seiner Jugend in polnischer Kriegsgefangenschaft.

Manchen Jungen müsste er heute erklären, dass der „Osten“ erst entstand, nachdem der deutsche Kriegsgefangene Hermann Kant aus Hamburg im Warschauer Ghetto mit seinen Händen das Denkmal miterrichtete, vor dem Willy Brandt dann viel später kniete. Ein 20-Jähriger, von den Polen angespuckt im Vorübergehen, der trotz seiner Wut irgendwann begriff, dass sie ein Recht dazu hatten. Solche Bekehrung mag genug sein für ein einziges Leben, und der Bekehrte danach unfähig zu einer weiteren: dass das vermeintlich Richtige bald schon wieder irgendwie falsch war. „Wann ein echter Glaube sich in bloßes Wunschdenken verwandelt, das kann keiner ehrlich von sich sagen.“ Kant weiß, dass es diesen Moment in seinem Leben gegeben hat. Schon dieses gute Gefühl war trügerisch, als er, der für Gorbatschow war, der Macht ins Gesicht sagte, sie werde untergehen, wenn sie so weitermache. „Ich habe mir Luft verschafft, weil es mich erwürgt hätte.“ Und die anderen, die auch längst keine Luft mehr bekamen in diesem Land?

Denn nach Biermanns Ausbürgerung kam die DDR nicht mehr zur Ruhe. Kant hielt die Rede zum Ausschluss von neun Mitgliedern, darunter auch Stefan Heym, aus dem Schriftstellerverband der DDR 1979. Sie klingt kalt, zynisch, wenn man sie heute liest. Entweder ihr schließt sie aus, oder wir lösen euren Verband auf, hatte der SED-Bezirkschef von Berlin damals gesagt. Ich wollte den Verband erhalten, wiederholt Kant. Er war ein Schutzraum für die Schriftsteller, ein Forum, in dem sie gemeinsam stark waren gegen die Zugriffe der Staatsmacht. Aber welchen Preis darf einer zahlen, ohne das Gesicht zu verlieren?

Marx aus der Zigarrenkiste

Vielleicht kann man solche Fragen nicht vor Publikum, nur sich selbst beantworten. Jedenfalls nicht vor einem Publikum, das keinen Unterschied macht zwischen dem Kommunisten Kant und dem Denunzianten Kant. Dem das eine die Wahrheit über das andere ist so wie für Karl Corino, der ein 500-Seiten-Buch über den „IM Martin“ geschrieben hat – „Die Akte Kant“.

Kant sieht aus wie einer, der befreundet ist mit sich selbst. Der sich alles sagen kann. Er wird es wissen. Den Kommilitonen aus Greifswalder Abitur-Tagen – der aufgrund seines Verrats zur Zwangsarbeit ins Eismeer verschickt worden sein soll – kannte er gar nicht, sagt Kant.

Aber es gibt doch eine Wahrheit über den Hermann Kant in der späten DDR: Irgendwann hörten die Leser auf, die Antworten auf ihre Fragen in seinen Büchern zu suchen. Er hat einfach nicht die richtigen Fragen gestellt. Franz Fühmann, der wie Kant vom Jungfaschisten zum Stalinisten wurde, um dann auch noch an der DDR zu verzweifeln, war ihnen viel näher. Todkrank hat Fühmann Kant verboten, zu seiner Beerdigung zu kommen.

Der frühere Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes druckt am Computer die Buchkritik aus, die er gerade fürs „Neue Deutschland“ geschrieben hat. Zur Buchmesse. An der Wand hängt ein Bild des jungen Stephan Hermlin. Daneben Marx als Zigarrenkistenbild mit der Unterschrift: „Strictly handmade.“ Wenn schon Marx, dann so. Und hier, sagt er, das ist „die bescheuerte Familie Mann“. Alle sitzen um einen Gartentisch, jeder anders unglücklich, nur Thomas Mann nicht. Der einzig Hochzufriedene auf diesem Foto ist der Autor. Kant liebt dieses Bild. Mag sein, er hat sich als Thomas Mann der DDR gesehen. Er hätte es werden können. Er ist es nicht geworden.

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