Zeitung Heute : Verschwiegene Eltern

Viele nehmen das Geheimnis mit in den Tod: Tausende von Kindern ehemaliger Besatzungssoldaten kennen ihre Abstammung nicht

Sandra Dassler

Das Foto fällt Camille McCullen im Frühjahr 2004 in die Hände. Da sichtet die farbige Amerikanerin in Memphis, Tennessee, den Nachlass ihrer kurz zuvor gestorbenen Großeltern.

Auf der Rückseite des Fotos steht „Misters mother“. Mister ist der Spitzname von Camille McCullens Vater, Charles Reese. Der kann auf dem Foto höchstens eineinhalb Jahre alt sein. Er sitzt, etwas mürrisch schauend, auf dem Arm einer jungen Frau. Wie eine Mutter eben ihr Kind trägt. Aber es ist nicht die Frau, die McCullen immer für ihre Großmutter hielt. Die Frau, die der flüchtige Schriftzug auf der Rückseite des Fotos zu „Misters Mutter“ erklärt, ist weiß.

McCullen zeigt das Foto ihrem Vater. „Wer ist das? Und wo ist das?“ Ihr zuliebe versucht Charles Reese sich zu erinnern. Er ist 59, seine Eltern, sagt er, haben ihm einmal von seiner Adoption erzählt. Er kennt ein paar deutsche Wörter, auch den Namen einer Frau: Edith. Charles Reese hatte immer vermutet, dass sein Vater, der während des Krieges Soldat in Deutschland war, dort ein Kind mit einer deutschen Frau hatte. Und dass er dieses Kind ist. Aber nachgefragt hat Charles Reese bei seinen Eltern nie.

* * *

So ähnlich fangen viele Geschichten an, die Ute Baur-Timmerbrink in den vergangenen Jahren zu hören oder lesen bekam. Die Geschichten verfolgen sie manchmal Monate lang. Sie schleichen sich nachts in ihre Träume, kommen ihr in den Sinn, wenn sie Klavier spielt oder lassen sie bei alltäglichen Handgriffen plötzlich innehalten. Ute Baur-Timmerbrink, 59, Berlinerin, kennt die Gefühle von Camille McCullen und deren Vater Charles Reese in Tennessee. „Ich habe selbst erst vor sieben Jahren erfahren, dass meine Biografie falsch ist“, sagt sie. Und seitdem hilft sie dabei, die von anderen aufzuklären.

Geahnt habe sie schon als Kind, dass etwas nicht stimmte. Ihre Eltern verhielten sich anders als die Eltern ihrer Freunde – vor allem der Vater. Irgendwie sei sie sich wie ein Störenfried vorgekommen. „Man kann das schwer beschreiben“, sagt sie. „Es sind Gesten, die man als Kind beobachtet, ein Senken der Stimme, wenn man in ein Gespräch hineinplatzt. Und immer das Gefühl, da ist etwas Unausgesprochenes, Ungeklärtes, Falsches.“

Deshalb war es eine Befreiung, als sie an ihrem 52. Geburtstag von einer Freundin erfuhr, dass sie das Kind eines amerikanischen Soldaten sei. „Da konnte ich plötzlich alles verstehen. Vor allem, warum mein Vater, den ich verehrt und geliebt habe, mich nie wirklich an sich herankommen ließ. Ich muss ihn immer an den Fehltritt seiner Frau erinnert haben.“

Ute Baur-Timmerbrink hat sich auf die Suche nach ihrem amerikanischen Vater gemacht. Stieß dabei auf Trace, ein Netzwerk in England, das Besatzungskindern hilft, ihre GI-Väter aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden. „Die Leute von Trace haben mir geholfen, meine Herkunft zu klären. Seitdem arbeite ich selbst für die Organisation, kümmere mich um Anfragen, die den deutschsprachigen Raum betreffen.“

Das schmale Arbeitszimmer ihrer Wohnung in Berlin-Heiligensee hat Ute Baur-Timmerbrink ganz dieser Aufgabe gewidmet. Nur die Fotos ihrer beiden Söhne können sich gegen die fremden Schicksale behaupten, die akkurat in Aktenordnern zusammengefasst, in den Regalen stehen. Wenn Ute Baur-Timmerbrink ins Erzählen kommt,erzählt ihr ganzer Körper mit, ihr Gesichtsausdruck wechselt von fröhlich zu traurig, von amüsiert zu nachdenklich. Arme und Hände gestikulieren ohne Pause. Ihre Augen aber geben den Gegenüber nicht eine Sekunde frei, während sie Episode an Episode aneinander reiht, Erklärungen dazwischenschiebt, Situationen beschreibt, die eigentlich nie hätten eintreten sollen.

Da ist beispielsweise der 82-jährige Witwer in Puerto Rico, der seine Angehörigen auf einer Familienparty mit der Nachricht schockierte, dass er sich als Soldat in Nachkriegsdeutschland in eine Frau verliebt hatte. Nie habe er sich verzeihen können, dass er diese Frau verließ und auf Wunsch seiner Eltern in Puerto Rico eine andere heiratete. Das ganze Leben habe er sich mit dieser Geschichte herumgeschlagen. Sein einziger Wunsch sei, die einstige Geliebte vor seinem Tod zu finden. Und das Kind, das sie damals von ihm erwartete.

Ute Baur-Timmerbrinks Augen funkeln, wenn sie schildert, wie sie die Frau gefunden hat. Fast immer schaltet sie die örtliche Zeitung ein, um Leute zu erreichen, die damals lebten und sich erinnern. Auch Standes- und Einwohnermeldeämter erweisen sich als nützlich. Über eine Anfrage dort hat Ute Baur-Timmerbrink die gesuchte Frau in einem Pflegeheim in Süddeutschland entdeckt. Schwer demenzkrank. Nicht mehr ansprechbar. Verwandte der Frau erzählten ihr, dass das Kind des Puertoricaners, ein Mädchen, schon im Alter von einem Jahr gestorben ist. Ute Baur-Timmerbrink hat diese Nachricht nach Übersee gemailt. Die Gewissheit, sagt sie, bringe zwar erst Trauer, aber später auch Seelenfrieden. Und sie ermöglichte den Suchenden, eine Art Schlussstrich zu ziehen.

Das Statistische Bundesamt gibt die Zahl der zwischen 1945 und 1955 in den drei Westzonen einschließlich West-Berlins geborenen Kinder alliierter Besatzungssoldaten mit 68 000 an. Es sind wohl mehr. Viele Ehepaare vereinbarten Stillschweigen, und oft schwiegen auch Verwandte und Bekannte ein Leben lang.

60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt die Generation der damals 20-Jährigen langsam aus. Manche beichten auf dem Sterbebett, andere nehmen ihr Geheimnis mit in den Tod. Erst danach erfahren ihre Kinder aus lange verborgen gehaltenen Dokumenten von ihrer wahren Herkunft. Für manche ist das ein Schock. Und nicht selten übernehmen die Enkel die Suche, weil sie damit einfach lockerer umgehen können.

„Alle meine Verwandten kannten die Wahrheit“, erzählt Ute Baur-Timmerbrink. „Und alle haben sie mit ins Grab genommen – auch meine Eltern.“ Eine Tante sagte ihr nur: „Von mir erfährst du nichts. Du warst nie eine von uns. Und du wirst deinen richtigen Vater nie finden.“

Aber Ute Baur-Timmerbrink wollte es wenigstens versuchen. Sie hat wieder Englisch gelernt, es war nicht gut genug, um amerikanische Quellen nutzen zu können. Sie hat Botschaften und Zeitungen angeschrieben. Sie ist in die kleine österreichische Stadt gefahren, wo ihre Mutter nach Kriegsende ihren leiblichen Vater, einen amerikanischen Offizier, kennen lernte. Und lieben, obwohl sie seit 1936 verheiratet war. Als ihr Ehemann Ende 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, fand er eine Tochter vor.

Und die Tochter fand den Amerikaner. Vor ein paar Jahren war es so weit, und Ute Baur-Timmerbrink musste akzeptieren, dass er sich nicht zu ihr bekennen wollte. Er ist Rechtsanwalt. „Ich passte nicht in die Welt, die er sich in den Staaten aufgebaut hat“, sagt sie: „Und aufdrängen wollte ich mich nicht.“

Was sie bei ihrer Suche gelernt hat, nutzt sie nun, um anderen zu helfen. Sie arbeitet ehrenamtlich, bekommt keinen Cent dafür, obwohl sie Kosten hat: Telefonate, Gebühren für Urkunden oder Dokumente, Benzingeld für Fahrten zu Ämtern und zu Freunden oder Verwandten der Gesuchten. Ute Baur-Timmerbrink sagt: „Bei der Suche nach meinem Vater haben mir auch viele Menschen geholfen, ohne zu fragen, was sie dafür bekommen.“

Die Anfrage, die Camille McCullen aus Tennessee nach dem Hinweis eines Freundes an Trace sendete, landete im Mai 2004 bei Ute Baur-Timmerbrink. McCullen hatte mehr wissen wollen über diese weiße Großmutter. Vielleicht lebte sie ja noch. Vielleicht hatte ihr Vater Geschwister in Deutschland. Und vielleicht wäre seine Mutter glücklich, etwas von ihrem Sohn zu hören.

Ute Baur-Timmerbrink fand heraus, dass McCullens Vater am 21. Juli 1946 als Sohn von Oskar und Edith Lange geboren wurde. Der Ehemann von Edith Lange war seit Kriegsende vermisst, aber nicht für tot erklärt worden. Daher galt der dunkelhäutige Junge nach Recht und Gesetz als ehelich geborenes Kind von Oskar Lange. Dass er bei der Geburt den Namen Karl-Heinz Hubertus erhalten hatte, wussten die Suchenden aus Amerika. Auch, dass er irgendwo in der Nähe von Berlin das Licht der Welt erblickte – in „Baddensorrow“. Ute Baur-Timmerbrink hat eine Weile gebraucht, bis sie dahinter kam: Baddensorrow? Natürlich – Bad Saarow. Edith Langes Adresse war damals der Saarower Kronprinzendamm 6 - 8. Dort befand sich ein Mütter- und Säuglingsheim, in dem viele Frauen aus Berlin und dem Umland ihre Babys zur Welt brachten.

Abgesehen von den allgemeinen Schwierigkeiten, in der Nachkriegszeit ein Kind durchzufüttern, hatten es die Geliebten der Besatzungssoldaten besonders schwer – vor allem, wenn ihre Kinder farbig waren. „GI brown babies“ heißen diese Kinder heute noch in den Vereinigten Staaten – etwa 5000 „afrodeutsche Besatzungskinder“ gab es in der Bundesrepublik. Ihre Mütter wurden als „Amiliebchen“ verhöhnt und nicht selten auf offener Straße angespuckt.

Es gab Mütter, die sich dem Hass und der Verachtung nicht aussetzen wollten und ihre Kinder zur Adoption freigaben. Viele dieser Kinder wurden über das von der US-Regierung ins Leben gerufene Programm „Brown Baby Plan“ an amerikanische Eltern vermittelt. Dass die leiblichen Väter ihre in Deutschland geborenen Kinder adoptierten – so wie im Fall von Charles Reese aus Tennessee –, war eher selten.

Seine Mutter Edith Lange, so berichtet ihre Schwägerin, die Ute Baur-Timmerbrink durch einen Zeitungsartikel fand, habe lange gezögert, ihn zur Adoption freizugeben. „Sie meinte dann aber, dass sie den Jungen an den Amerikaner abgeben müsse, weil er es dort drüben besser haben würde.“

Wie mag es Edith Lange zumute gewesen sein an jenem 7. April 1948? Damals traf sie sich mit dem Ehepaar Reese bei einem Notar in Berlin-Zehlendorf. Die Amerikaner erklärten, dass sie „Karl Lange an Kindes statt“ annehmen. Edith Lange stimmte der Adoption zu und verzichtete auf alle Rechte an ihrem Sohn. Der Wert des Vertrages wurde mit 10 000 Reichsmark angegeben. Ob Edith Lange Geld bekam, lässt sich nicht mehr feststellen. Auch nicht, ob die Amerikaner der Deutschen Nachrichten oder Fotos ihres Sohnes zukommen ließen.

Fast 60 Jahre später freuten sich die vier Kinder und acht Enkelkinder von „Mister“ Charles Reese in Tennessee sehr über die Fotos ihrer Berliner Großmutter. Nach fast einem Jahr Recherche hatte ihnen Ute Baur-Timmerbrink viele Unterlagen schicken können. Sie fand heraus, dass Edith Lange als Arzthelferin bei einem Orthopäden am Olivaer Platz gearbeitet und zuletzt in der Pfalzburger Straße in Berlin-Wilmersdorf gewohnt hatte. Nachbarn erzählten, dass sie kinderlos und nicht verheiratet war. Allerdings habe sie zu Kindern immer eine besondere Beziehung gehabt und jahrelang die Sprösslinge verschiedener Berliner Familien betreut.

Für ein Wiedersehen mit ihrem Sohn war es zu spät. Am 13. Mai 1996 ist Misters mother im Hubertus-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf gestorben.

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