Zeitung Heute : Versöhnung, Identität und Konsens schaffen

Ein Blick in die gemeinsame Zukunft aus französischer Sicht: Dominique Moïsi

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Die zehn Gebote der Bibel könnten die zukünftigen französischdeutschen Beziehungen beschreiben. „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“ bleibt eine Idealvorstellung, die man als Ziel sehen könnte. Aber das beschreibt nicht die politische Realität und die „Schadenfreude“, die wahrscheinlich sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite besteht. Um eine Beziehung erneut zu beleben, die entscheidend für den Aufbau der Europäischen Gemeinschaft war, sind drei Maßnahmen nötig. Sie betreffen die Symbolik der Versöhnung, die Neudefinition des zukünftigen europäischen Kontinents und eine gemeinsame Sicht nach innen und außen.

Die Erweiterung und Vertiefung der Versöhnung erscheint mir als absolute Priorität. Wenn heute ein Konzept positiv mit der Vorstellung von Europa verknüpft ist, ist es die Versöhnung. Über unseren Wohlstand, die demokratischen Verwurzelungen unserer Gesellschaft und den aktuellen Erfolg des Euros hinaus, bleibt Europa durch die französisch-deutschen Beziehungen ein Kontinent der Versöhnung. Diese Sicht zu verstärken und weiterzuentwickeln ist für mich die erste Pflicht des neuen Europas am Beginn des 21. Jahrhunderts. Warum können wir es uns nicht vorstellen, ein Zentrum für die Erforschung und Umsetzung der Versöhnung zu gründen, wo sich die drei Länder des Dreiecks von Weimar – Deutschland, Frankreich und Polen – wiederfinden? Wenn unser Modell der Versöhnung anderen Ländern zur Verfügung stehen soll – hätte das nur einen Sinn, wenn wir wissen, wer wir sind – geografisch und verfassungsmäßig.

Die zweite Priorität in den französisch-deutschen Beziehungen ist das Zusammenwirken zur Definition der zukünftigen Identität Europas. Dies umso mehr, als unsere Geschichte, unsere Vorbilder und Empfindlichkeiten absolut verschieden sind. Bis wohin geht Europa? Gehört die Türkei dazu? Welche Rolle spielt Russland? Diese grundsätzlichen Fragen erfordern zumindest eine tiefgründige Erörterung zwischen Berlin und Paris, eine Art intellektuellen Kern, der sich natürlich auf andere europäische Länder ausdehnen sollte, und zwar zunächst auf Großbritannien, womit wir außerdem den Club of Three bilden.

Die geografische Einheit hat nur einen Sinn, wenn sie eine neue verfassungsmäßige Identität zum Ziel hat. In dem Moment, wo Europa aufhört, ein Club zu sein, um sich durch die Erweiterung in eine multilaterale Organisation zu verwandeln, wird die Vorstellung einer gemeinsamen Verfassung lebensnotwendig. Das gleiche Prinzip betrifft die Außenpolitik. Wir müssen uns bemühen, einen Konsens zu finden, der es uns ermöglicht, unsere unterschiedlichen Empfindlichkeiten und Interessen auszugleichen. Die Berücksichtigung der Empfindlichkeiten und Interessen der anderen in Definition und Ausdruck unserer Außenpolitik ist auf lange Sicht ein ambitioniertes Ziel, das einen echten europäischen Willen und eine neue Mischung von Ehrgeiz und Demut voraussetzt. Im Mittleren Orient beispielsweise ist eine französisch-deutsche Politik Basis für eine europäische Politik, die eine ausgewogene Unterstützung der gemäßigten Kräfte in beiden Lagern voraussetzt. Frankreich sollte seine pro-arabische Unterstützung mäßigen und Deutschland seine pro-israelischen Emotionen.

Eines ist sicher: Wir können nicht in die Zukunft gehen mit den Reflexen und Vorurteilen der Vergangenheit. Die Schwierigkeiten eines unserer beiden Länder stärkt nicht das andere, sondern schwächt Europa und den harten Kern, der für seine Entstehung notwendig ist. Das erweiterte Europa von morgen braucht einen politischen Willen entsprechend seiner geografischen Größe. Dieser setzt eine französisch-deutsche Dynamik und das Vorstellungsvermögen voraus, die uns so lange gefehlt haben.

Der Autor ist stellvertretender Direktor des Französischen Instituts für Internationale Beziehungen IFRI .

Deutsch von Nicole Chappaz.

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