Zeitung Heute : Verständnis aufbringen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

In Basel hatte ich mal einen Mitbewohner aus Finnland. Genau genommen, war Marco nur mein Vertreter in der WG. Ich war nämlich für zwei Semester in Wien, und hatte ihn ausgesucht.

Was ich nicht wusste: Marco trinkt sehr gerne Schnaps. Und in den frühen Morgenstunden klopfte er regelmäßig an die Zimmertüren meiner Mitbewohnerinnen und rief: „I wanna fuck you!“. Manchmal lud Marco auch einen schwedischen Kumpel ein. Einmal haben sie sich im Suff gestritten, und gingen mit Küchenmessern aufeinander los. Am Tag darauf war Marco wieder quietschfidel, und hat die Badewanne überlaufen lassen. Meine WG-Leute waren richtig froh, als ich aus Wien zurück kam.

Doch in Berlin erlebe ich jetzt die Rache des Schicksals: Meine Mitbewohnerin Jule hält sich nämlich lieber bei ihren Eltern auf, wo das Essen besser schmeckt. Und ein alter Schulfreund von ihr hatte gerade seine Wohnung verloren. Jule dachte: „Kein Problem, den nehmen wir auf!" Nicht das sie A. in die Villa ihrer Eltern mitgenommen hätte. Es gibt schließlich Grenzen. Als ich Anfang Januar aus dem Urlaub zurück kam, hatte ich den Kerl bei mir auf der Matte stehen.

Ein wunderbarer Mensch, der A. „Haste schon mal Silikonbrüste angefasst?“, fragte er mich beim ersten gemeinsamen Frühstück. Interessant, dachte ich. Mal kein Gespräch über die Medienkrise. Silikonbrüste seien sozusagen „zu knackig“ im Verhältnis zum Alter der Trägerin, erklärte er mir: „Wie bei einer 16-Jährigen, aber die Frau war schon Ende 20.“

A. hat auch sonst einiges zu bieten: Wenn er sich rasiert, sieht das Waschbecken hinterher immer aus, wie von Meret Oppenheim gestaltet. Er ist sehr kreativ. Und sensibel. „Sorry. Echt eklig“, sagt er, wenn ich seine Haare entfernt habe.

Besonders gefällt mir seine Flexibilität: Wenn er hungrig wird, isst er alles, was er in meinem Kühlschrank findet. Sonst kifft er den ganzen Tag. Oder er kifft und sieht fern. Um vier Uhr früh werde ich regelmäßig von Schüssen geweckt. Western oder Brutalo-Filme. A. schläft dann schon lang tief und fest.

Denn er muss tagsüber Arbeit suchen. Anfang Januar hat er in einer Kneipe gefragt, ob die einen Barkeeper brauchen. Leider hatten sie schon einen. Da hat A. wieder tagelang TV geglotzt und gekifft. Ist ja auch total deprimierend.

A. hat sich erst mal von mir Geld geborgt. Und wenn ich es zurück verlange, sagt er immer: „Sorry“. Sein Freund, von dem er jederzeit was leihen kann, sei „heute gerade in Westdeutschland“. Dafür hat A. in seinen zahlreichen halb leeren Konservendosen faszinierende Pilzkulturen gezüchtet.

Neulich kam ich nachts nach Hause, und A. sagte: „Kannste mal gucken? Im Flur is’ es bisschen feucht.“ Er war gerade am Kiffen. Aus der Wand floss Wasser, und der Teppichboden machte sumpfartigen Geräusche. Dem Hausmeister hatte A. selbstverständlich nicht Bescheid gesagt. „Sorry“, meinte er, er sei ja nicht offizieller Mieter dieser Wohnung.

Ich glaube, ich sollte ihm jetzt mal Marco auf den Hals hetzen.

Bei Rohrbrüchen kann man in Berlin rund um die Uhr den Notrufdienst der Lamprecht GmbH verständigen, Tel. 893 63 90

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