Zeitung Heute : Versteckt im Staub

Die genaueste Prüfung der Luftqualität in Wohnräumen ist die Analyse des Hausstaubs. Dort findet man Umweltgifte und Schimmel

Kai Althoetmar

Schimmel, Lösemittel und andere Gifte in Wohnräumen machen krank, ihre Beseitigung ist oft teuer. Betroffene leiden meist an Reizungen der Augen und Atemwege, trockener oder geröteter Haut, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Die Stiftung Warentest rät, immer einen Arzt zu Rate zu ziehen. „Vor allem, wenn die Beschwerden gehäuft und nur in der Wohnung oder in einem bestimmten Zimmer auftreten und anderswo – etwa bei Wochenendausflügen oder im Urlaub – nachlassen, sollten Sie sich auf die Suche nach möglichen Schadstoffquellen begeben“, schreibt „test“. In Frage kommen Lösemittel, Pestizide und andere giftige oder schwer abbaubare Chemikalien. „Leicht flüchtige“ Chemikalien wie Lösemittel entweichen schneller als „schwer flüchtige“ Stoffe wie Holzschutzmittel, die sich mit dem Hausstaub in der Wohnung verteilen.

Lösemittel gelangen vor allem durch Quellen von innerhalb des Gebäudes in die Innenraumluft. Manchmal werden sie auch von außen eingetragen. Enthalten sind sie meist in Bau-, Kunststoff- und Isoliermaterialien, Wandverkleidungen, Lacken, Klebern und Bodenbelägen. Auch viele Lacke, Kleber und Verdünner verursachen Lösemittelbelastungen. Beim Kauf sollte man auf umweltfreundliche und schadstoffarme Produkte achten. Weiter raten die Warentester: „Der Raum, in dem Farben, Lacke und Verdünner lagern, sollte zu den Wohnräumen gut abgedichtet sein, ansonsten können Lösungsmittel eingetragen werden.“ Eine Belastung sind oft auch neue lackierte oder verklebte Möbel.

Als besonders problematisch gelten Baukastenmöbel, deren Einzelteile in der Fabrik luftdicht verpackt und erst zu Hause zusammengebaut werden. Andere Ursachen für belastete Raumluft können Tabakrauch, Duftspender und Raumluftsprays sein, außerdem chlorierte Kohlenwasserstoffe, die aus Spezialreinigern für Marmor- und Steinfußböden entweichen, sowie Lösemittel, die in chemisch gereinigten Kleidern stecken.

Manche Wohngifte sind in der Raumluft kaum noch nachweisbar, im Hausstaub dagegen schon. „So ist die Messung einiger Schädlingsbekämpfungsmittel in der Innenraumluft schon mehrere Tage nach der Anwendung nicht mehr möglich, wohl aber im Hausstaub“, schreibt die Stiftung Warentest. Im Hausstaub lagern sich Bestandteile von Insektensprays, Holzschutzmittel, Weichmacher und Flammschutzmittel. Selbst verbotene Substanzen wie PCB, PCP und DDT können in vielen Fällen im Staub nachgewiesen werden. Ursachen sind oft Balken und Bretter in Altbauten, die mit chlorierten Pestiziden behandelt wurden, umweltschädliche Kitte, Fugendichtungen und Platten oder etwa Weichmacher in PVC-Böden, -Folien und -Tapeten.

Wer Wohngiften auf die Spur kommen will, muss nicht sofort teure Gutachter ins Haus holen. Die Stiftung Warentest bietet Verbrauchern für 108 Euro eine „Umweltanalyse Luft“ an , die vor allem schwere Lösemittel in der Innenraumluft aufspürt. Der Kunde erhält so genannte „Passivsammler“. Dies sind Röhrchen, die er eine Zeit lang aufstellt und an die Stiftung schickt. Eine „Umweltanalyse Hausstaub“ kostet je nach Umfang 90 oder 128 Euro. Der Bestellung der Tests fügt man einen ausgefüllten Fragebogen bei. Darin macht man Angaben zur Heizung, Böden, Wänden, Decke und Einrichtung. Wer sich zunächst nur informieren will, kann bei der Stiftung Warentest per Fax Dossiers zum Thema „Feuchte- und Schimmelprobleme“ abrufen. Jede Faxminute kostet 62 Cents.

Die Abrufnummern findet man in „test“-Heften der Stiftung Warentest und auf deren Internetseite. Eine Broschüre der Verbraucherzentrale Bundesverband zum Thema kostet 7,30 Euro (siehe auch Kasten). Daneben bieten auch private Institute und Baubiologen ihre Dienste an. Das „Institut für Analytik und Beratung“ im hessischen Groß-Umstadt zum Beispiel verlangt für einen Wohngift-Check 93,50 Euro. Die Raumluft wird auf Wohngifte und Holzschutzmittel untersucht. Der Besteller schickt die selbst genommenen Proben ein und erhält zwei Wochen später per Post eine Analyse. Schimmel-Test und Formaldehyd-Check kosten jeweils 39,50 Euro. Zum gleichen Preis kann man auch das Warmwasser auf Legionellen testen lassen. Hinzu kommen 4,50 Euro Versandkosten. Wer mehrere Räume untersuchen will, braucht entsprechend auch mehrere Tests. Die Probesets können auch direkt über das Internet bestellt werden. „Wir bekommen dabei oft Proben mit Wasser aus schwermetallhaltigen Rohrleitungen. Im Winter häufen sich vor allem die Probleme mit Schimmel“, sagt Institutschemiker Christoph Drexler.

Schimmel bildet sich, wenn Feuchte sich an kühlen Stellen wie Fensterlaibung, Außenecke oder Decken oder hinter Bildern, Vorhängen und Möbeln sammelt. Zu erkennen ist der gelbe oder schwarze Pilz bereits am muffigen Geruch. Stoßweises Lüften mit ganz geöffnetem Fenster ist der beste Weg, Schimmel zu vermeiden und Heizkosten zu sparen. Faustregel: Ein paar Mal am Tag ein paar Minuten lang quer durch die Wohnung oder das Haus lüften. Die relative Feuchte sollte 50 bis 60 Prozent betragen. Eine gute Wärmedämmung hilft Schimmel vermeiden. Den ganzen Wintertag ein Fenster auf Kippe zu stellen, kostet viel Heizenergie. Dringt zu lange kalte Luft ein, die über den Fühler eines Thermostatsventils strömt, kann sich dessen Frostschutz aktivieren. Dann öffnet sich das Ventil, und man heizt förmlich zum Fenster raus.

Die Kunden von Drexlers Institut erhalten neben der Analyse auch Tipps zur Schadensbekämpfung. Adressen von Fachfirmen erfährt man meist beim Gesundheitsamt oder der örtlichen Verbraucherberatungsstelle. Über ein Servicetelefon des Berufsverbandes deutscher Baubiologen kann man sich auch kostenlos direkt mit einem Baubiologen verbinden lassen. „Die Kosten für die Schimmelentfernung können bis zu mehreren tausend Euro betragen“, so Drexler. Kleine oberflächliche Schäden durch zu hohe Luftfeuchtigkeit könne man in der Regel selbst beseitigen, und zwar mit 70- bis 80-prozentigem Ethylalkohol. Handschuhe, Mundschutz und Schutzbrille sind Pflicht.

In schweren Fällen müssen die oberen Schichten des Mauerwerks, zum Beispiel Tapete und Putz, abgetragen werden. Ist eine Wasserleitung undicht, sei unbedingt ein Fachmann gefragt. Generell gilt: Deuten Laborberichte auf starke Wohngifte hin, ist die Investition in die Beseitigung unvermeidbar, erst recht, wenn Kranke oder Kinder im Haus leben. Mieter können sich beim Vermieter meist schadlos halten – es sei denn, sie haben den Schaden selbst verursacht, zum Beispiel durch falsches Lüften. Sichtbare Schäden sollten Mieter immer fotografisch dokumentieren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben