Zeitung Heute : Versunkene Tempel im Steppengras

GERALD PENZL

Bolivien - eine Mixtur aus Mythen, Historie und topographischen Absonderlichkeiten VON GERALD PENZLCompra Señor! Compra!" Lauthals preist die Indígena ihre Waren an.Auf dem Kopfsteinpflaster hockend, die weiten Röcke wie Segel gerefft, den Bowler über dem pechschwarzen Zopf, hält sie die obskursten Wunderheilmittel feil.Für jedes Leid kennt sie eine Lösung.Ob Liebeskummer, Kopfschmerz, Geld- oder Nachwuchssorgen, es gibt nichts, was sie nicht mit Coca-Blättern, Fledermausblut, neonbunten Pülverchen, magischen Gipsfiguren oder mumifizierten Lamaföten in den Griff bekäme."Natürlich", zwinkert sie, "ist das auch Glaubenssache." Doch mit den Göttern der Inkas und dem Segen der Berge hätten auch Zweifler die besten Heilungschancen ..."La Paz", das hatte der Taxifahrer auf dem Weg vom 4100 Meter hoch gelegenen El Alto-Flughafen zum Mercado de Hecheria, zum Hexenmarkt, gesagt, "ist ein topographisches Wunder".Als hätten die Schöpfungsarchitekten einen Ruhetag eingelegt, klafft die Erde als 1000 Meter tiefes Loch.Oben am felsbraunen Kesselrand kleben die Baracken der Armen.500 Meter tiefer, im Zentrum, dort wo in Süd-amerika stets Simón Bolívars säbelschwingendes Denkmal steht, wird die Stadt zum polyglotten Potpourri.Zwischen himmelstürmendem Beton und futuristischen Lifestyle-Klötzen duselt Spaniens Koloniale.Nippons Autoindustrie staut sich als trötender Lindwurm die Avenida Mariscal Santa Cruz entlang.Auf den Gehsteigen mischen Pariser Chic und Indígena-Trachten, leuchten amerikanische Konsum-Signets und kringeln Garküchen duftende Wölkchen hinauf zu den eisgepanzerten Wänden des alles überragenden 6300 Meter hohen Illiumani-"Hausberg"-Vulkans.Nochmals 500 Meter tiefer stellt die Natur die Welt auf den Kopf.Während die Villen der Reichen andernorts auf den höchstgelegenen Plätzen stehen, zwingt sie das Klima hier im wahrsten Sinn des Wortes auf den Boden.So verzichtet, wer Geld in La Paz hat, auf luftige Lagen und residiert inmitten von Palmen im Tal - sprich am Grund des schroffen Schöpfungs-Lochs.Den Armen indes bleibt die sauerstoffarme Höhe.Sie wohnen in kühlschrankkalten Lehmhütten und lugen frierend auf den Luxus der Reichen herab.Durch die Urlaubsbrille betrachtet, ist Bolivien eine Mixtur aus Mythen, Historie und topographischen Absonderlichkeiten.Nur drei Busstunden von La Paz entfernt, ruht der Titicacasee.Er ist 8300 Quadratkilometer groß, 17 mal größer als der Bodensee, liegt auf 3800 Meter Höhe und beeindruckt mit schwimmenden Schilfinseln, einfachem Dorfleben und atemberaubender Bergkulisse.Karg ragen Mond- und Sonneninsel aus den kalten Fluten.Am Ufer schlummert das Dörfchen Copacabana.Vor 600 Jahren war es die letzte Raststätte der Inkas auf ihrem Pilgerweg von Cuzco zur sagenumwobenen Sonneninsel.Hier erholten sich die Büßer, sammelten ihre geistigen Kräfte und ruderten dann zur heiligen Menschwerdungs-Insel des Inti-Sonnengotts.Pizzaros Meuchelbande schließlich führte den katholischen Glauben ein.Indem die Spanier dem heidnischen Ort eine Christenkirche überstülpten, eine indianische Holzfigur zur Jungfrau Maria erklärten, programmierten sie Copacabana zur heute mithin bedeutendsten Wallfahrtstätte der Anden vor.Der Stoff aus dem Dänikens Träume sind, heißt Tiahuanaco.Als habe der Fantasy-Autor persönlich Regie geführt, wuchern tonnenschwere Steingestalten aus dem dürren Steppengras.Wind peitscht über die Reste versunkener Tempel- und Opferanlagen."Wer hat dieses Mysterium 400 Jahre vor Christus erbaut und um 1000 nach Christus wieder verlassen? Wo sind die Menschen dieses Anden-Atlantis? Hat sie eine Flutkatastrophe des Titicacasees verschluckt? Waren es Hungersnöte oder kriegerische Inka-Überfälle? Es gibt keine Antwort.Nicht vom Touristenführer, der eine Gruppe eifrig knipsender Japaner vom Mond- zum hieroglyphenüberladenen Sonnentor führt.Nicht von der strahlenumrahmten Götterfigur des Kalasasaya-Tempels.Und auch nicht von Nicolé, der jungen Archäologin aus La Paz, die die Bewohnerzahl dieses Menschheitsrätsels auf gut 120 000 Personen schätzt.Was im Nordwesten Boliviens Titicacasee und Tiahuanaco sind, sind im Osten die Yungas."Allein die Anreise", hatte Nicolé gesagt, sei ein Spektakel.Wie sie das meint, wird nach eineinhalb Stunden Busgeschuckel von La Paz aus klar.Kaum nämlich liegt der 4647 Meter hohe La-Cumbre-Paß im Rücken, wird die Straße zur Alptraum-Piste.Sich dicht an die Felswand klammerd, stürzt sie in dschungelverwucherte Tiefen.Wasserfälle prasseln auf unser buntgemaltes Wagendach.Ab und an ist ein Stück Fahrbahn weggebrochen.Dann steigt der Fahrer in die Eisen, bekreuzigt sich, gibt Gas und drischt den Bus im Kamikazestil über den gähnenden Abgrund.Dreißig adrenalinreiche Kilometer weiter öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf horizontfüllende Hügelketten voll Bananen, Zitronen, Gemüse, Kaffee und vor allem Coca frei.Die heilige Pflanze der Inkas, einst dem Sonnengott und seinen Kriegern geweiht, genießen die heutigen Boliviaños wie Kaffee oder Tee.Ihre grünen Blätter werden gekaut oder mit heißem Wasser aufgebrüht.Sie stillen den Hunger, beleben und machen fit.Laut Expertenschätzung produziert Bolivien jährlich zwischen 150 000 und 200 000 Tonnen Coca.Zehn bis fünfzehn Prozent dienen dem Eigenbedarf, der Rest wird illegal verkauft oder in abgelegenen Giftküchen zu Coca-Paste verarbeitet.Das sich aus einer Tonne Coca-Blätter rund 3,5 Kilogramm Kokain erzeugen lassen, ist in dem Land ein offenes Geheimnis.Doch verbieten kann und will die Regierung den Anbau nicht.Erstens aus Tradition - ein Verbot käme der Schließung der Bierbrauereien in Deutschland gleich - und zweitens aufgrund chronischen Devisenmangels.So wären ohne Coca nicht nur rund 100000 Campesinos arbeitslos, es fehlten auch gut 600 Millionen US-Dollar Kaufkraft in der Kasse.Öde und monoton, wie vor der Geburt des Lebendigen, erstreckt sich der Altiplano vom Titicacasee bis zur Grenze von Argentinien.Eine 200000 Quadratkilometer große, 4000 Meter hoch gelegene, steinig-braune Weite ist er.Die Reise durch diese wasserlose Wüste führt im bequemen Zug von La Paz nach Potosí.Lamas, Lehmhütten und dürre Kartoffelfeldflicken begleiten die Fahrt.Nach einem ausgiebigen Halt in der staubigen Bergbaustadt Orturi kommen die ersten riesigen Salzseen in Sicht.Das Gepfeife der Lokomotive schreckt Flamingos einen Moment hoch, dann biegen sie wieder ihre spaghettilangen Gummihälse nach unten und widmen sich der Nahrungssuche.Geschichte hin, Stolz auf die Vergangenheit her - was sich mir da nach zwölf Stunden Fahrt als karge Kuppe im Wellenschlag trister Hügel auftut, ist das blutrünstigste Kapitel spanischer Geschichte.1545 notiert die Chronik die Gründung der Stadt Potosí.3000 Seelen zählte der Zensus.30 Jahre später war er auf 120 000 hochgeschnellt.Die Boom-town, die hier am Ende der Welt in 4000 Meter Höhe Städte wie London und Sevilla in den Schatten stellte, trug den Namen Silber.Nirgendwo sonst nämlich - die Götter der Azteken, Mayas und Inkas mögen wissen warum - gab es in Lateinamerika einen Ort, der annähernd soviel Silber hatte, wie ausgerechnet dieser in einer unwirtlichen Mondlandschaft vor den Toren Potosís gelegene, 600 Meter hohe Cerro Rico.Plata! Plata! Plata! Die bis über die Ohren an frühkapitalistische Finanzmagnaten - allen voran die Augsburger Fugger - verschuldeten Spanier gierten nur so nach dem Metall.Auf Teufel komm raus versklavten sie die Indígenas und trieben sie in die lichtlosen und luftarmen Schächte.Was diese unter menschenunwürdigsten Bedingungen herausholten, hätte gereicht, um eine Brücke aus Silberbarren quer über den Atlantik zu spannen.Boliviens neues Potosí heißt Santa Cruz.Die 800000-Einwohner-Metropole inmitten des schweißtreibenden Tieflands, schwimmt nur so im Geld.Rinder, Tropenfrüchte und Erdöl sind ihre sprudelnden Einnahmequellen.Architektonisch eher Zweckbau, zeugen Samba und Merengue vom nahen Nachbarn Brasilien.La Paz ist weit, Río de Janeiro nah.Es gibt keine Beschaulichkeit, keine atemberaubenden Berge, keine Indígenas, keinen Hexenmarkt.Statt um die San Francisco-Kathedrale pulst das Leben am hochmodernen Airport.Er ist Drehkreuz in alle Richtungen.Nach Caracas, Chile, Panama oder zum Einkaufstrip nach Miami.Gern fliegen die Cruzeños auch zu Freunden auf ihre weitverstreut liegenden Haziendas.Das natürlich am liebsten im eigenen Flugzeug.Und so besitzt, wer Geld in Santa Cruz hat, eine kleine meist einmotorige Maschine - von der böse Zungen behaupten, sie diene weniger dem Renommée als dem illegalen Coca-Transport und sei somit der wahre Geld-esel der Stadt.Tips für BolivienReisezeit: Beste Reisezeit für das Hochland sind die regenfreien Monate Mai bis November.Zwischen Juli und August sind nächtliche Kälteeinbrüche bis unterhalb zehn Grad Minus keine Seltenheit.Anreise: Da Nonstopverbindungen fehlen, müssen Zwischenaufenthalte in Kauf genommen werden.Die preisgünstigste Verbindung bietet Iberia (ab 1740 Mark); von Düsseldorf, Frankfurt und Berlin aus gehen dreimal wöchentlich Maschinen über Madrid nach Caracas und von dort weiter mit Lloyd Aero Boliviano nach La Paz oder Santa Cruz.Gabelflüge zwischen Hoch- und Tiefland sind somit möglich.American Airlines fliegt täglich von Frankfurt über Miami (ab 2170 Mark); Lufthansa einmal wöchentlich von Frankfurt über Bogota (ab 2349 Mark).Einreise: Benötigt wird ein Reisepaß, der mindestens ein halbes Jahr über das Einreisedatum hinaus gültig sein muß.Die bei der Einreise erteilte Aufenthaltsgenehmigung beträgt im Regelfall drei Monate.Geld: Landeswährung ist der Boliviano.Ein Boliviano entspricht zur Zeit etwa 25 Pfennig.Kreditkarten akzeptiert jedes große Dienstleistungsunternehmen. US-Dollars werden, sofern die Scheine unbeschädigt sind (!), gern genommen und auch offiziell auf der Straße getauscht.US-Traveller-Schecks, vorzugsweise American Express, wechseln Banken beziehungsweise die wesentlich schnelleren Casas di Cambio, Wechselstuben, mit rund 0,5 Prozent Abschlag.Gesundheit: In den Dschungelregionen sind Gelbfieber- und Malaria-Prophylaxe ein Muß; gegen die Höhenkrankheit in den Hochlagen helfen Coca-Tee und/oder die in den Apotheken (Farmacias) erhältlichen Soroche Pills.Körperliche Anstrengungen sind in den ersten Tagen nach der Ankunft zu vermeiden.Verkehrsmittel: Inlandflugverbindungen bestehen zwischen den größeren Städten.Der Lloyd Aero Boliviano-Hin-/Rück-Flug La Paz-Sucre kostet 120 Mark, La Paz-Santa Cruz 195 Mark und Cochabama-Santa Cruz 90 Mark.In Santa Cruz verchartert Aeroeste Kleinflugzeuge (Aeroeste, Calle Placido Molina, Hangar 82, Santa Cruz, Telefonnummer: 537443, Fax: 340661).Eine 5-Passagier-Piper kostete pro Stunde etwa 350 Mark. Von La Paz aus verkehren Züge nach Potosi, Sucre sowie Chile und Argentinien.Der komfortable Ferrobus fährt einmal wöchentlich La Paz-Villazon/Argentinien (um 22 Stunden, Einfachfahrt: 28 Mark einschließlich einer warmen Mahlzeit im Speisewagen).Die Mitfahrt bis Uyni dauert zehn Stunden und kostet 19 Mark.Der Zug La Paz-Potos¤ verkehrt zweimal wöchentlich, die Fahrt dauert zwölf Stunden und kostet einfach 16 Mark; die vierstündige Weiterfahrt nach Sucre weitere fünf Mark.Ebenfalls zweimal pro Woche verkehren Züge zwischen Santa Cruz und Corumbá/Brasilien (15 Stunden Fahrt, Preis 26 Mark). Mietwagen sind teuer.Ein Suzuki Vitara kostet bei American, Av.Sucre 1423, La Paz (Telefon: 361666) pro Woche rund 500 Mark.Eingeschlossen sind 1200 Freikilometer, jeder weitere Kilometer kostet etwa 40 Pfennig.Im Versicherungsfall sind nur 50 Prozent des Schadens gedeckt! Toyota Rent a Car (La Paz: Av.Montes 44, Telefon: 361589, Fax: 359964; Santa Cruz: Calle Ichilo 205, Telefon: 368077, Fax: 338693) verlangt für einen Landcruiser Typ 70 pro Woche um 900 Mark, für jeden Kilometer oberhalb der 1200 Freikilometer 0,80 Mark.Das Fahrzeug ist im Gegensatz zu American vollkaskoversichert. In Copacabana können Motorboote zur Überfahrt auf die Sonneninsel gechartert werden.Zugelassen für maximal acht Passagiere kostet die zweistündige Titicacasee-Tour pauschal um 50 Mark.Sicherheit: Für lateinamerikanische Verhältnisse ist Bolivien so sicher wie Abrahams Schoß.Nichtsdestotrotz sollte man auf den Märkten insbesondere in La Paz und Santa Cruz auf seine Sachen gut achten.Probleme kann es beim Fotografieren geben.Diese sowohl, wenn man auf indianische Einwohner als auch auf Coca-Bauern in den Yungas oder gar im Chapare "zielt".Grundsätzlich ist das Thema Coca mit Samthandschuhen anzufassen.Nur allzu schnell vermuten die Bauern amerikanische Drogenfahnder.Veranstalter: Äquator Tours, Schleißheimerstraße 439, 80935 München; Telefon: 089/3142025, Fax: 089/3149945; Ikarus Tours, Fasanenweg 1, 61462 Königstein; Telefon: 06174/29020, Telefaxnummer: 06174/22952; Karawane Reisen, Schondorfer Straße 149, 71638 Ludwigsburg; Telefonnummer: 07141/28480, Fax: 07141/284825; Magri Tourismo, Av.16 de Julio 1490, La Paz; Telefonnummer: 360616, Telefaxnummer: 366309 (deutschsprachiger Trekking- und Erlebnisurlaub-Spezialist).Literatur: Beck "Bolivien"; ein unterhaltsam geschriebenes, sozialkritisches Lesebuch über Boliviens Geschichte und Gegenwart.Beck Verlag, 2.Auflage, 1993, 183 Seiten, 19,80 Mark. Richtig Reisen DuMont "Peru und Bolivien"; informativ mit viel Kultur- und Geschichtshintergrund, aber wenig Praxis.DuMont Verlag, 1991, 308 Seiten, 44 Mark. Därr Reiseknowhow "Peru Bolivien"; ausführliches Reisehandbuch mit detaillierten Orts-, Adressen- und Routenangaben.Därr Verlag, 6.Auflage, 1995, 445 Seiten, 34,50 Mark.Informationen: Die bolivianische Botschaft verschickt Info-Bestellformulare (Konstantinstraße 16, 53179 Bonn; Telefonnummer: 0228/362038).
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