Zeitung Heute : Verteidigung der Kindheit

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Von Matthias Meisner

Es war das Jahr 1986 und Angela Marquardt ist 14 Jahre alt gewesen, als die DDR-Plattenfirma Amiga eine Schallplatte herausbrachte. Sie hieß „Bataillon d’Amour“, es war Rockmusik, von der Band Silly aus Ost-Berlin. Angela muss beeindruckt gewesen sein von der Platte, denn sie hat viele Jahre später einen der Liedtexte auf die erste Seite ihres Buches geschrieben, einer Autobiografie: „Vergiss nicht, Vater, wenn du frierst/Ich bin wie du geworden.“ So fängt es an.

Wenn ihre Eltern das Buch gelesen haben und wenn der Vers so gemeint ist, wie er dasteht, dann haben sie sich darüber bestimmt gefreut. Denn sie wollten, so scheint es jetzt, dass ihre Tochter stets das tut, was auch sie getan haben. Deshalb haben sie sie im April 1987 gedrängt, den Satz aufzuschreiben: „Ich, Angela Marquardt, verpflichte mich freiwillig, das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen.“ Angela war jetzt 15 und Stasi-IM, wie sie. Wie die Mutter, die Staatsbürgerkunde lehrte, wie ihr Stiefvater, der Chorsänger. „Ich werde für alle das MfS interessierende Fragen den mir bekannten Mitarbeiter informieren“, haben sie sie schreiben lassen. „Zur Wahrung der Konspiration wähle ich das Pseudonym ,Katrin Brandt’.“

Das Lied passt nicht. Angela Marquardt wollte nicht wie ihre Eltern sein. Sie wollte nicht einmal in die SED eintreten wie ihre Mutter. Angela hat mitbekommen, wie unsinnig das ist. Die Mutter hatte in der Partei immer alles richtig gemacht, jedenfalls wenn der gesunde Menschenverstand ein Kriterium dafür ist, und trotzdem haben die Genossen zwei Verfahren gegen sie angestrengt, wegen Nichtigkeiten. War das bei der Stasi anders?

„Immer rigoros, manchmal polemisch“ habe sie seit der Wende das DDR-Spitzelsystem kritisiert, steht in einer Erklärung, die Angela Marquardt angesichts der jetzt aufgetauchten Geheimdienst-Akten geschrieben hat. Und Anfang 1995, kurz bevor die damals 23-Jährige zur stellvertretenden Vorsitzenden der PDS gewählt wurde, zählte sie einmal auf, warum sie sich in der Wendezeit in der Evangelischen Studentengemeinde ihrer Heimatstadt Greifswald engagierte: „Diskutiert haben wir, eine demokratischere DDR wollten wir, und die Stasi haben wir auch aufgelöst.“

Freunde der Familie

Angela Marquardt ist heute 30. Vor gut zwei Wochen hat ihr Fraktionschef Roland Claus das Stasi-Material über die heutige Bundestagsabgeordnete erhalten – und sie informiert. Bei diesen Unterlagen liegt die Verpflichtungserklärung, die Marquardt nun selbst „eine Art Schweigeverpflichtung“ nennt. Es gibt außerdem Berichte ihres Führungsoffiziers Jörg V., eines Freundes der Familie. Darunter ist ein Protokoll über einen Disput mit Angela, in dem es um ihre schlechten Leistungen in der Schule ging. In einem Aktenvermerk vom 8.September 1989 ist festgehalten, dass aus Marquardt eine „Perspektivagentin“ gemacht werden sollte – mit dem Auftrag, sie zu einem Theologiestudium zu überreden. Drei Wochen später hält das MfS schließlich fest, wie „IMS Katrin Brandt“ über die Bürgerbewegung „Neues Forum“ in ihrer Klasse erzählt, der 12b an der Erweiterten Oberschule in Greifswald. Angela Marquardt habe große Sympahie für das „Neue Forum“ gezeigt. Und sie soll erzählt haben, dass sie von noch einem wisse, der genauso denke; einem jungen Mann, der im Kernkraftwerk Greifswald arbeite. Über diesen jungen Mann soll sie berichtet haben, dass er eine Flucht über Ungarn in die Bundesrepublik geplant habe.

Es ist wie immer. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet“, steht in der Erklärung, mit der Angela Marquardt auf zwei Seiten zu den Stasi-Vorwürfen Stellung nimmt. „Bis dato“ habe sie nichts von ihrer inoffiziellen Tätigkeit für das MfS gewusst. Die Verpflichtungserklärung? „Mir war dies nicht mehr bekannt und insofern auch nicht der aufgeführte Deck, der in meinem Leben nie eine Rolle gespielt hat.“ Dass Angela Marquardt, als ihre Mutter im Sommer 1987 nach Frankfurt an der Oder zog, in Greifswald an den Wochenenden bei einem Stasi-Mann wohnte? „Erst nach der Wende erfuhr ich, dass auch er mit dem MfS zusammengearbeitet hat. Für mich war er ein väterlicher Freund.“

Alles die übliche Verdrängung einer Täterin? Die Spitzenleute der PDS möchten glauben machen, dass es nicht so ist. Zwei Mal hat die Bundestagsfraktion in den letzten Tagen über die Vorwürfe gegen die junge Abgeordnete diskutiert. „Völlig übersichtlich“ ist der Fall nun für Roland Claus, den Fraktionsvorsitzenden. Er sage das nicht deshalb, um „Beistand für jemanden“ zu leisten, „der einen Fehler gemacht hat“. Stattdessen gebe es „überhaupt keinen Grund, überhaupt einen Vorwurf zu erheben“.

Alle in der Fraktion würden das so sehen, sagt Claus. Und die Öffentlichkeitsarbeiter der PDS erklären, wie geradlinig und offen Angela Marquardt immer gewesen sei. Heimlichtuerei sei ihr fremd. „In Ruhe betrachten, Luft rausnehmen – und immer beachten, in welchem Alter das geschehen ist“, so schallt es aus der Parteizentrale. Und im Zweifel ist eben die Stasi schuld: „Es handelt sich um einen der besonders bizarren Fälle, wo ein Minderjähriger zum Objekt gemacht worden ist“, sagt Reiner Oschmann, der Sprecher der Bundestagsfraktion.

Dennoch lässt der Fall Fragen offen. Was Angela Marquardt während ihrer Zeit als Stasi-Informantin verriet, wann ihr eigentlicher IM-Vorlauf begann und wann ihre Stasi-Kontakte endeten, geht nur begrenzt aus den freigegebenen Unterlagen hervor. Denn die Aufzeichnungen, die sie selbst inzwischen auch eingesehen hat, beginnen erst im September 1989, nach ihrem 18. Geburtstag. Akten von Kindern darf die Stasiunterlagen-Behörde nicht veröffentlichen.

Weggefährten suchen nach Erklärungen. „Eine Form von psychologischer Verdrängung auch im Erinnern“, vermutet einer, der in den 90er Jahren mit Marquardt bei der PDS-Gruppe Junge Genossen zusammengearbeitet hat. „Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, wie man so was wegdrücken kann“, sagt er. „Aber ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, wo es so gewesen ist.“ Und wieder der Seitenhieb auf die Stasi: „Der Vorgang zeigt, was für ein perverses System das gewesen ist“, sagt der junge Genosse. Die Dresdner Bundestagsabgeordnete Christine Ostrowski meint dennoch: „Vielleicht hätte sich Angela nicht ganz so sehr zur Vorreiterin in der innerparteilichen Debatte zur Stasi-Aufarbeitung machen sollen.“ Marquardt hat sich ausdrücklich für den Parteitagsbeschluss eingesetzt, nach dem Bewerber für ein Abgeordnetenmandat ihre Biografie offen legen sollen. „Was mich stört, ist dieser Widerspruch“, sagt Ostrowski.

Doch für die PDS–Führung gibt es keine Alternative, als voll und ganz hinter der Abgeordneten zu stehen. Als Jung-Star hat Gregor Gysi sie aufgebaut. In der öden PDS-Welt, einmal als große Runde roter Mottenkugelmänner beschrieben, fiel sie auf mit ihren stachligen, bunten Haaren und ihrem offenen Wesen. Und sie wurde gebraucht, um die PDS als cool und geil zu verkaufen, so wie es 1998 auf den Plakaten zur Bundestagswahl stand. Die junge Genossin war wichtig. „Ja klar, werde ich von der PDS als Aushängeschild benutzt“, sagte sie selbst. „Aber ich benutze die Partei ja auch für meine politischen Ziele, für die Arbeit mit Autonomen und außerparlamentarischen Gruppierungen.“

Als Fraktions-Chef Gysi und Lothar Bisky, der Parteivorsitzende, im Herbst 2000 ihre Ämter abgaben, stänkerte Marquardt gegen die neue Spitze in Partei und Fraktion: „Das als Generationswechsel und Aufbruch zu verkaufen, das sind dann doch zu viel Vorschusslorbeeren.“ Angela Marquardt ist keine einfache Genossin, aber in der PDS hat sie noch viele Perspektiven. Der Partei soll sie treu bleiben.

Der Name aus dem „ND“

Zu ihrer Mutter Christine dagegen hat sie schon jahrelang keinen Kontakt mehr. Die will jetzt gutmachen, was noch gutzumachen ist. Auch sie hat eine Erklärung verfasst. „Unverantwortlich“ sei es gewesen, hat sie da hinein geschrieben, die Tochter, „fast noch ein Kind, so weit in unsere Tätigkeit einzubinden“ – dies obwohl sie doch im Kreise der Freunde und Verwandten, die für die Stasi arbeiteten, „gut aufgehoben“ gewesen sei.

Es ist wie immer. Nicht so einfach. Man könnte jetzt Geschichten wie die erzählen: dass die Eltern sich einen Sohn gewünscht haben und deshalb für das Mädchen, das ihnen im September 1971 geboren wurde, rasch einen Namen brauchten; dass die Mutter im Wochenbett im „Neuen Deutschland“ las und ausgerechnet darin einen gefunden hat – in einem Bericht über die amerikanische Kommunistin Angela Davis. Aber man könnte auch sagen, dass Angela einfach ein schöner Name ist. Und dass die Stasi zur Familie gehört hat, dass das Menschen waren, die nett zu Angela gewesen sind. Dass sie sehr jung war. Und dass sie sich später mit ihren Eltern überworfen hat.

„P.S.“, so heißt das Lied von 1986. Es geht so zu Ende: „Ich bin zu jung, um schwach zu sein/zu blind, um aufzugeben.“ Das Lied passt nicht. Wenigstens einmal im Leben, in einem entscheidenden Moment, ist Angela Marquardt es nun doch gewesen, schwach.

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