Vertikale Gärten : Wenn die Tomaten in die Luft gehen

Ich war im Buchladen, und was ich da gesehen habe, das können wir auch. Bei Dussmann in der Friedrichstraße hat ein französischer Künstler einen hängenden Garten errichtet, 18 Meter hoch, 15 Meter breit, stand gestern auch im Tagesspiegel, auf der Seite „Haus & Garten“.

von
Grafik: Tsp

Ich war elektrisiert. Das könnte die Lösung unseres Problems sein, die Erfüllung eines lang gehegten Traums: Ich werde mein eigenes Gemüse haben!

Unsere Scholle ist ja Schauplatz einer Auseinandersetzung, die bisher noch im Stillen geführt wird. Meine Frau tut viel dafür, unseren Garten in ein Blütenmeer zu verwandeln. Ich dagegen würde einen Nutzgarten favorisieren. Doch all meine guten Argumente – stell dir vor, die Krise verschärft sich, wir müssten nicht verhungern – verhallen ungehört. Und für beides, Blütenmeer und Ackerbau, ist unser Grund und Boden einfach nicht groß genug. Mir bliebe gar nichts anderes übrig, als sie unterzupflügen, die Hortensien, den Rasen und die Rosen. In dem Fall aber, so viel ist gewiss, würde unser eher stilles Ringen um die Gartenhoheit eskalieren.

Dann sah ich das Werk von Monsieur Blanc. 6600 Pflanzen hat er untergebracht. Gut, 18 Meter hoch, das wäre wohl das Doppelte von unserem Haus. Aber ich will ja auch kein Kornfeld in der Senkrechten. Und da traf es sich, dass wieder zu Hause mein Blick auf das Februarheft von „Gärtnern leicht gemacht“ fiel, eine der Zeitschriften meiner Frau. Ich vertiefte mich in „vertikaler Gemüseanbau“, ein großes Nutzpflanzen-Feature in selbiger Ausgabe.

Vertikale Gärten können zur Selbstversorgung beitragen, hieß es da euphorisch, und man muss sich bei der Arbeit noch nicht einmal bücken. Im Folgenden wurden Beispiele genannt, die sich für den senkrechten Anbau eignen: Tomaten, natürlich, der Klassiker, aber auch Auberginen, Bohnen, ja sogar Kiwi, Klettererdbeeren und Melonen. Bei Melonen hätte ich ja ein bisschen Angst, wenn die mir über den Kopf wachsen, aber Erdbeeren und Bohnen großartig.

Meine Frau stand meinem Projekt ausgesprochen wohlwollend gegenüber. Ich machte mich also flugs daran, Pläne zu entwerfen, darin bin ich gut. Man müsste natürlich irgendwo eine Wand errichten. Gespannte Drähte gingen auch, wären aber gefährlich, vor allem jetzt, wenn noch nichts dran wächst. Wie leicht könnte man auf dem Weg zum Schuppen in die Drahtfalle gehen. Und wir müssten über eine neue Verteilung unseres Wasserhaushaltes sprechen.

Monsieur Blanc hat seinen tropischen Senkrecht-Garten über einem 16 000-Liter-Bassin errichtet. Wir würden wohl um eine Wasserrationierung nicht herumkommen, sonst macht es keinen Sinn. Ich muss mit den Kindern sprechen. Zweimal am Tag duschen ist dann nicht mehr drin, der Rasen und die Rosen werden sich auch einschränken müssen. Aber es ist ja für einen guten Zweck.

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