Zeitung Heute : Vertont, verfilmt, verarmt

Im Oktober 1899 erschießt in St. Louis eine Prostituierte ihren Geliebten. Sänger wie Bob Dylan und Stevie Wonder machen „Frankie und Johnny“ zur Ballade des Jahrhunderts.

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Von Falko Hennig Der böse Schwarze, der „bad nigger“ ist in den USA eine sprichwörtliche Figur: Ob aus Filmen wie Tarantinos „Pulp Fiction“ oder aus dem wirklichen Leben, wo der Boxer Muhammad Ali genauso für den aufmüpfigen Afro-Amerikaner steht wie der radikale Politiker Malcolm X bis hin zu einer ganzen Musikrichtung, dem Gangsta-Rap mit seinen Stars Public Enemy, Snoop Dogg, Tupac Shakur und P. Diddy. Er ist einer, der sich wehrt, vor allem aber ist er männlich. Dabei war doch der Prototyp eine Frau.

Die Prostituierte Frankie Baker hatte so gar nichts vom angepassten Schwarzen, wie er als Onkel Tom im weißen Nordamerika des 19. Jahrhunderts populär geworden war, im Gegenteil. Erst gab Frankie 1899 ihrem Zuhälter Al alias Johnny die Kugel, und dann, als ihr Fall zur amerikanischen Ballade wurde, legte sie sich auch noch mit der Unterhaltungsindustrie an.

„Frankie und Johnnie“, die Geschichte des unglücklichen Paars, rührte Generationen, ist gewissermaßen die US-Version von Romeo und Julia. Man findet kaum einen namhaften US-Sänger des 20. Jahrhunderts, der nicht eine der ungefähr 1000 Versionen des Songs im Repertoire hatte. Mississippi John Hurt sang diesen Ur-Blues. In der Version von Louis Armstrong stößt Frankie beim Eisessen auf ihren untreuen Freund, der mit der Nebenbuhlerin durch einen Strohhalm trinkt. Bei Stevie Wonder sieht Frankie Johnny in einem Fenster „so high, high“, der Song ist reinster Soul mit vielen ohos und yeahs. Sam Cooke wurde wie der von ihm besungene Johnny erschossen.

Auch Weiße vergriffen sich an dem schwarzen Liedgut, die Schauspielerin Mae West machte das Lied zu ihrem Markenzeichen, bei Bob Dylan wird Frankie nach der Mordtat fromm, bei Elvis Presley findet der Mord auf der Bühne statt, Jerry Lee Lewis rockte und bei Johnny Cash wird statt gemordet nur geohrfeigt. Als erstaunlichste Musikdokumente seien die deutschen Interpretationen von Hildegard Knef („Lola und Jonny“) und Roland Heinrich („Frankie und Jenny“) genannt.

Kaum war der Tonfilm erfunden, erschien das Drama auch auf der Leinwand. Der blutjunge Cary Grant spielte an der Seite von Mae West 1933 die tragischen Ereignisse nicht ganz so tragisch nach. 1936 hatte eine Verfilmung mit Helen Morgan und Chester Morris Premiere, vor 40 Jahren eine andere mit Donna Douglas und Elvis Presley und 1992 die New Yorker Version mit Michelle Pfeiffer und Al Pacino. Gemeinsam ist allen Verfilmungen, dass Weiße das Paar spielen. Schwarze waren als kommerzielle Zielgruppe nicht von Interesse, im Kino tauchten sie lange nur als augenrollende Clowns auf. Die Handlung entfernte sich über die Jahrzehnte immer weiter vom Original.

Meisterregisseur John Huston unternahm als Erster eine umfangreiche Recherche zu den wahren Hintergründen des Songs. Schließlich haben auch Schriftsteller über Frankie und ihr Unglück gearbeitet. William Faulkners Version, in den 40er Jahren geschrieben, erschien 1978, und Carson McCullers beschrieb „Das Mädchen Frankie“ 1946.

Es war eine Gewalttat im Halbweltmilieu, die für die amerikanische Kunst zum großen Thema wurde. Der Johnny des Liedes hieß in Wirklichkeit Allen Britt, genannt Al oder Albert. Dementsprechend lautete die Ur-Version des Songs „Frankie and Albert“. Frankie Baker war vermutlich Anfang 20, als sie Al kennenlernte. Er war 15 und, nach Aussage von verschiedenen Zeitzeugen, ein begnadeter Ragtime-Pianist. Frankie Baker war in St. Louis, wahrscheinlich 1876 in der Zeit der „Reconstruction“ geboren worden, als nach dem amerikanischen Bürgerkrieg die abgespaltenen Südstaaten wieder in die Union eingebunden wurden. Sicher ist, dass sie älter als ihr Liebhaber war. Jedenfalls zogen Frankie und Albert zusammen in die Targee Street in St. Louis.

Es war das Stadtviertel der Spielkasinos und Bordelle, und Frankie Baker war Afro-Amerikanerin. Sie zog sich extravagant an und beeindruckte im purpurroten Kleid und mit riesigen Diamanten an den Ohren. Als Frankie 1899 aktenkundig wurde, war sie schon eine Berühmtheit, die durch ihre Großzügigkeit genauso auffiel wie durch ihr attraktives Aussehen und ihren Stolz. Sie war eine Königin in ihrem Milieu. Und sie war eine Hure und Allen ihr Zuhälter.

New Orleans hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seine maquereau, eine farbige Elite, die ihr Einkommen aus der Schwäche der Weißen für schwarze Mädchen bezog. Nun wurde St. Louis zum neuen Sündenpfuhl. Bordelle und Spielcasinos öffneten zwischen 12. Straße, Carr-, Targee- und Pine Street. Schießereien um Nichtigkeiten waren dort Alltag, und es gehörte auch dazu, dass sie sofort in Liedern in den Bars und auf den Straßen besungen wurden. Aber kein Song wurde so berühmt wie „Frankie and Johnny“ alias Albert.

Durch Zeitungsartikel und Gerichtsakten sind die Ereignisse relativ gut dokumentiert. In der Nacht zu Sonntag, dem 15. Oktober 1899, gab Al ein Tanz-Konzert auf einer Party. Al trank und spielte auf dem Klavier, wie immer. Noch ein Menschenleben später wird sich Frankie erinnern: „Der Junge konnte spielen!“ Sie suchte und überraschte Al im Korridor des Phoenix Hotels, wo er mit der 18-jährigen Prostituierten Alice Pryar flirtete. Sie forderte ihn auf, herauszukommen, es begann eine lautstarke Auseinandersetzung. Ein Menschenauflauf bildete sich und genoss das Spektakel. Al weigerte sich, mit ihr nach Hause zu gehen.

So betrat Frankie allein ihre Wohnung Targee Street 212. Sie untersuchte ihr Gesicht im Spiegel. Ein Auge war vereitert, eine Folge von Al’s Schlägen vor ein paar Nächten, als er sie erbarmungslos verprügelt hatte. Frankie Baker legte sich ins Bett und versuchte vergeblich, einzuschlafen.

Es war drei Uhr am Sonntagmorgen, als Al dort erschien. Er fand Frankie vor, die ihn erwartete. Sie stritten sich weiter, während er zu Bett ging. „Was ist los mit dir, Al?“ Der schrie zurück: „Was zur Hölle machst Du in diesem Bett?“ Er nahm die Hand in seine Tasche, hatte plötzlich ein Messer und ging um ihr Bett herum. Zwei Mal stach er auf sie ein. Frankie schrie: „Ich bin der Boss hier, ich zahle Miete .“ Dann steckte sie ihre Hand unter das Kissen, wo ein Gewehr lag und drückte ab. „Ich hab nur einmal geschossen, immer noch im Bett liegend“, sagte sie später aus.

Al schaffte es trotz seiner Verletzung, auf die Straße zu kommen und sich bis zum Haus seiner Eltern in derselben Straße zu schleppen. Seine Mutter hörte ihn rufen. Sie fand ihn im Pyjama auf der Eingangstreppe liegend und begann zu schreien: „Frankie hat Al erschossen!“ Innerhalb weniger Minuten wusste es die ganze Nachbarschaft.

Noch in derselben Nacht schrieb Bill Dooley, ein Bar-Sänger, die Ballade „Frankie Killed Allen“. Doch Al Britt lebte noch, lag schwer verletzt im Krankenhaus. Frankie wurde von der Polizei dorthin gebracht, damit Al sie identifizieren könne. Sie blieb dabei, dass sie sich selbst hatte verteidigen müssen.

Al’s Todeskampf dauerte vier Tage, dann trugen sie ihn zu Grabe. Frankie saß derweil im Gefängnis. Die Untersuchungskommission kam einen Monat später zu dem Schluss, dass die Tötung in Notwehr erfolgte. Der Richter ließ ihr sogar das Gewehr zurückgeben. „Weiß nicht mehr, was ich damit gemacht habe. Habe es wohl versetzt oder weggegeben. Jeder trug damals ein Gewehr. Schätze, ich war nicht sehr schuldig, wenn der Richter mir mein Gewehr zurückgab, oder?“, kommentierte sie später die Ereignisse.

Frankie Baker blieb noch für ein Jahr in St. Louis. Zwei Monate nach Al’s Tod hörte sie die Ballade zum ersten Mal. Immer wenn sie die Straße entlangging, begannen die Leute sie zu singen. Sie fühlte sich von dem Lied regelrecht verfolgt, flüchtete nach Omaha, Nebraska. Aber auch dort kam sie nicht zur Ruhe, weil der Song schon angekommen war. Sie ging weiter nach Portland, Oregon, die Ballade erklang überall.

„Johnny“ statt „Allen“ tauchte zuerst in einer weit verbreiteten Komposition von den Leighton Brothers und Ren Shields auf, die 1912 veröffentlicht wurde. Offenbar war ihnen Allen zu behäbig. Frankies Name blieb: „Frankie and Johnny“ sang jeder Straßensänger und es tönte aus jedem Grammophon.

Frankie arbeitete im Norden der Stadt als Prostituierte und kam einige Male ins Gefängnis. 1925 eröffnete sie ihren eigenen Schuhputzsalon,später arbeitete sie als Zimmermädchen im Royal Palm Hotel. Als 1933 bei Republic Pictures der Film „She Done Him Wrong“ mit Mae West und Cary Grant herauskam, wurde Frankies Geschichte einem noch größeren Publikum bekannt gemacht. Dazu Frankie: „Als der Mae-West-Film in die Stadt kam, versammelten sich Männer und Frauen vor meinem Salon und zeigten auf mich.“

Manche kamen herein und ließen sich die Schuhe putzen, andere fragten, ob sie die Frau aus St. Louis sei und stellten ihr dumme Fragen. Frankie hatte es über und verweigerte Antworten. Doch selbst Autogramm-Sammler belästigten sie, meistens in Briefen. „Manche legen Geld mit hinein, die sind natürlich nicht so schlimm.“ Gegenüber Reportern bestand sie darauf, dass sie einfach nur Frieden wolle: „Ich weiß, dass ich schwarz bin, aber ich habe trotzdem meine Rechte.“

Im April 1938 verklagte Frankie Baker Republic Pictures für erlittene Schäden auf 200 000 Dollar Schadenersatz. Der Prozess fand in St. Louis statt, die fast 66-jährige Frankie kehrte zurück, und sie war noch witziger als Mae West. Für die Filmgesellschaft Republic waren die Anwälte bestrebt, nachzuweisen, dass jenes Lied sich nicht auf den Frankie-Baker-Vorfall beziehe, und sie bemühten sich um den Nachweis, dass der Song schon vor 1899 existiert habe.

Mit Sigmund Spaeth beriefen sie eine Autorität für volkstümliche Balladen und Lieder als Sachverständigen. Noch 1927, 15 Jahre zuvor, hatte Spaeth in einem Buch festgestellt, dass „Frankie and Johnny“ auf der Frankie-Baker-Schießerei beruhte. Jetzt aber, nachdem sein Gutachten mit 2000 Dollar bezahlt worden war, revidierte er sich und behauptete, der Song sei gar nicht in St. Louis entstanden und Frankie Baker habe seine Entstehung nicht inspiriert.

Der Jury wurde der Film mit Mae West und Cary Grant gezeigt, aber da alle Figuren Weiße waren, konnten die weißen Juroren nicht erkennen, wie diese nach Frankies Leben gezeichnet sein sollten. Der Anwalt der Gegenpartei führte aus: „Frankie Baker will sich zu ihrem persönlichen Nutzen eine der schönsten Balladen der amerikanischen Geschichte aneignen. Wenn Sie ihr Recht geben, kann sie jeden verklagen, der jemals dieses Lied gesungen hat. Schicken Sie sie zurück nach Portland in Oregon in ihren Schuhputzsalon, das ist ein ehrliches Geschäft: For an honest shine, let her have an honest dime, für einen ehrlichen Glanz einen ehrlichen Groschen. Machen Sie sie nicht zu einer reichen Frau, weil sie vor 40 Jahren hier in St. Louis einen kleinen Jungen erschossen hat.“

Während Republic ausschließlich weiße Anwälte und Zeugen aufbot, waren die von Frankie Baker allesamt schwarz. Auch die Jury der zwölf Geschworenen war komplett weiß und so ist das Urteil des Prozesses nicht sonderlich überraschend. Frankie verlor.

1936 brachte Republic einen anderen Film unter dem Titel „Frankie and Johnny“ mit Helen Morgan in die Kinos, Frankie klagte und verlor 1942 noch mal.

Zurück in Portland wurde die echte Frankie Baker dagegen zum lebenslangen Sozialfall und in den 1950er Jahren in die Psychiatrie eingewiesen. In geistiger Umnachtung erzählte sie, dass sie vor 100 Jahren nach Portland gekommen sei. Es war offensichtlich, dass sie den Verstand verloren hatte, nur das eine Ereignis, das alles in ihrem Leben verändert hatte, war ihr noch sehr bewusst: „Ich habe damals 1899 meinen Liebhaber in St. Louis erschossen.“

Aber obwohl in den Verfilmungen immer Weiße das tragische Paar spielen, lebte der Song und sein Phänotyp des bösen Schwarzen bei den Afro-Amerikanern fort. Musikforscher wie der amerikanische Professor Cecil Brown sind sich einig: Mit Songs wie „Frankie and Johnny“ wurde ein neuer Held in der schwarzen Mythologie etabliert. Es ging von nun an nicht mehr um den gutmütigen Onkel Tom, der sich von den Weißen drangsalieren ließ und dazu noch von einer weißen Schriftstellerin, Harriet Beecher-Stowe, erfunden wurde. Die Nachkommen der Sklaven bevorzugten von jetzt an neue Helden, solche wie Frankie eben. Die bösen Schwarzen, die „bad nigger“, wurden zu Idolen. Ihre Beispiele dienten nicht nur in Musik und Filmen als Vorbilder, auch politische Organisationen wie die Black Panther bezogen sich ausdrücklich auf sie.

Sieht man heute Videoclips des Gangsta-Rap mit ihren mit Goldkettchen behangenen Macho-Helden, bei denen Frauen nur Dekoration sind, sollte man sich erinnern, dass nicht ein Mann, sondern eine Frau Ahnin all dieser coolen „bad motherfucker“ ist.

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