Zeitung Heute : Vertrautheit genießen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Mit den Lebensgewohnheiten haben sich auch die Vertrautheitsgewohnheiten geändert. Als die Menschen in der Regel noch in ihren Dörfern und Städten blieben, war es für diejenigen, die fortzogen, meist ein Abschied für immer. Auswandern nach Australien oder Amerika bedeutete vor 100 Jahren noch, dass man seine Heimat, Freunde und Verwandten wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Man wurde sich fremd, gierte dabei nach Lebenszeichen und Bildern, weil man keine Ahnung hatte, wie sich die Lieben in der alten Heimat entwickelten. Und je weniger Möglichkeiten man hatte, sich über das Leben daheim zu informieren, desto heftiger wurde das Verlangen danach. Die Briefe eines Urgroßonkels, den es einst nach Südafrika verschlagen hat, geben Zeugnis, wie schmerzlich Heimweh sein kann.

An die musste ich denken, als ich kürzlich sonntags einen alten Freund, der unbedingt ein Flugzeug erwischen musste, mit einem Anruf geweckt habe. Der Zeitunterschied zwischen meiner und seiner Wohnung betrug acht Stunden. Ich erwähnte, dass ich gegen Mittag noch immer beim Frühstück saß, er war für Neid aber noch zu verschlafen.

Wer heute wegzieht, kann, wenn er ein einigermaßen ordentliches Einkommen hat, jederzeit zurückkommen. Kontakt auch für banale, alltägliche Dinge wie Weckrufe ist jederzeit möglich. Zum Geburtstag oder zu Weihnachten kann man sich ohne weiteres besuchen. Das Königskindersyndrom betraf lange Partner, die in verschiedenen Städten leben. Inzwischen setzt sich auch die transkontinentale Beziehung langsam durch. Sowieso gibt es im Showgeschäft, das in diesen Dingen gern den Takt angibt, immer wieder Leute, die auf dem einen Kontinent wohnen und auf dem anderen arbeiten.

All dies bringt es mit sich, dass auch ganz normale Leute, die einigermaßen flexibel sind, ihre Vertrautheitsgewohnheiten ändern müssen. Früher sah man sich, wo nicht täglich bei der Arbeit, doch mindestens immer wieder sonntags in der Kirche, beim Frühschoppen oder an der Kaffeetafel. Heute sieht man sich periodenweise tagelang hintereinander und dann auch mal fünf Jahre lang gar nicht. Der Grund ist übrigens meistens nicht räumliche Distanz, sondern die allgemeine Zeitnot.

Wer nach so langer Zeit auf Anhieb wieder dort anknüpft, wo der letzte Austausch aufgehört hat, kann sicher sein, in einer wirklich guten Freundschaft aufgehoben zu sein. Sowieso gibt es immer weniger Menschen, die den Luxus von Regelmäßigkeiten genießen. Sonntagabends gehe sie immer mit ihren Freundinnen zum Sport, sagte mir kürzlich eine junge Frau. Mein Mund stand offen vor Neid. Sich an einem bestimmten Tag in der Woche immer wieder das Gleiche vornehmen zu können, so oft die Freunde zu treffen, klingt in diesen Zeiten schon sehr luxuriös.

Aber letztlich fehlt dann doch das Allertollste. Nach Jahren einer Odyssee ganz lässig einen Raum zu betreten und mit einem alten Freund zu reden, als sei man nie weg gewesen, habe all die Fremden gar nicht getroffen, als könne passieren was wolle, mit den Menschen und mit den Zeiten: Der eine Anker, an dem man sich wiedererkennt, bleibt immer bestehen. Das sind Momente reinen Glücks.

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