Zeitung Heute : Vertreibung aus dem Leuchtturm

Die Berlinische Galerie verläßt den Martin-Gropius-Bau.Die Frage ist, ob und wann sie zurückkehren wirdDie Journalisten geben sich bei Jörn Merkert die Klinken in die Hand, im Erdgeschoß des Martin-Gropius-Baues läuft ein Faxgerät auf höchsten Touren, ständig klingelt das Telefon.Jedem, der auch nur eventuell Hilfe leisten könnte, wird umgehend Material und Protestschreiben zugesandt: Die Berlinische Galerie räumt ab Montag ihre Säle.Wieder einmal heißt es für die Gemälde und Skulpturen: Ab ins Depot.An sich kein neuer Zustand.Wie viele vor ihr fordert nun eben die große Ausstellung über die Kunst des 20.Jahrhunderts von Christos Joachimides ab März den Raum der Berlinischen Galerie. Dennoch gibt es seit einigen Wochen lautes Geschrei in der Kulturszene.Von "Schließung" ist die Rede und von "Skandal".Denn diesmal fürchten viele mit Direktor Merkert und seinem Förderverein, daß dem Auszug auf lange Sicht kein neuer Einzug folgen wird.So wandte sich der Galerist Florian Karsch-Nierendorf in einem "Offenen Brief" an den Senat, in dem er verhüllt mit dem Rücktritt von seinem Nachlaßversprechen drohte.Denn für 1998 ist die Sanierung des Martin-Gropius-Baues annonciert, 1999 will der Bund seinen fünfzigsten Geburtstag mit einer Ausstellung "Einigkeit und Recht und Freiheit" feiern, für 2000 ist eine Millenniums-Ausstellung geplant, auch für 2001 sind Projekte von dem einstigen Galeristen Rudolf Zwirner vorbereitet.Zudem soll der Martin-Gropius-Bau nach dem Willen des Senats als Ausstellungszentrum nach dem Vorbild des Pariser Grand Palais zu einem weiteren "Leuchtturm" werden. Um also der langfristig in jedem Fall drohenden Heimatlosigkeit und dem für die Kunstwerke gefährlichen, nicht zuletzt auch teuren ständigen Ein- und Auspacken zu entgehen, haben Merkert und der Förderverein einen Alternativplan vorgelegt.Nicht die Lagerung, sondern der seit Jahren diskutierte Umzug in ein eigenes Haus soll endlich vorankommen.Als idealer neuer Standort - Kultursenator, Galeriedirektion und Förderverein sowie die Feuilletons stimmen hier einmal überein - ist das ehemalige Postfuhramt an der Oranienburger Straße auserkoren, mitten in der Spandauer Vorstadt, nahe der Museumsinsel. 1881 nach Plänen Carl Schwatlows fertiggestellt, ist das Gebäude, der renommierten Forscherin Eva Börsch-Supan folgend, "durch seine überaus reiche, scharf ausgeformte und auch im Detail noch sehr qualitätvolle Terracotta-Ornamentik repräsentativ wie bis dahin kein Berliner Behördenbau".Ohne den Keller stünden etwa 10 000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung, derzeit nutzt die Galerie etwa 14 000.Der damalige Referent für die städtischen Sammlungen beim Kultursenator, Rainer Güntzer, brachte den Bau vor vier Jahren erstmals ins Gespräch für die Berlinische Galerie.Im Hauptstadt- und Olympiafieber schien die Gelegenheit günstig, der Berlinischen Galerie ein ständiges Quartier zu besorgen, große Pläne für Totalumbauten wurden gehegt, bis zu 150 Millionen Mark als Kosten in den Gerüchteumlauf gesetzt. Im Alternativplan ist davon keine Rede mehr.Die Tugenden der Trümmerfrauen und das Pathos der Nachkriegszeit werden dafür beschworen."Ein halbes Jahr brauchen wir, Engagement und viele Töpfe weißer Farbe." Alles andere kann dann nach Merkerts Vorstellung nach und nach saniert und repariert werden.Vorrangig wäre nur der Einbau eines großen Lastenfahrstuhls für die Kunstwerke und die provisorische Behindertenerschließung.In den vergangenen Jahrzehnten wurden zwar die einstigen Kontore immer mehr verbaut, doch Merkert hofft, daß diese statisch unwichtigen Einbauten relativ leicht zu entfernen sind. Finanziert werden soll der provisorische Ausbau des einstigen Postbüros, der großen Turnhalle - einziger Raum mit ausreichender Deckenhöhe für größere Kunstwerke - und der für Wechselausstellungen gedachten Garagen auf dem Hof mit den Geldern, die bisher für die Lagerung der Kunstwerke gedacht sind.Außerdem fordert der Förderverein acht bis neun Millionen Mark als Anschubfinanzierung, die zusammen mit privaten Spenden fürs erste Nötige ausreichen sollen.Aufgebracht werden soll das Geld vom Senat, aber auch vom Bund, der mit seinen Umbauplänen für den Martin-Gropius-Bau Auslöser des Auszugs ist. Zentrales Problem jedoch ist: Das Postfuhramt gehört immer noch der Post, nicht dem Land Berlin.Lange wollte die Post einen Grundstückstausch, um ihr neues Briefverteilungszentrum bauen zu können.Doch reagierte die Stadt nicht schnell genug: Schließlich kaufte die Post bei der Bahn, zu marktüblichen Konditionen natürlich.Jetzt braucht sie ihr Geld wieder.Für die Postler ist das Fuhramt vor allem ein Bürobau in bester Innenstadtlage.Wenn Berlin wirklich das Haus haben will, muß die Stadt also entweder noch attraktivere Tauschgrundstücke anbieten - oder zahlen.Zwischen 30 und 55 Millionen Mark sind als Summen bereits genannt, die beteiligten Verwaltungen halten sich zwar mit Informationen zurück, bestätigen aber zumindest den Rahmen.Der umfaßt etwa das Marktübliche für ein saniertes Bürogebäude in dieser Lage.Allerdings: das Postfuhramt ist nicht saniert, und ein modernes Bürogebäude ist es schon gar nicht.Hier öffnet sich der Verhandlungsspielraum, zudem bisher ein privater Investor, der ebenfalls Interesse an dem denkmalgeschützten Gebäude mit seinem ungünstigen Verhältnis zwischen Baumasse und Nutzraum hat, offensichtlich nicht aufgetaucht ist. Es wird also weiter verhandelt, allerdings verhalten: In die mittelfristige Investitionsplanung des Landes Berlin wurden erst einmal keine Gelder für den Ankauf oder für den Ausbau eingestellt.Frau Fugmann-Heesing ist hart.Die Finanzverwaltung wartet auf ein neues Nutzungs- und Finanzierungskonzept der Kulturverwaltung.Deren Sprecher Wallrabenstein wehrt sich: "Die haben es vergeigt, und wollen sich jetzt aus der Verantwortung stehlen." Dennoch sieht er den bevorstehenden Auszug nicht als Grund zur Besorgnis, eher scheint ihm der Ruf Merkerts und seiner Freund Panikmache:
das Rein und Raus der Berlinischen Galerie je nach Platzforderungen anderer Aussteller im Martin-Gropius-Bau durchaus noch auf längere Zeit prolongiert werden.Für die Sanierungszeit 1998 sei ohnehin eine große Ausstellung der Berlinischen Galerie in Bonn geplant.Die Stimmung ist gereizt, zudem sich hinter Radunski inzwischen die CDU und Landowsky gestellt haben.

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