Zeitung Heute : Verwischte Spuren

Die Schüler zurück, das Gymnasium renoviert. Doch der Amoklauf von Erfurt ist immer noch nicht vollends aufgeklärt. Und es gibt neue Indizien: Waren es etwa doch mehrere Täter?

Uwe Soukup[Erfurt]

Glas, Licht, überschaubare Fluchten: Leicht, hell und aufgeräumt soll das bald 100 Jahre alte Schulhaus nach der „Generalsanierung Gutenberg-Gymnasium“, so das Baustellenschild vor der Schule, wirken. Die zu DDR-Zeiten in die breiten Flure eingebauten Klassenzimmer sind verschwunden, eine moderne Sporthalle gibt es jetzt, sie befindet sich unter dem Schulhof, und unter dem neuen breiten Haupteingang ist eine Aula entstanden. Es ist grau und regnerisch am Donnerstagmorgen in Erfurt, am ersten Schultag seit jenem 26. April 2002, als ein 19-jähriger ehemaliger Schüler 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss. Schon in der Woche vor den Sommerferien hatte es eine Projektwoche im alten, neuen Schulhaus gegeben – die vorsichtige Rückkehr in die Normalität.

Die juristische Aufarbeitung des Falles ist schon länger abgeschlossen, die Ermittlungen sind eingestellt. Auch die Strafanzeigen von Angehörigen mehrerer Opfer wegen unterlassener Hilfeleistung und Strafvereitelung im Amt haben nicht zu Strafverfahren geführt. Und da so schnell Gewissheit über die Alleintäterschaft des von der Gutenbergschule verwiesenen Schülers Robert Steinhäuser herrschte, der sich jedoch, wie alle zu wissen meinen, nach vollbrachter Tat selbst richtete, gab es von Beginn an wenig Grund für beweissichernde Ermittlungen.

Doch Fragen bleiben. Was in der Erfurter Schule geschah, sollte, so darf man annehmen, der zuständigen Staatsanwaltschaft das Letzte abverlangen: Kein Detail darf in so einem Fall unaufgeklärt, keine Frage unbeantwortet bleiben. Der Erfurter Staatsanwaltschaft aber, so hat man den Eindruck, wurde von der Mordserie, die das ganze Land erschütterte und Erfurt in die Weltnachrichten brachte, nur das nahende Wochenende verhagelt. Kein Staatsanwalt wurde für Ermittlungen freigestellt, ganz zu schweigen von einer Ermittlungsgruppe, die sich ausschließlich mit dem größten Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik befasst hätte.

So ging die Verantwortung für die Aufklärung des Geschehens an die Thüringer Landesregierung über, der es jedoch nicht gelang, hieb- und stichfest zu erklären, was sich an jenem Freitag in der Gutenbergschule zugetragen hat. Zunächst präsentierte der damalige Thüringer Innenminister Christian Köckert im Juni 2002 einen hastig erstellten „Vorläufigen Abschlußbericht“, der sich über weite Strecken als Rechtfertigung eigenen Handelns liest, obwohl es bis dahin nur wenig Kritik am Verhalten der Einsatzkräfte gegeben hatte. Wohl nicht ohne Bedacht wurde die Pressekonferenz zeitgleich zur Übertragung des Fußball-WM-Halbfinalspiels Deutschland gegen Südkorea terminiert. Als der Innenminister endlich die Landespressekonferenz verlassen hatte, stürzten sich etliche der versammelten Journalisten auf einen Fernsehapparat und suchten vergeblich nach dem Sender, der das Fußballspiel übertrug. Deutschland – und Köckert – gewannen 1:0.

Dieser Bericht wäre bis heute das letzte Wort in der Angelegenheit geblieben, wenn nicht zwei Jahre später ein Buch der Berliner Autorin Ines Geipel („Für heute reicht’s. Amok in Erfurt“) die Landesregierung zum Handeln gezwungen hätte. So entstand der nächste, umfangreichere und bisher letzte Versuch einer Schilderung des Tatablaufs, der fast 400 Seiten starke Bericht der „Kommission Gutenberg-Gymnasium“. Aber das bei seiner Ankündigung durch die Landesregierung noch als „unabhängig“ bezeichnete Gremium entpuppte sich schnell als eine von ihr selbst zusammengestellte Kommission – unter Vorsitz des damaligen Justiz- und heutigen Innenministers Karl Heinz Gasser (CDU). Sie entbehrte von vornherein jeglicher staatsanwaltschaftlicher Ermittlungskompetenz. Wer ihr nicht Rede und Antwort stehen wollte oder sie an der Nase herumzuführen gedachte, konnte dies ungestraft tun. Um das Thema innerhalb weniger Wochen vom Tisch zu bekommen, arbeitete man Tag und Nacht.

Größte Mühe verwendete die Kommission darauf, plausibel zu machen, wie Robert Steinhäuser es geschafft haben könnte, die Mordtat allein auszuführen. In mehreren Probeläufen durch das leere, staubige und teilweise bereits umgebaute Schulgebäude versuchte die Kommission zu beweisen, dass ein einzelner Täter in der Zeitspanne von etwa zehn Minuten dermaßen lange und verworrene Wege durch das Schulhaus zurücklegen konnte, wie Steinhäuser es getan haben soll.

Doch ging die Kommission bei ihren Untersuchungen im leeren Schulhaus von einer wohl falschen Annahme aus: Der Täter hatte wahrscheinlich viel weniger Zeit als angenommen. Zwar soll die Direktorin der Gutenbergschule, Christiane Alt, bei einer Vernehmung am 30. April 2002 angegeben haben, dass sie die ersten Schüsse, denen die Schulsekretärin und die stellvertretende Schulleiterin zum Opfer fielen, um 10 Uhr 59 vernommen hatte, doch am Abend davor legte sich die Schuldirektorin in der Fernsehsendung „Erfurter Gespräch“ für den Beginn des Mordens auf einen Zeitpunkt nach 11 Uhr fest: „Seit dem Freitag, 11 Uhr, zwei oder fünf Minuten sei dahingestellt, ist keine Ruhe mehr, weder in dieser Schule noch in den Menschen, die mit ihr etwas zu tun haben.“ Mit dieser bedacht formulierten, freiwillig geäußerten und darum glaubwürdigen Aussage, die auch vom Zeitpunkt der ersten eingegangenen Notrufe bestätigt wird, verkürzt sich die Zeitspanne, die der Täter zur Verfügung hatte, um drei, äußerstenfalls sogar um sechs Minuten. Die Gasser-Kommission hat diese Aussage nicht ernst oder nicht zur Kenntnis genommen. Ein einzelner Täter kann in dieser Zeit unmöglich geschafft haben, was die Juristen mit der Stoppuhr zu beweisen versuchten.

Auch andere Details des Amoklaufs und Berichte darüber verbieten es, von nur einem Täter auszugehen. Da aber alle Schüsse aus einer Waffe abgegeben worden sind, könne es nur einen Täter geben, so die Kommission. So wird die Frage, ob tatsächlich bewiesen ist, dass es nur eine Tatwaffe gibt, zur entscheidenden.

Diese Frage müsste sich leicht beantworten lassen: Wie jeder Krimi-Leser oder „Tatort“-Zuschauer weiß, hinterlässt jede Waffe auf dem abgefeuerten Projektil unverkennbare Spuren, unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Zwar kann nicht immer jedes an einem Tatort aufgefundene Geschoss einer bestimmten Waffe zugeordnet werden, weil es sich beim Aufprall auf härteres Material zu stark verformt haben kann. Dies ist aber nur bei zehn, maximal 20 Prozent aller Projektile der Fall. Das Gutachten des Bundeskriminalamtes die Tat in Erfurt betreffend stellt jedoch fest, dass sämtliche dem BKA übergebenen 62 Projektile (zehn Geschosse waren unauffindbar) für eine Untersuchung nicht geeignet waren. Dies bedeutet, dass die übliche Zahl der für die Identifikation einer Tatwaffe unbrauchbaren Projektile, also zehn bis 20 Prozent, in diesem Fall auf erstaunliche 100 Prozent hochgeschnellt ist.

Trotzdem geht die Kommission davon aus, dass alle Schüsse aus ein und derselben Waffe stammen. Da nicht mit den Waffenspuren auf den Projektilen argumentiert werden kann, weil es diese Spuren unverständlicherweise nicht gibt, stützt sich die Kommission auf die Patronenhülsen als Hilfsbeweis für die Behauptung, dass an jenem Freitag in Erfurt alle Schüsse – bis auf den Schuss aus der Waffe des Polizeibeamten E. – aus ein und derselben Waffe abgefeuert wurden.

Auch auf der Patronenhülse werden durch Laden und Auswerfen Kratzspuren erzeugt, die später einer bestimmten Waffe und einem bestimmten Magazin zugeordnet werden können. Nur über diese Hülsen sah sich das BKA-Gutachten in der Lage, eine Aussage zu treffen. Genau genommen steht also nur fest, dass Patronenhülsen untersucht wurden, von denen mit Sicherheit nur gesagt werden kann, dass sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt in der Waffe und auch in den Magazinen befunden haben, die Steinhäuser gehört haben sollen, mehr nicht. Weder auf den Waffen noch auf den Magazinen oder Patronenhülsen waren Fingerabdrücke.

Man könnte sich mit diesem Hilfsbeweis zufrieden geben, wäre da nicht diese Auffälligkeit der fehlenden Waffenspuren auf sämtlichen Geschossen. Jeder „Tatort“-Kommissar würde an dieser Stelle stutzig werden, im kriminaltechnischen Labor anrufen und fragen, ob vielleicht in der vergangenen Nacht zu lange gefeiert worden war. 62 Geschosse ohne jede verwertbare Spur: ein Ding der Unmöglichkeit. Die Kommission, der kein einziger Kriminalist angehörte, geht auf diesen nicht erklärbaren Schwachpunkt des Gutachtens mit keiner Silbe ein.

Stattdessen folgt, was man wohl eine rhetorische Beweisführung nennen muss: Es gebe „keinerlei Hinweise darauf, dass… weitere Waffen am Tatort Gutenberg-Gymnasium verwendet wurden“. Somit stehe „zwingend fest, dass zur Tatbegehung… keine andere Waffe eingesetzt worden ist“. Aber sieht so eine über jeden Zweifel erhabene Beweisführung aus? Man sucht in dem Bericht auch vergeblich eine Aussage über Schmauchspuren an den Händen und an der Kleidung des 19-jährigen Massenmörders, und es stimmt auch nicht froher, wenn man hört, dass die einzigen harten Beweisstücke, eben die Projektile, bereits vor über zwei Jahren vernichtet worden sein sollen.

Unklar im Fall Gutenberg ist selbst die Zahl der Opfer. Über viele Stunden war an jenem Freitag von 18 Toten die Rede. Diese Zahl fand sich auch anderntags in den Zeitungen wieder. Sonnabendmorgen hieß es dann, es habe „nur“ 17 Tote gegeben. Der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel erklärte auf einer Pressekonferenz: „Zwei schwerverletzte Lehrerinnen, die abtransportiert und in ein Krankenhaus gebracht worden sind, sind nach dem Augenschein der vor Ort Anwesenden als nicht mehr rettbar betrachtet worden und als tot in die Liste aufgenommen worden. Gott sei Dank hat eine von beiden im Krankenhaus überlebt.“

Aber: Es gab – mit der Ausnahme eines vergleichsweise harmlosen Steckschusses in der Wade einer Schülerin – keine Verletzten, die das Massaker überlebt haben. Alle Angeschossenen sind ihren Verletzungen erlegen. Es wurde auch keine schwer verletzte Person in ein Krankenhaus eingeliefert. Man könnte diese unzutreffende Aussage Vogels, die in dem Durcheinander dieser Tage niemandem auffiel, als den chaotischen Umständen geschuldet abtun. Doch es ist zu befürchten, dass der Fall ernster liegt.

Es liegt dem Tagesspiegel eine Kopie des Protokolls der kriminalpolizeilichen Aussage eines Rettungssanitäters vor, aus der hervorgeht, dass eine Leiche oberhalb des dritten Stockwerks der Schule gefunden worden ist. Auch mehrere Zeugen, die nicht namentlich genannt werden können, beschreiben unabhängig voneinander den Fundort einer Leiche, der in allen Medienberichten und in den offiziellen Verlautbarungen nicht vorkommt.

Diese Leiche an diesem Ort – im Dachgeschoss, möglicherweise aber auch einige Stufen tiefer, auf einem Treppenabsatz zwischen der dritten Etage und dem Dachgeschoss – gibt es offiziell nicht, und niemand weiß, um wen es sich dabei handelt. Bei den erwähnten Zeugen handelt es sich um Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit kurz nach der Tat in der Gutenbergschule eintrafen. Sie können nicht zitiert werden. Sie sagen, auf sie werde Druck ausgeübt. Sie haben Angst.

Um wen kann es sich bei dieser Toten handeln? Nach den Aussagen ist es eine junge Frau, etwa 25 Jahre alt. Sie kann nicht zu den Lehrern gehört oder irgendeine andere Funktion in der Schule innegehabt haben; dann wäre sie vermisst worden. Warum hielt sich diese Frau in der Schule auf? Hat sie etwas mit der Ausführung der Tat zu tun? Warum darf es diese Tote nicht geben? Was ist mit ihrem Leichnam geschehen?

Um die Kritik am Rettungseinsatz und an den desinteressiert wirkenden Ermittlungen zu zerstreuen, griff die Kommission tief in die Trickkiste:

- Zwar habe die Koordination zwischen Polizei und Rettungskräften nicht funktioniert, was aber folgenlos geblieben sei, da sowieso „niemand habe gerettet werden können“.

- Zwar ist nicht ermittelt worden, wie Steinhäuser am Tattag in die Schule gekommen ist, warum er auf diesem Weg, zwischen der elterlichen Wohnung und der Schule pendelnd, mehrmals – mal mit seinem todbringenden Gepäck, mal ohne – gesehen wurde, wo er zwischenzeitlich seine schwere Sporttasche deponiert hatte, und wie er es überhaupt schaffen konnte, „rechtzeitig“ in der Schule anzukommen, doch stehe fest, dass er es eben irgendwie geschafft habe. Möglicherweise doch mit einem Auto? Möglicherweise mit einem schwarzen BMW, nach dem die Erfurter Polizei in den Tagen nach der Tat suchte?

- Zwar sei es glaubwürdig, was ein Lehrling berichtet, der mit Renovierungsarbeiten in der Gutenbergschule beschäftigt war; nämlich dass er am Morgen des 26.April angerufen und dringend davor gewarnt worden sei, zur Arbeit zu gehen, wenn ihm sein Leben lieb sei, doch seien „von heute aus bestehende Möglichkeiten einer weitergehenden Aufklärung oder Gesichtspunkte einer Verbindung des fraglichen Warnanrufs mit der Tat… nicht ersichtlich“.

Immerhin hat die Kommission veranlasst, den von dem Lehrling der Mittäterschaft verdächtigten BMW-Fahrer (ein Drogenhändler, zu dem nach Aussage des Lehrlings auch Robert Steinhäuser Kontakt gehabt haben soll), von der Polizei befragen zu lassen. Ob er Steinhäuser kenne. Antwort: Nein, außer durch die Medienberichterstattung nach der Tat. Damit war die Sache erledigt, obwohl dieser Lehrling zwei Tage vor der Tat von mehreren maskierten Personen (darunter mindestens einer jungen Frau) aus dem Umfeld dieses möglichen Mittäters bedroht worden war und deshalb von der Polizei beschützt werden musste. All dies deutet auf einen völlig anderen Tathintergrund hin.

Eine Untersuchung, die diesen Namen verdiente, hätte zur Aufgabe, die verschiedenen Zeugenaussagen zu einem nachvollziehbaren Tatablauf zusammenzufügen, anstatt sie konsequent der ersten Annahme vom Einzeltäter unterzuordnen. Von der Thüringer Landesregierung ist eine solche Untersuchung wohl nicht mehr zu erwarten. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist nach Meinung mancher Beobachter seit Jahren überfällig.

Der angekündigte Besuch des Bundeskanzlers in der Gutenbergschule am kommenden Montag prägte die Stimmung am Donnerstag, dem ersten Schultag. Es soll noch eine Gedenktafel angebracht werden, auf der die Namen aller 16 Opfer eingraviert sind. Darüber steht: „Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt.“ Täuscht es, oder schwingt in diesem Satz, auf den sich die Hinterbliebenen mit der Schuldirektorin geeinigt haben, auch so etwas wie Resignation mit?

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