Zeitung Heute : Verzerrte Bilder

KATRIN HILLGRUBER

Birgit Vanderbeke macht der Lyrikerin Inge Müller VorhaltungenKATRIN HILLGRUBERDer kecke Versuch einer Entmythisierung sollte Birgit Vanderbekes Auftritt in der Schaubühne sein.Das Vermögen der Lyrikerin Inge Müller habe vor allem darin bestanden, das was weh tut, auch in der Sprache weh tun zu lassen.Aber sonst war doch alles nicht so schlimm, hätte der Tenor dieser Rede aus der Reihe "Die einen über die anderen" lauten können.1925 und 1956 - die Geburtsjahre von Müller und Vanderbeke trennt eine Generation und die entscheidende Erfahrung des Zweiten Weltkriegs.Das Kind Birgit, erinnerte sich die Vortragende, habe zunehmend enerviert und gleichgültig auf die Kriegsveteranen reagiert, die offenbar tagelang in der Straßenbahn zugebracht hätten, um ihre Erlebnisse unter die Leute zu bringen.Juden seien gar nicht vorgekommen, weder in der Wirklichkeit noch in Erzählungen der Älteren.Das war der schlimmste Vorwurf, den sie an Inge Müllers Adresse richtete: sie habe ihr Kriegstrauma, das zum Auslöser der Depression wurde, "judaisiert".Ihre Not sei keine jüdische Lebensnot gewesen wie die Paul Celans.Richard Pietraß hatte das Los der beiden Lyriker in einem Nachwort zu dem Gedichtband "Wenn ich schon sterben muß" (1987) in Beziehung gesetzt, sie und zugleich Wladimir Majakowski als Wahlverwandte bezeichnet.Die Referentin fand das unstatthaft, ja geschmacklos.Nur können die Verstorbenen bekanntlich nichts für ihre Apologeten. Einerseits plädierte Birgit Vanderbeke für Diskretion gegenüber Inge Müller mit dem seltsamen Argument, Einfühlung habe allein den Lebenden zu gelten, da sie die Erinnerung an die Toten schände.Folglich wollte sie sich mit den - für das Werk der "zufällig Übriggebliebenen" (Inge Müller über sich selbst) maßgeblichen - Lebensumständen nicht weiter beschäftigen.Andererseits meinte sie genau zu wissen, daß Inge Müller als Privilegierte durch zwei Diktaturen gegangen sei: es gebe kein Indiz dafür, daß sie unter den politischen Umständen gelitten habe, befand sie.Mit Verlaub: woher weiß Birgit Vanderbeke das, und gibt es denn nur äußere Not? "Was war das für eine Biographie, aus der 1996 noch Küchenlieder gemacht wurden?" fragte sie sich in Anspielung auf den von Ines Geipel herausgegebenen Sammelband zu Inge Müller, der im vergangenen Jahr unter dem Titel "Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn" im Aufbau-Verlag erschienen war.Ihrem Ansatz, einer Erotisierung der Dichterin bei gleichzeitiger Tabuisierung des Werks entgegenzuwirken, ist durchaus zuzustimmen. Sicherlich sollte das Wissen um Inge Müllers lange angekündigten und 1966 vollzogenen Freitod den kritischen Blick auf ihre Arbeiten nicht verstellen.Doch Birgit Vanderbekes Abwehrhaltung ließ - abgesehen von der abgeschmackten "Judaisierungs"-Anklage - gleichfalls den Sinn für die literaturgeschichtliche Dimension vermissen.Inge Müllers Verdienst, die "Chiffre 45" in die DDR-Literatur eingeführt zu haben, bleibt ungeschmälert.Damit hatte sie Anfang der sechziger Jahre einen bis zu diesem Zeitpunkt blinden Fleck markiert: die Thematisierung des Kriegserlebnisses mitten im antifaschistischen Aufbaupathos.

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