Zeitung Heute : Verzichten auf

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bitte halten Sie mich nicht für verrückt, aber ich finde, man sollte in Berlin eine Sperrstunde einführen. Sie denken jetzt bestimmt: Mit dem Haaksman wird es ja immer schlimmer, erst sagt er, dass er keine Drogen mag, und jetzt fordert er auch noch eine Sperrstunde. Aber warten Sie kurz, ich sage Ihnen, warum ich glaube, dass das für Berlin gar nicht so schlecht wäre. Kürzlich habe ich nämlich bei einem Aufenthalt in London festgestellt, dass eine Sperrstunde durchaus positive Auswirkungen auf das Feierverhalten haben kann. In London haben die Clubgänger und DJs viel mehr Spaß am Feiern – weil die Zeit, in der man sich amüsieren kann, klar begrenzt ist. Alle wissen: Um drei ist Schluss, bis dahin muss man sich eben amüsieren. Das heißt: Die Clubgänger sind früh da, stürmen gleich auf die Tanzfläche, sind um halb eins schon alle betrunken, um drei geht das Licht an, alle haben Spaß gehabt und vorbei ist es mit der Party. Und um vier liegt man im Bett und der nächste Tag ist nicht völlig ruiniert. Seien Sie ehrlich: Was kann es eigentlich Besseres geben?

Das bringt mich zu einer weiteren Forderung. Ich finde, man sollte nicht nur eine Sperrstunde einführen, man sollte auch die Eintrittspreise in den Berliner Clubs drastisch erhöhen. Denn ich habe den Eindruck, dass die Berliner Clubgänger total übersättigt sind und eigentlich durch nichts mehr stimuliert werden. Das hängt vor allem damit zusammen, dass man jeden Abend auf zig Partys für durchschnittlich vier bis sechs Euro kann. Klar: Da kann die Qualität der Clubs und des DJ-Programms nur baden gehen. Die Lösung wäre dabei ganz einfach: Würden die Berliner Clubgänger mehr bezahlen müssen, würden sie a) es sich dreimal überlegen, in einen Club zu gehen, wenn ihnen eigentlich nur langweilig ist, b) bei einem Eintrittspreis von 25 Euro verlangen können, dass ihnen musikalisch etwas geboten wird, der Club saubere Toiletten, ein gutes Soundsystem und freundliches Barpersonal hat – also vieles von dem, was man in Berliner Clubs häufig vermisst. Unterm Strich würde das bedeuten: bessere Stimmung in den Clubs, aufregendere auswärtige DJs in der Stadt – Clubbing, das wieder Spaß macht.

Okay, bevor Sie jetzt denken, ich wäre der Klaus Wowereit des Partyfeuilletons, weil ich ähnliche Forderungen stelle wie Befürworter von höheren Studiengebühren und Eliteunis. Das war natürlich alles nicht ernst gemeint. Aber es sind Gedanken, die mir manchmal in den Sinn kommen, wenn ich am Wochenende in einem der Berliner Clubs stehe. Der DJ spielt vor sich hin, auf der Tanzfläche passiert wenig, die Stimmung ist mau und ich frage mich: Warum gehen diese Leute eigentlich feiern, warum legt dieser DJ so langweilig auf? Was macht Clubbesuche in anderen Städten wie London aufregender? Was könnte man anders machen, damit Clubbing in Berlin wieder Spaß macht? Sie können es dieses Wochenende schon mal im Kleinen ausprobieren: Heute und morgen einfach mal zu Hause bleiben – es gibt nämlich leider keine nennenswerte Partys, für die es sich wirklich lohnen würde, auszugehen. Verlegen Sie das Feiern einfach auf nächstes Wochenende. Da stehen nämlich bessere Partys an. Und für die lohnt es sich doch einmal zu verzichten, oder?

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